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Wie Embargo gegen Russland die Ernsthäuser Firma Kahl & Schlichterle trifft

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Von: Martina Biedenbach

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350 00 Euro-teure Abfüllmaschine: Esther Kahl und Bernd Schlichterle von der Geschäftsführung von Kahl & Schlichtere stehen vor der Getränkeabfüllmaschine, die wegen des Ukraine-Kriegs nicht an den russischen Kunden geliefert werden kann.
350.000 Euro-teure Abfüllmaschine: Esther Kahl und Bernd Schlichterle von der Geschäftsführung von Kahl & Schlichtere stehen vor der Getränkeabfüllmaschine, die wegen des Ukraine-Kriegs nicht an den russischen Kunden geliefert werden kann. © Martina Biedenbach

Seit Februar steht eine fertig überholte Getränkeabfüllmaschine im Wert von 350.000 Euro bei der Ernsthäuser Firma Kahl & Schlichterle. Sie kann sie wegen des Embargos dem russischen Kunden nicht ausliefern.

Burgwald-Ernsthausen – Ob Bolivien in Südamerika oder Burundi in Afrika. Die Firma Kahl & Schlichterle, die gebrauchte Getränkemaschinen generalüberholt und weiterveräußert, hat Kunden in aller Welt und kennt sich mit dem Export der schweren Maschinen aus. Doch eine Situation, wie jetzt nach Putins Überfall auf die Ukraine, hat das Unternehmen aus Ernsthausen noch nicht erlebt. Seit Monaten steht eine große Getränkeabfüllmaschine für einen russischen Kunden auf dem Firmengelände und kann aufgrund des Handelsembargos nicht ausgeliefert werden.

Wie berichtet, hatte Kahl & Schlichterle die Maschine, die 30.000 PET-Flaschen pro Stunde abfüllen kann, für den russischen Kunden erworben und überarbeitet. Die Arbeiten waren Ende Februar fertig. Der Antrag für eine Sondertransport-Genehmigung der vier Meter breiten, sechs Meter langen und 22 Tonnen schwere Maschine auf dem Landweg nach Moskau wurde gerade vorbereitet. Doch dann kamen der Krieg und das Wirtschaftsembargo.

Nun steht die 350.000 Euro teuere Maschine ungenutzt in einer Maschinenhalle, 175.000 Euro hat der Kunde bereits für den Ankauf der gebrauchten Maschinen gezahlt. Es sind also noch 175.000 Euro offen – kein Pappenstiel für das mittelständische Unternehmen in Ernsthausen.

Der Fall erregte Aufsehen. Nachdem unsere Zeitung am 25. Februar über die Situation berichtet hatte, waren ein HR3-Radioteam sowie Fernsehteams von Hessenschau, RTL und ZDF in Ernsthausen. „Danach habe ich weitere Presse-Anfragen abgelehnt“, schildert Bernd Schlichtere, einer der Geschäftsführer.

Die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg hatten ihn gebeten, in einer Online-Veranstaltung die Situation zu erläutern..

Eine Lösung sei nicht in Sicht, informieren Schlichterle und Mitgeschäftsführerin Esther Kahl. Sie nennen drei unüberwindliche Hindernisse.

Hindernis 1: Gemäß den Sanktionsmaßnahmen der Europäischen Union gegen Russland gelten Getränkemaschinen als Dual-Use-Güter und dürfen nicht ohne Ausfuhrgenehmigung des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle nach Russland ausgeführt werden.

Hindernis 2: Selbst wenn die Firma rein theoretisch eine Ausfuhrgenehmigung erhalten würde, könnte die Bezahlung nicht abgewickelt werden.

Hindernis 3: „Und selbst, wenn die Bezahlung geregelt werden könnte – welche Spedition will denn die Maschine nach Russland bringen?“, fragt Schlichterle.

Erfahrung mit Handelsembargos hat die Firma bereits. „Für Lieferungen in den Iran mussten in der Vergangenheit Anträge auf Ausfuhr gestellt werden, die immer mit einem so genannten Nullbescheid positiv erteilt wurden“ sagt Esther Kahl. Zudem dürfen Maschinen nicht an jeden Kunden ausgeliefert werden. „Für unser Unternehmen gelten Sanktionslisten der EU, auf denen Personen und Unternehmen gelistet sind, die nicht beliefert werden dürfen. Wir gleichen mit spezieller Software Namen von Personen und Unternehmen ab, bevor wir einen Auftrag bestätigen, was als Compliance-Screening bezeichnet wird“, erklärt die Geschäftsführerin.

Wie lange Kahl & Schlichterle noch auf die Auslieferung der Abfüllmaschine nach Russland und auf die 175.000 Euro warten muss, das steht in den Sternen. Die Maschine einem anderen Kunden anzubieten, das sei bisher aber noch nicht Thema im Unternehmen gewesen.

„Unser wirtschaftlicher Schaden, der aus dem russischen Angriff auf die Ukraine entsteht, steht in keinem Verhältnis zu den negativen Auswirkungen dieses Krieges. Primär geht es um die ukrainische Bevölkerung, die sehr viel Leid, Schmerz und Verluste zugefügt bekommt“, sagte Schlichterle schon im Februar und betont das auch heute. „Hinzu kommen die Hungersnöte, die mit den fehlenden Getreideexporten an arme Länder verbunden sind.“

Existenzbedrohend sei der Schaden für die Ernsthäuser Firma nicht. Sie habe bisher zwar bereits etliche Getränkemaschinen nach Russland geliefert – und zwar immer ohne Probleme – aber: „Die Welt ist groß. Wir orientieren uns um und suchen andere Kunden“, sagt Schlichterle. (Martina Biedenbach)

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