Der große Boss im Hintergrund bleibt unbekannt

Riesige Mengen Cannabis angebaut: Haus zur Plantage umfunktioniert

In diesem Haus in Nieder-Werbe im Landkreis Waldeck-Frankenberg wurden Drogen angebaut.
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In diesem Haus in Nieder-Werbe im Landkreis Waldeck-Frankenberg wurden Drogen angebaut.

Vier Männer bauten ein gemietetes Haus zu einer riesigen Hanf-Plantage um. Die Hintermänner werden in Serbien vermutet - und sind bisher unbekannt.

Kassel - Sie waren geständig, hatten keine Vorstrafen, die Cannabispflanzen gehören zu den eher „weichen Drogen“, die komplett sichergestellt wurden und nie in den Handel kamen: Das sind einige der Gründe, warum die vier Männer im Alter zwischen 23 und 49 Jahren, die 2019 in einem angemieteten Haus in  Nieder-Werbe professionell und bandenmäßig eine Cannabisplantage betrieben hatten, zu vergleichsweise niedrigen Haftstrafen verurteilt wurden.

Die Hintermänner, die in Serbien vermutet werden, blieben unbekannt, Bosse und Lieferanten ungenannt. „Da stehen professionelle Kriminelle dahinter“, sagte Oberstaatsanwalt Lohr in seinem Schlussplädoyer. Er verstehe das Zögern der Angeklagten, mehr auszusagen, da erheblicher Druck auf sie ausgeübt werde, aber das Schweigen habe Konsequenzen auf das Strafmaß gehabt. Die 10. Strafkammer des Landgerichts Kassel fällte nach mehreren Verhandlungstagen die Urteile.

Cannabis in Dorf in Hessen angebaut: Aus Serbien nach Nordhessen geschickt

Das unterschiedliche Strafmaß begründete der Vorsitzende Richter Robert Winter mit den unterschiedlichen Aufgaben der Angeklagten. Der 28-jährige D. sei schon mit dem Auftrag vom „unbekannten Drogenboss“ in Serbien in die Region Kassel geschickt worden, um dort eine Cannabisplantage aufzubauen. 

Laut Oberstaatsanwalt Lohr spielte er die herausragende Rolle. Er erhielt die längste Freiheitsstrafe: vier Jahre und zwei Monate. Der 24-jährige M. fungierte nach Überzeugung des Gerichts als wichtiger Mann, da er als einziger gut Deutsch sprechen konnte, in dem angemieteten Haus in der Uferstraße wohnte und sich auch um die Plantage kümmerte. Er muss für zwei Jahre und fünf Monate in Haft, ebenfalls ohne Bewährung.

Für Drogenanbau Haus in Nordhessen gemietet

Dass die Bande einen Anbau dieser Größe aufbauen konnte, ermöglichte der 25-jährige Angeklagte B.. Als Kroate und damit EU-Bürger war er in der Lage, den Mietvertrag fürs Haus abzuschließen sowie ein Auto anzumelden. Seine Strafe von einem Jahr und drei Monaten gilt auf Bewährung, weil seine Prognose günstig sei. Mutter und Brüder leben in Kassel. 

Schließlich wurde der 49-jährige D. zu einem Jahr und acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er sei erst wenige Tage vor dem Zugriff der Polizei aus Serbien eingeflogen worden, um bei der geplanten Ernte der Drogen zu helfen. Die Bewährungsstrafe fußt ebenfalls auf einer günstigen Prognose. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Hinweis zu den Drogen kam aus Serbien

Der besonders guten Ermittlungsarbeit der Polizei sei es zu verdanken, dass der illegale Drogenanbau in Niederwerbe rechtzeitig aufgedeckt wurde, betonte Richter Winter. Erst durch einen anonymen Hinweis aus Serbien seien die Behörden aufmerksam geworden. „Es ging dann Knall auf Fall“, sagte der Oberstaatsanwalt, mit hohem personellen Aufwand und moderner Technik habe man Haus und Verdächtige überwacht. Am 15. Oktober 2019 erfolgte der Zugriff. 

Es war keine kleine, amateurhafte Drogenplantage, die von April bis Oktober 2019 in dem Haus in der Uferstraße in Nieder-Werbe am Edersee angelegt worden war. Vielmehr ergaben die umfangreichen Ermittlungen der Behörden, dass mit erheblicher krimineller Energie, umfangreichen Finanzmitteln und einem genauen Plan gearbeitet wurde.

Knapp 1000 Pflanzen wuchsen im Haus

Knapp 1000 Marihuanapflanzen wuchsen auf den künstlich beleuchteten und klimatisierten Etagen des Hauses, ein Teil war bereits zum Zeitpunkt des polizeilichen Zugriffs geerntet worden. Letztlich wurden laut Anklage 21,8 Kilogramm Marihuana geerntet mit einem THC-Wirkstoffgehalt von 2,4 Kilogramm. Im Straßenverkauf hätte diese Menge über 160 000 Konsumeinheiten ergeben mit einem Verkaufswert von 250 000 bis 260 000 Euro. „Das ist das 325-fache der nicht geringen Menge“, betonte die Staatsanwaltschaft. Üblicherweise liege der Strafrahmen dafür bei fünf bis 15 Jahren Gefängnis. 

Das letztlich deutlich niedrigere Strafmaß ergab sich durch eine Verständigung zwischen Staatsanwaltschaft, Angeklagten und Gericht über Geständnisse und umfangreiche Aussagen. Der Angeklagte D., der die höchste Strafe zugemessen bekam, war nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft der Chef vor Ort, vergleichbar einem Polier auf einer Baustelle. Er hatte von den Bossen den Auftrag, die Plantage anzulegen und zu betreiben. Dafür seien ihm 1000 Euro im Monat von seinen Auftraggebern versprochen worden.

Drogen-Projekt fachmännisch aufgebaut

 Er habe zehn Kilo Cannabis pro Monat ernten wollen, die Plantage sei sehr gut vorbereitet worden. „Ohne den Zugriff der Polizei wäre das wohl auch längere Zeit erfolgreich weiter gelaufen“, so der Vorsitzende Richter, der eine erhebliche kriminelle Energie angesichts der Professionalität der Anlage feststellte. Gab und gibt es weitere Plantagen? Oberstaatsanwalt Lohr hält es für wahrscheinlich, da das Projekt fachmännisch aufgebaut worden sei.

Zudem habe der Angeklagte D. schon im Jahr 2016 etwa 11.000 Euro für entsprechende Geräte und Ausrüstung ausgegeben. „Das hat seither sicher nicht herumgelegen.“ Außerdem lasse die Vorgehensweise ein erhebliches Erfahrungswissen vermuten. Alle vier Angeklagten hatten sich vor Gericht für ihr Fehlverhalten entschuldigt. Sie sitzen seit knapp zehn Monaten in Untersuchungshaft. Zwei der vier Haftbefehle wurden aufgehoben.  (Ulrike Lange-Michael)

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