Schulleiter Markus Wagener im Interview

Start mit Corona an der Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen

Alles Gewöhnungssache: Die Maske gehört in der Coronazeit zum Schulalltag.
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Alles Gewöhnungssache: Die Maske gehört in der Coronazeit zum Schulalltag.

Am heutigen Montag beginnt ein neues Schuljahr. Zum Start mit der Corona-Pandemie Markus Wagener, Schulleiter der Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen.

Hessen will den Schulbetrieb nach den Sommerferien landesweit im Präsenzunterricht starten – allerdings unter zunächst verschärften Corona-Regeln. Dazu zählt für die ersten beiden Wochen des neuen Schuljahres eine Erhöhung der Testfrequenz von derzeit zwei auf drei Tests pro Woche und Maskenpflicht auch am Platz, während des Unterrichts. Ist das Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Wir freuen uns alle, dass nun ein Stück Normalität zurückkommt. Es ist immer sinnvoll, das zu tun, was notwendig ist. Präsenzunterricht ist nicht zu ersetzen. An Vorsichtsmaßnahmen und Hygieneregeln haben wir uns inzwischen gewöhnt. Wir haben eine angepasste Sitzordnung und werden wie bisher weiterhin Masken tragen. Die Schüler akzeptieren das, nicht nur für den eigenen Schutz, auch aus Rücksichtnahme auf andere. Keiner ist wirklich glücklich damit, aber bis auf ganz wenige Ausnahmen will sie auch keiner ausziehen.

Vier von fünf in einer Studie befragten Kindern und Jugendlichen fühlen sich durch die Pandemie belastet, sieben von zehn Kindern geben eine verminderte Lebensqualität an. Hat das Lernen unter erschwerten Bedingungen auch Schüler mehr belastet als angenommen?

Es wurde im vergangenen Jahr viel über die Einsamkeit der Menschen gesprochen, über die Einsamkeit der Jugendlichen hat niemand berichtet. Die Situation war für viele sehr belastend, weil kein Ende zu erkennen war. Für sie war die Entgrenzung von Schule und Freizeit, von Spannung und Entspannung eine Belastung. Ihnen wurde der so wichtige Rhythmus genommen. Ihnen fehlte die Struktur.

Markus Wagener, Schulleiter der Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen.

Im Homeschooling haben wir das zunächst gar nicht wahrgenommen. Erst, als sie wieder hier waren, haben wir das bemerkt. Andere konnten sich auf die neue Art des selbstständigen Lernens leichter umstellen, sich die Zeit einteilen und eigenständig Schwerpunkte setzen. Grundsätzlich ist mir in den Phasen des Präsenzun-terrichts aufgefallen, dass die mündliche Beteiligung und Interaktion sichtbar nachgelassen hatten. Masken vermitteln auch jetzt noch immer Distanz und machen das gemeinsame Lernen nicht leicht.     

Man lernt nicht für die Schule, sondern für das Leben. Hat dieser alte Spruch auch in Corona Zeiten noch Bedeutung?

Unabhängig von Lerninhalten ist Schule auch ein wichtiger Ort, um das soziale Miteinander zu üben. Immerhin verbringen die Jugendlichen die Hälfte ihres Lebens hier. Kooperatives Lernen ist ein zentrales Element, mehr als nur Wissen sammeln. Die Jugendlichen müssen sich gerade in der Pubertät im Miteinander üben, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln und erwachsen zu werden. In dieser Zeit erlebe ich auch mehr Angst und Unsicherheit, die wir den Schülern kaum nehmen können, denn Corona ist noch nicht zu Ende. Bis das wieder normal wird, dauert sicher noch eine Weile.

Wie haben die Lehrer diese Zeit bisher erlebt?

Die Belastung ist extrem hoch, besonders durch die Wechsel zwischen den einzelnen Unterrichtsformen. Es kam häufig vor, dass ein Lehrer an einem im Wechsel- Präsenz- und Distanzunterricht unterrichten musste. Hinzu kam die immer kurzfristige Ansage aus dem Kultusministerium, wie es weitergehen sollte.

Manchmal hatten wir nur zwei Tage, um uns umzustellen. Wir haben noch nie in unserem Berufsleben so viele Pläne in so kurzen Zeitabständen umschreiben müssen. Wir haben sehr viel miteinander kommuniziert. Egal wie anstrengend es war, die Kollegen haben alles mitgetragen. Ich hoffe, dass die Politiker jetzt verstanden haben, dass wir für die Schule mehr Ruhe brauchen und mehr Verlässlichkeit bei Entscheidungen.

Luftfilter, Impfungen, Quarantäne-Regelungen, Umsetzung der Corona-Aufholprogramme – viele Punkte sind im neuen Schuljahr noch offen. Wie gut sehen Sie Ihre Schule auf das neue Schuljahr vorbereitet?

Sehr gut. Wir haben schon vieles davon umgesetzt. Luftfilter sind bereits stationär und mobil aufgestellt. Lüfter haben neben dem Luftreinigungseffekt für viele auch etwas Angsthemmendes. Bisher ist für den Austausch der Filter aber noch kein Geld da. Ich hoffe, dass das bald geklärt wird. Filter werden aber das Lüften nicht ersetzen. Wir sind froh, dass wir ausreichend Wolldecken haben, wenn es kalt wird. Sie zeigen, dass wir uns kümmern und handeln. Die üblichen Regeln gehören bei uns schon lange zu Alltag. Wir vermeiden außerdem die Durchmischung von Schülergruppen. Wir gewöhnen uns immer mehr, doch die Belastung geht weiter.

Werden die Corona - Erfahrungen zu neuen Lernformaten und Leistungsnachweisen führen?

So schwierig alles war und bleiben wird, wir machen auch große Schritte nach vorn. Unser Schulentwicklungsziel ist, aus beiden Welten – analog und digital – das Gute zu bewahren und zu verbinden. Das eine ohne das andere wird es nicht mehr geben. Wir haben gesehen, dass gemeinschaftliches Lernen auch digital möglich ist und werden schauen, in welche Unterrichtsreihen wir beides integrieren können. Das gilt in angepasster Form für alle Jahrgänge.

Viele der Kinder und Jugendliche können zwar virtuos auf dem Handy spielen, fotografieren oder sich in den Netzwerken unterhalten – sie wissen aber oft nicht, wie man ein Dokument speichert, ablegt und wiederfindet. Textbearbeitung und Dokumentation müssen noch gelernt werden.

Damit alles funktioniert, haben wir einen hauptamtlichen IT- Spezialisten, der für die Netzadministration zuständig. Ein Luxus, der sich schnell ausgezahlt hat. Ab der 8. Klasse kann man eigene Geräte mitbringen, oder wir stellen ein gerät zur Verfügung. Wir haben ja erst seit acht Monaten WLAN und müssen auch in der Hardware intensiv nachrüsten, so dass die Lehrer erst seit den Ferien eigene Endgeräte haben. Die Pandemie war gerade in diesem Bereich ein Katalysator und Beschleuniger. Manchmal ein bisschen zu schnell.

Wie wurden / werden die unterschiedlichen Online-Angebote angenommen?

Diese Angebote kommen gut an. Wir haben zum Beispiel ein Konzert und ein Sportstudio zu den Schülern nach Hause gebracht und planen im neuen Schuljahr mehr digitale Ersatzformen. Wir werden herkömmliche Arbeitsgemeinschaften und Projekte mit digitalen Angeboten und Präsentationen verbinden. Bis auf eine Klassenfahrt werden leider alle Veranstaltungen und Austauschprogramme ausfallen. Die Belastung geht weiter, dass muss man ehrlich sagen. Der Drops ist noch nicht gelutscht. Barbara Liese

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