Griff zur Tiefkühlkost

Superfood ohne Superfans: Niemand will noch Heidelbeeren pflücken 

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Warum in die Ferne schweifen? Waldheidelbeeren sind die heimische Antwort auf Acai-Beeren, dem exotischen Superfood aus Südamerika.

Aktualisiert am 9.7.2018: Heidelbeeren sind reich an Vitamin C, Vitamin E und Folsäure sowie an Mineralstoffen und Spurenelementen wie Kalium, Eisen und Zink. Sie enthalten den löslichen Ballaststoff Pektin und Gerbstoffe. "Beide Inhaltsstoffe sind wichtig für unseren Darm, sagt die Frankenberger Ernährungsberaterin Dr. Gabriele Knipp: Pektin unterstützt die Darmflora, Gerbstoffe entgiften und beruhigen den Darm.

Und trotzdem hält sich das Interesse daran in Grenzen, die kleinen blau-schwarzen Früchte, die übrigens besonders gut in Rhododendronerde wachsen, zu ernten. Woran liegt das?

Zahl der Heidelbeeren-Pflücker sinkt seit Jahren 

 „Viele der Frauen, die jahrzehntelang zum Pflücken kamen, sind jetzt zu alt oder gestorben“, sagt Arno Süssmann vom Forstamt Burgwald.

Auch die Landfrauenbezirksvereine Frankenberg und Korbach beobachten diese Entwicklung. „Bis in die 1990er-Jahre hinein gehörte es für viele Frauen zur alljährlichen Selbstverständlichkeit, mit den Kindern in die Heidelbeeren zu gehen“, schildert zum Beispiel Elfriede Höhne (Frankenberg). „Die jüngeren Frauen sind heute berufstätig und haben dafür keine Zeit. Sie greifen oft auf Tiefkühlkost zurück“, ergänzt Elke Jäger (Waldeck).

Beim Beerenpflücken: Gisela Schneider aus Ernsthausen (links) und ihre Schwägerin Monika Vogel aus Frankenberg pflücken Heidelbeeren im Burgwald.

Marmelade aus Heidelbeeren

Dabei lassen sich frisch so schöne Sachen mit der Heidelbeere zaubern: das enthaltene Pektin sorgt zum Beispiel dafür, dass Marmelade aus diesen Beeren besonders gut gelingt. Dr. Gabriele Knipp empfiehlt Thymian oder Rosmarin geben der Heidelbeermarmelade eine feinherbe mediterrane Note.

Die wild wachsenden Waldheidelbeeren liegen bei der gesundheitsfördernden Wirkung übrigens ganz weit vorn. Sie enthalten mehr von den gesunden sekundären Pflanzenstoffen als die Kulturheidelbeeren. Ob man Kulturheidelbeeren oder wild wachsende Waldheidelbeeren genascht hat, sieht man an der Zunge - nur die Waldheidelbeeren färben Lippen, Zunge und Zähneblau. Verantwortlich dafür sind die so genannten Anthocyane.

Heidelbeeren schützen Herz und Gefäße

Ernährungswissenschaftler sind sich allerdings einig, dass der positive Effekt einer beerenreichen Kost auf unsere Gesundheit weniger an einem einzelnen Pflanzenstoff, sondern vielmehr am Zusammenspiel aller gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe der Beeren liegt. So schützt die Kombination aus Farb- und Gerbstoffen das Herz und die Gefäße. Das Powerpaket wirkt auch entzündungshemmend und antibakteriell.

Schon die Volksmedizin kannte die heilende Wirkung der Heidelbeere: Getrocknet sind sie ein altes Hausmittel bei Durchfall. Aber aufgepasst, frische Heidelbeeren bewirken eher das Gegenteil.

Rat der Expertin: Wer Heidelbeeren im Wald sammelt, sollte die Früchte vor dem Verzehr gründlich waschen. Beim Kauf von Heidelbeeren sollten die Beeren locker in der Schale liegen. Man erkennt frische Früchte am prallen Aussehen und einer leichten Pelzschicht. Heidelbeeren sollten im Kühlschrank aufbewahrt werden (Lesetipp: Welches Obst und Gemüse darf in den Kühlschrank?)

Fuchsbandwurm keine große Gefahr

Wie groß ist die Gefahr, dass man sich beim Verzehr der rohen ungewaschenen Heidelbeeren mit dem Fuchsbandwurm (Echinokokkus) infiziert? Dazu sagt der Fachdienst Gesundheit Waldeck-Frankenberg: „Es konnte bisher durch keine wissenschaftliche Untersuchung belegt werden, dass der Echinokokkus durch an Beeren haftenden Ausscheidungen von Füchsen übertragen wird. Zudem gab es 2015 (letzte statistische Erhebung) bei über 80 Millionen Einwohnern in Deutschland nur 45 an das Roland-Koch-Institut gemeldete Fälle. Das Risiko einer Infektion ist extrem gering.“

Wer im Wald unterwegs ist, sollte sich aber unbedingt vor Zecken schützen. Bisse können, wie kürzlich erneut berichtet, Borreliose verursachen. In Marburg-Biedenkopf wurde durch Zeckenbiss auch Frühsommer-Meningoenzephalitis übertragen.

Heidelbeeren: Ernte im Landkreis Waldeck-Frankenberg

Hauptgebiet der Heidelbeeren im Landkreis ist der Burgwald. Dort sind die Früchte schon seit Ende Juni reif. Auch im Upland bei Willingen wachsen sie. Dort können sie bereits ebenfalls geerntet werden – vier Wochen früher als sonst, sagt Hans Görzen. Der Natur- und Landschaftsführer ist oft auf der Hochheide, dem Osterkopf, dem Kahlen Pön und dem Ohrenberg unterwegs. Er hat den Eindruck, dass nach einem enormen Rückgang die Zahl der Heidelbeerpflücker nun wieder zunimmt. „Aber aus Hobby, nicht aus Armut, wie früher mal“, sagt Görzen. Unter den Pflückern seien oft Tagesausflügler und Familien. Es gehe ihnen nicht in erster Linie um die Menge, sondern um die Erholung und die Freude an der Natur.

Lange vorbei sind die Zeiten, als die Menschen in mühsamer Kleinarbeit zentnerweise Beeren zum Weiterverkauf pflückten und sich insbesondere in der Nachkriegszeit einen Zuverdienst sicherten. „Das gewerbsmäßige Pflücken ist heute verboten. Gepflückt werden darf nur für den Eigenbedarf. Das gilt auch für andere Beeren und Pilze“, sagt Arno Süssmann. 

Rezepte mit Heidelbeeren: Lecker und einfach

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Die Frankenberger Ernährungsberaterin Dr. Gabriele Knipp empfiehlt Heidelbeeren zur jeder Tageszeit. Genießen Sie... 

  • zum Frühstück Heidelbeer-Quark mit Buchweizen. Für eine Person brauchen Sie 125 g Heidelbeeren, 150 g Magerquark, 2 Esslöffel Zitronensaft, 1 Teelöffel Honig, 1 Esslöffel Buchweizen, geröstet.
  • zum Mittagessen einen Blattsalat mit Heidelbeeren und Walnüssen und einem Dressing aus 1 Esslöffel Himbeeressig, 1 Messerspitze Senf, ½ Teelöffel Honig, 2 Esslöffel Walnussöl, Salz und Pfeffer. 
  • zum Kaffee Heidelbeer-Pfannkuchen. Für 4 Portionen benötigen Sie 250 g Mehl, 3 Teelöffel Backpulver, 50 g Zucker, eine Prise Salz und 2 Eier sowie 200 g frische Heidelbeeren. Die Heidelbeeren unter den Pfannkuchenteig heben und die Pfannkuchen in etwas Öl ausbacken.
  • zum Abendessen gratinierter Ziegenkäse auf Ruccola mit Heidelbeeren und einem Dressing aus Essig, Olivenöl, Senf, Honig, Pfeffer und Salz und Schalotten-Würfeln.

Rezept: Gisela Schneiders Hefekuchen mit Heidelberen

So backt Gisela Schneider ihren Heidelbeer-Kuchen: 

  • 500 g Mehl, 100 g Zucker, ein Päckchen Trockenhefe kalt verrühren. 
  • Ein Ei, 50 g Butter, 250 ml lauwarme Milch, eine Prise Salz kneten, bis der Teig sich von der Schüssel löst. 
  • Teig gehen lassen, dann erneut kneten und aufs Blech ausrollen, mit Heidelbeeren belegen, etwas Zucker drüberstreuen. Etwa eine halbe Stunde backen, Umluft zunächst 180 Grad, sonst 200 Grad, nach zehn Minuten auf 160 beziehungsweise 180 Grad zurückschalten. 
  • Wenn der Teig in der Mitte braun ist (mit Pfannenwender Teich anheben und nachsehen), dann ist der Kuchen gut.

Unterwegs beim Heidelbeer-Pflücken: Für einen Kuchen reicht’s

Unsere Redakteurin Martina Biedenbach begleitete zwei Frauen beim Heidelbeer-Pflücken: „Hier gibt es welche, doch es waren schon Pflücker da!“, sagt die Ernsthäuserin Gisela Schneider (67). Sie ist mit ihrer Schwägerin Monika Vogel (70) aus Frankenberg im Burgwald zwischen Ernsthausen und Roda – im Bereich Rabenloch – auf Heidelbeer-Suche. 

Wir stapfen eine Weile durchs Gestrüpp, machen dann halt und fangen an zu pflücken. Wir haben Joghurt-Eimerchen oder eine Blechdose umgeschnallt. „Milchkännchen, wie früher habe ich keines mehr“, sagt Monika Vogel.

Geschafft: Die Pflückeimerchen sind voll. Knapp vier Liter haben Gisela Schneider (Foto) und Monika Vogel eingesammelt und mit nach Hause gebracht.

Die Frauen haben ihre Kindheit in Ernsthausen und Burgwald verbracht. „Früher ging es zur Heidelbeerzeit immer in den Wald“, erzählt Gisela Schneider. „Das hat uns Kindern Spaß gemacht!“ Ihre Mutter verlangte nicht, dass sie ihr Töpfchen voll pflückte. Und das Abrechen der Früchte mit einem Beerenkamm kam nicht in Frage. Gepflückt wurde in ihrer Familie nur für den Eigenbedarf – nicht für den Verkauf.

„Wir hatten es gut, wir wohnten im Burgwald. Andere legten weite Strecken mit dem Fahrrad bis zum Wald zurück“, sagt die Ernsthäuserin.

Sie setzt sich auf den Waldboden und pflückt im Sitzen. „Das Bücken ist nichts mehr für mich“, erklärt sie. Die Sonne scheint, es weht ein laues Lüftchen. Vögel zwitschern. Ein Zitronenfalter flattert über die Heidelbeersträucher. „Es ist einfach schön, im Wald zu sein“, sagt Monika Vogel.

Das finde ich auch. Und die Beeren schmecken gut, wie ich beim Probieren feststelle. Beim Pflücken komme ich allerdings überhaupt nicht voran. Noch nicht einmal der Boden des Eimerchens ist nach einer Viertelstunde bedeckt. Die Beeren sind sehr klein. Es ist zu trocken.

Hochgenuss: Gisela Schneider hat einen Hefekuchen mit Heidelbeeren gebacken. Ehemann Siegfried (rechts) und Nachbar Bernd Schneider schmeckt er vorzüglich.

„Kommt, wir suchen eine bessere Stelle!“, sagt Gisela Schneider, die noch keine einzige Beere probiert hat. Aus Prinzip, nicht aus Angst vorm Fuchsbandwurm, isst sie erst zuhause welche. Weiter oben an der Weggabelung gibt es rechts und links Beeren, aber auch die sind klein. Hier lasse ich die beiden Frauen zurück. Die Arbeit in der Redaktion ruft. Ich wäre gerne noch im Wald geblieben. Gisela Schneider schüttet ihre gesammelten Beeren in mein Töpfchen, so habe ich zumindest etwas zum Vorweisen.

Nach gut zwei Stunden machen auch die Frauen Schluss. Es reicht für jeweils einen Blechkuchen. Das war ihr Ziel. Am nächsten Nachmittag lassen sich in Ernsthausen Gisela Schneiders Ehemann Siegfried sowie Nachbar Bernhard Schneider den Heidelbeerkuchen schmecken.

Blick in die Geschichte: Täglich Waggons voller Heidelbeeren

Die Heidelbeerernte war bis zur zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein wichtiger Nebenerwerb für die Menschen im Upland und in der der Burgwaldregion.

Im Burgwald begann es mit dem Bahnbau 1890: Während der Erntesaison rollten von den Bahnstationen zwischen Frankenberg und Marburg abends Wagenladungen voll Heidelbeeren in Richtung Frankfurt. Meldungen in den Lokalzeitungen berichteten über die Tagespreise, Aufkäufer kamen in die Dörfer und überboten sich bei starker Nachfrage.

Dass dabei angesichts der herrschenden Armut die Arbeitskraft von Kindern, wie in der Landwirtschaft auch sonst üblich, ausgenutzt wurde, problematisierte 1897 niemand, als eine Meldung aus Münchhausen hieß: „Ein 10-14jähriges Kind verdient immer 1,20 Mk. täglich und darüber. Diesen Verdienst spüren die Eltern sehr, denn gar manches Kleidungsstück wird den Kleinen von dem Gelde beschafft. Vor dem Eisenbahnbau nach Frankenberg war an ein Verdienst durch Pflücken von Heidelbeeren in großem Maßstabe nicht zu denken, und jetzt wandern alljährlich für mehrere Tausend Mark Heidelbeeren allein aus dem hiesigen Ort nach auswärts.“

Fleißige Frauen: Elfriede Beaupain (rechts), heute 90 Jahre, gehörte bis vor zehn Jahren zu den fleißigsten Heidelbeerpflückerinnen in Wiesenfeld. Das Foto von 2005 zeigt sie mit der in diesem Jahr verstorbenen Johanna Beaupain.

Im Juli 1905 kam es auf der Ortsstraße von Rosenthal zu einer kleinen Revolte der Kinder, als ein Händler ihnen nur 6 Pfennig pro Pfund bezahlen wollte. „Da nahte der Retter in Gestalt eines Radfahrers aus Roda“, der bekanntgab, immer einen Pfennig mehr für das Pfund als andere Händler zu zahlen. Der Preis stieg daraufhin um das Doppelte.

„Einen Heidelbeersegen, wie er seit Jahrzehnten nicht da war, brachte dieses Jahr der sonst arme Burgwald. Allein das Dorf Ernsthausen lieferte in 2 Wochen nahezu für 10.000 bis 11.000 Mark Heidelbeeren. Ganze Waggonladungen werden wöchentlich versandt“, meldete eine Lokalzeitung 1910. Am Bahnhof Münchhausen wurden damals 300 Zentner Heidelbeeren an 20 Versandtagen in hunderten von Körbchen verladen. In späteren Jahren brachte man hier auch Heidelbeeren aus der Bunstruth zum Versand.

Besonders in den Notjahren des Zweiten Weltkriegs reiste die unter Nahrungsmangel leidende Bevölkerung aus Südhessen kilometerweit zum Beerensammeln in den Burgwald. Dann stiegen an einem Tag am Münchhäuser Bahnhof bis zu 720 Menschen aus.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die Heidelbeeren ein wichtiger Nebenerwerb: 1954 wurden aus dem Burgwald etwa 5000 Zentner Beeren geliefert, hinzu kamen etwa 2000 Zentner für den Eigenverbrauch bei einem Preis von 40 Pfennig.

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