In Not wegen Corona

Wohin mit dem Circus? Familie Barelli muss aus Quartier in Ernsthausen raus

In Schwierigkeiten: Der Circus Barelli muss sein Quartier im ehemaligen Betonwerk in Ernsthausen verlassen. Hier (von links) die Familienmitglieder Eschli Barelli (15), Ramona Barelli (44), Jongleur Anthony Barelli, Hundedompteur Edi Laforte, Jongleur Francesco Barelli sowie Franz Barelli (32). ArchiV
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In Schwierigkeiten: Der Circus Barelli muss sein Quartier im ehemaligen Betonwerk in Ernsthausen verlassen. Hier (von links) die Familienmitglieder Eschli Barelli (15), Ramona Barelli (44), Jongleur Anthony Barelli, Hundedompteur Edi Laforte, Jongleur Francesco Barelli sowie Franz Barelli (32).

Der Circus Barelli braucht eine neue Unterkunft. Das Betonwerk in Burgwald-Ernsthausen, wo der Circus aufgrund von Corona seit über einem Jahr festsitzt, soll verkauft werden.

Ernsthausen - Der Circus Barelli weiß nicht wohin. Jochen Pfeiffe,. Besitzer des Betonwerks an der Bundesstraße 252 in Ernsthausen, will das Fabrikgelände verkaufen und hatte dem Circus Barrelli den Pachtvertrag zum 31. Dezember 2020 gekündigt.

Der Circus ist immer noch da. Wie berichtet, hatte die Familie Barelli-Spindler das Betonwerk zunächst für den Winter 2019/20 gepachtet. Seit März 2020 konnte die Familie wegen der Pandemie nicht mehr reisen und auftreten, wodurch sie in finanzielle Not geraten ist. Nur mit Spenden kann sie nach eigenen Angaben für Futter für ihre Tiere sorgen. Gebeutelt durch die Pandemie, komme nun noch die Kündigung hinzu. „Wo sollen wir hin? Elf Menschen und 30 Tiere sind nicht so einfach unterzubringen. Wir können kaum noch schlafen. Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Ramona Barelli.

Franz Barelli fügt hinzu: „Wenn es hart auf hart kommt und wir wirklich hier raus müssen, keine Möglichkeit finden, wo wir uns für die nächsten Monate einrichten können, sind wir gezwungen, die Tiere zu verkaufen. Allein, um Futter zu kaufen, mussten wir uns schon mehrfach in den letzten Monaten von Tieren trennen, einige verkaufen.“

Hinzu kommt laut Timmy Barelli: „Wir können gar nicht so einfach hier weg. Wir mussten aus Kostengründen die meisten unserer Fahrzeuge abmelden. Wenn wir mit dem Circus umziehen wollten oder müssten, wären wir gezwungen, die Fahrzeuge und Anhänger alle wieder anzumelden, damit wir überhaupt eine öffentliche Straße benutzen könnten. Dafür haben wir im Moment überhaupt nicht die Mittel, von den Kraftstoffkosten, die ein Umzug mit sich bringen würde, will ich erst gar nicht anfangen.“

Die Barellis fühlen sich von ihrem Vermieter unter Druck gesetzt. Sie sagen, sie hätten ein Schriftstück, dass sie bis zum Ende der Pandemie bleiben könnten und dass sie immer ihre Miete bezahlt hätten. Eigentümer Jochen Pfeiffer sieht das anders (Bericht unten).

„Wir waren noch nie so lange an einem Ort wie in Ernsthausen, wir haben uns an die Menschen hier gewöhnt, unsere Kinder gehen hier zur Schule und nicht nur sie haben hier neue Freunde gefunden. Wir würden so furchtbar gerne hier bleiben, bis wir wieder reisen und gastieren können“, sagt Ramona Barelli.

Kontakt

Wer ein Gelände mit Halle/Scheune hat, wo der Circus bis zu den nächsten Auftrittsmöglichkeiten bleiben kann (auch über die Winter der nächsten Jahre), kann sich bei Ramona Barelli, Tel. 01 57/32 81 88 73, melden.

Eigentümer Pfeiffer will das Betonwerk verkaufen

Der Eigentümer des Betonwerks an der Bundesstraße 252 in Ernsthausen, Jochen Pfeiffer, betont, dass er dem Circus Barelli zum 31. Dezember 2020 gekündigt habe – nicht zum 30. Juni 2021, wie der Circus es in einer Pressemitteilung darstellt. „Ich habe einen möglichen Käufer für Gebäude und Fabrikgelände. Doch der Verkauf kann nur realisiert werden, wenn der Circus ausgezogen ist“, sagte er am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung.

Pfeiffer verweist darauf, dass er die Immobilie zunächst nur bis April 2020 an die Barellis verpachtet hatte. Als diese dann wegen Corona nicht reisen konnten, habe er einen weiteren Aufenthalt dort geduldet.

Betonwerk Ernsthausen: Das Foto entstand 2013, als der mittlerweile verstorbene Unternehmer Justus Noll, hier mit Ehefrau Ingrid, das Betonwerk an Jochen Pfeiffer (links) und Hans-Martin Pohl (rechts) verkauft hatte.

Der Unternehmer aus Gladenbach hatte das Ernsthäuser Betonwerk 2013 zunächst zusammen mit Hans-Martin Pohl als Partner vom mittlerweile verstorbenen Justus Noll übernommen. Seit 2015 ist er Alleineigentümer. Ende 2019 habe er die Fertigung von Fertigbetonteilen eingestellt. Sie sei in dem Werk nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen, erläutert er. Seither konzentriere er sich auf seine Vertriebsgesellschaft, mit der er Aufträge für Betonfertigteile an Baufirmen vermittele. Das habe er vorher nebenbei auch schon gemacht.

Für das Werk in Ernsthausen habe er jedoch noch Verbindlichkeiten bei der Bank zu bedienen. Dazu reichten die Pachteinnahmen vom Circus bei Weitem nicht aus.

Weil der Circus auf dem Gelände sei, sei ihm im vergangenen Jahr sowohl ein möglicher Käufer als auch ein möglicher Pächter, der das Dreifache an Miete wie der Circus gezahlt hätte, abgesprungen. „Bei allem Verständnis für die Not der Circusfamilie: Ich kann mir als Privatmann nicht nebenbei einen Circus leisten“, sagt Pfeiffer mit Blick auf den Einnahmeverlust.

Er habe der Familie Barelli im Oktober 2020 fristgerecht zum Ende des Jahres gekündigt und das sei von Timmy Baralli-Spindler auch schriftlich bestätigt worden. „Zudem hatte ich dies damals auch Landrat Dr. Reinhard Kubat mitgeteilt und um Unterstützung für den Circus geben. Diese Unterstützung blieb jedoch aus“, sagt Pfeiffer. Falls der Circus nicht ausziehe, werde ihm nichts anders übrig bleiben, als bald eine Räumungsklage einzureichen.

Wer der mögliche Käufer des Betonwerks ist, wollte Pfeiffer nicht mitteilen. „Wir haben den Kauf zwar per Handschlag besiegelt, aber noch keinen Vertrag gemacht“ , sagt er. Und für einen erfolgreichen Verkauf sei der Auszug der Circusfamilie nötig.

Bei der Gelegenheit teilte Pfeiffer mit, dass die Firma Universelle Fertigteil-Fundamente, die zusammen mit dem ehemaligen Biodatachef Tan Siekmann im Juni 2020 dem Ortsbeirat Ernsthausen ihre Kaufabsichten für das Betonwerk erläutert hatte, nie ernsthafte Verkaufsgespräche mit ihm geführt habe. Wie berichtet, hatte die Firma Pläne vorgestellt, in Ernsthausen Betonsegmente für Fundamente von Windkraftanlagen zu bauen.

Von Martina Biedenbach

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