Bilanz für das Pandemie-Jahr 2020

Corona-Krise: Beratungsstellen stehen vor vielen Problemen – Finanzierung nicht gesichert?

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie schlagen bei vielen auf die Psyche. (Symbolbild)
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Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie schlagen bei vielen auf die Psyche. (Symbolbild)

Die Corona-Pandemie und die Einschränkungen haben nicht nur viele Menschen, sondern auch Beratungsstellen vor große Herausforderungen gestellt.

Waldeck-Frankenberg – Die Corona-Pandemie hat die vier Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen der Treffpunkte in Waldeck-Frankenberg (PSKB) vor besondere Herausforderungen gestellt. Das erläuterte das Vorstandsmitglied des Treffpunkt-Kreisverbandes Friedhelm Koch in einer Bilanz über das Jahr 2020.

Zum einen verstärkt die Pandemie Ängste und Depressionen bei Menschen mit psychischen Problemen. Zum anderen mussten die Beratungsstellen aus Schutz vor Ansteckung ihr Angebot zurückschrauben. „Besonders die Gruppenangebote mussten reduziert werden. Die Kontakte haben sich von 4255 im Jahr 2019 auf 2406 fast halbiert“, sagt Koch.

Gruppenangebote fielen durch die Corona-Pandemie weg

Seit März 2020 fielen Gruppenangebote wie das Café im Treffpunkt, Gesprächsgruppen oder Freizeitangebote fast ganz weg. Sie laufen erst jetzt wieder langsam an. Das Gefühl von Einsamkeit, das aufgrund geschlossener Geschäfte und Gastronomie schon stärker wahrgenommen worden sei als vor Corona, habe sich bei vielen Klienten so noch verstärkt.

Anfang März 2020, zu Beginn der Pandemie, waren auch zunächst Einzelgespräche im persönlichen Kontakt kurzfristig eingestellt worden. Dabei sei es gerade das Ziel der PSKB, die Lebensqualität von Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden oder sich in Lebenskrisen befinden, zu verbessern. Die Treffpunkte nahmen die Beratung laut Koch aber schnell per Telefon, Videotelefonie oder bei Spaziergängen wieder auf. Auch persönliche Treffen in den Kontaktstellen fanden bald wieder durchgehend statt – allerdings mit Mund-Nasen-Schutz, was die Verständigung erschwert, da man nur ein Teil der Mimik des Gegenübers erkenne.

Finanzierung der Beratungsstelle nicht gesichert

Trotz des hohen Beratungsbedarfs ist die Finanzierung der Beratungsstellen der Treffpunkte nicht gesichert, kritisiert Vorstandsmitglied Friedhelm Koch. Zirka 30 Prozent der Kosten müsse der Kreisverband aus eigenen Mitteln, z.B. Spenden, beisteuern. Nach dem Hessischen Ausführungsgesetz zum Bundesteilhabegesetz ist der Landeswohlfahrtsverband für die Finanzierung zuständig. Eine dauerhafte Zusage fehle aber. Kreis und Kommunen leisten freiwillige Beiträge. 

Aus Sorge vor Ansteckungsgefahr nahmen weniger Klienten als sonst dieses Einzelangebot wahr. Ihre Zahl reduzierte sich von 690 im Jahr 2019 auf 558 im Jahr 2020. Seit Rückgang der Infiziertenzahl im Juni 2021 verstärke sich die Nachfrage wieder. Groß sei sie beim Betreuten Wohnen. Die Pandemie habe Depressionen und Angststörungen verstärkt, so dass immer mehr Betroffene nicht mehr alleine leben könnten.

Corona-Pandemie belastet die Psyche: Mitarbeiterinnen berichten von Erfahrungen

Die Mitarbeiterinnen der Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen (PSKB) der vier Treffpunkte im Landkreis bekommen die psychischen Auswirkungen von Corona hautnah mit: „Die Unberechenbarkeit und das Ausmaß der Pandemie sorgen für große Unsicherheit und Ängste bei den Klienten“, sagt Silvia Paesano von der Beratungsstelle in Frankenberg.

„Die Reduzierung von sozialen Kontakten, die Einschränkungen des eigenen Handlungsspielraums und Sorgen um die eigene Gesundheit können zusätzlich zu bereits bestehenden psychischen Problemen eine weitere große Belastung sein“, schildert die Diplom-Sozialpädagogin. „Dass die Belastungsgrenze überschritten ist, kann sich an unterschiedlichen Symptomen zeigen – dazu zählen sozialer Rückzug, innere Unruhe, Angst, Anspannung, Erschöpfung und Resignation, aber auch körperliche Beschwerden. Dies zeigt sich seit März 2020 deutlich in den Beratungsgesprächen.“

Sie arbeiten in den Beratungsstellen der Treffpunkte: Vorstandsmitglied Friedhelm Koch mit den Mitarbeiterinnen der Beratungsstellen (hinten von links) Nadine Schwarz (Bad Wildungen), Nicol Döhring (Bad Arolsen), Daniela Kesting (Korbach) und Silvia Paesano (vorne, Frankenberg).

Wegen Corona: Ängste von Patienten verstärken sich

Ihre Kolleginnen von den Treffpunkten in Korbach, Bad Wildungen und Bad Arolsen bestätigen diese Entwicklung. Sie weisen auf ein weiteres Phänomen hin, das sich jetzt ergibt, wo Kontakte wieder leichter möglich sind und Gruppenangebote in den Treffpunkten wieder beginnen: Bei manchen Patienten verstärkten sich Ängste gerade deshalb. Als alle zu Hause bleiben mussten, sei die eigene Zurückgezogenheit nicht aufgefallen. Nun koste es manche noch mehr Kraftanstrengung, auf andere Menschen zuzugehen.

Friedhelm Koch, Vorstandsmitglied des Kreisverbandes der Treffpunkte, würdigt die Arbeit der Kolleginnen in den Beratungsstellen unter den erschwerten Bedingungen in der Pandemie mit Homeoffice, Telefonberatung, Klientenberatung mit Mund-Nasen-Schutz und ständigen Anpassungen an Corona-Verordnungen.

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Während Silvia Paesano seit vielen Jahren in der Beratungsstelle in Frankenberg tätig ist, hat in den drei anderen Treffpunkten seit 2019 ein Generationswechsel stattgefunden: Daniela Kesting ist seit Ende 2019 in der Beratungsstelle in Korbach tätig, Nicol Döring seit Juli 2020 in Bad Arolsen und Nadine Schwarz seit 1. Juli 2021 in der Beratungsstelle in Bad Wildungen. Zusammen mit den Mitarbeiterinnen werde nun auch das Beratungskonzept der PSKB überarbeitet, sagt Friedhelm Koch.

Ansprechpartner bei Ängsten und Depression

Die vier Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstellen (PSKB) der Treffpunkte in Waldeck-Frankenberg dienen nach eigenen Aussagen dem Ziel, „die Lebensqualität von Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden und von Menschen in Lebenskrisen zu verbessern“.

Sie sind Ansprechpartner, wenn Ängste, Depressionen, psychosomatische Beschwerden, Überlastungssituationen im Berufs- und Privatleben so belastend werden, dass der Lebensalltag überschattet ist. Die Beratung in den PSKB ist kein Therapieersatz, Menschen mit einer akuten Suchterkrankung können dort nicht beraten werden.

Die Dauer der psychosozialen Beratung richtet sich nach dem individuellen Bedarf. Sie kann daher kurz- oder mittelfristig ausgerichtet sein und wird in Form von Einzel-, Paar-, Familien- oder Gruppenarbeit geleistet. Angebote zur Tagesstrukturierung und Freizeitgestaltung können ergänzend besucht werden.

Die Kontaktaufnahme erfolgt überwiegend telefonisch und steht allen Bürgern offen. In der Regel wird ein Termin zu einem Erstgespräch vereinbart mit dem Ziel, in einem ersten persönlichen Kontakt das Anliegen zu klären und die weitere Vorgehensweise zu besprechen. (mab)

So sind die Beratungsstellen zu erreichen:

  • Treffpunkt Bad Arolsen, Große Allee 16, Tel. 05691/62 81 50,
  • Treffpunkt Frankenberg, Hainstraße 51, Tel. 06451/72 43 0,
  • Treffpunkt Bad Wildungen, Hufelandstraße 12, Tel. 05621/96 58 0,
  • Treffpunkt Korbach, Flechtdorfer Straße. 11, Tel. 05631/50 69 00.
  • treffpunkte-waldeck-frankenberg.de/

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