Personal fehlt, Intensiv-Kapazitäten bald ausgelastet

Corona in Waldeck-Frankenberg: Krankenhäuser immer mehr unter Druck

Ein Mitarbeiter behandelt auf einer Intensivstation einen Covid-19-Patienten.
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Symbolbild Intensivstation

Der Druck auf die Krankenhäuser in Waldeck-Frankenberg nimmt wegen der angespannten Corona-Lage täglich zu. Die Zahl der Infizierten in stationärer Behandlung ist am Mittwoch auf 18 gestiegen.

Waldeck-Frankenberg – Gleichzeitig haben Corona-Patienten einen aufwendigeren Pflegebedarf als Patienten mit anderen Diagnosen, während es auf der anderen Seite Engpässe beim Pflegepersonal gibt. So schildern es die vier Akut-Kliniken in Bad Arolsen, Korbach, Bad Wildungen und Frankenberg auf Nachfrage unserer Zeitung.

Die Mitarbeiter – besonders der Intensivstationen – arbeiten am Limit. „Seit Beginn der Pandemie machen wir in unseren Kliniken alles möglich – bis an die Belastungsgrenze und teilweise darüber hinaus“, sagt Sassan Pur, Geschäftsführer im Stadtkrankenhaus Korbach. Pflegepersonal falle teilweise saisonbedingt wegen Krankheit aus.

Hinzu komme das bundesweite Phänomen, dass viele Beschäftigte dem Gesundheitswesen den Rücken kehren. „Der Mangel an Pflegekräften ist ein grundsätzliches Problem und hat nicht nur mit der Corona-Pandemie zu tun“, sagt Katrin Kern, Geschäftsführerin der Asklepios-Kliniken in Bad Wildungen.

Anzahl der Intensivbetten

Laut dem Intensivregister sind für Waldeck-Frankenberg 81 Intensivbetten gemeldet, von denen 73 belegt sind (Stand Mittwoch). Am Montag waren noch 83 Betten gemeldet, und im September waren es 78. Auf den Intensivstationen der vier Akut-Kliniken in Korbach, Bad Wildungen, Frankenberg und Bad Arolsen stehen zurzeit insgesamt neun Betten für die Behandlung von Covid-Patienten bereit, drei sind belegt. Hinzu kommen Betten auf den Normal-Stationen. Die Kliniken rechnen damit, dass das Gesundheits-Ministerium in den nächsten Tagen verschärfte Vorgaben machen wird, sodass weitere Kapazitäten geschaffen werden müssen.

Der Personalmangel verschärft also das Problem auf den Intensivstationen: „Freie Kapazitäten können nur dann an das Zentralregister gemeldet werden, wenn auch genug Intensivpersonal zur Verfügung steht, um diese zu betreiben“, heißt es vonseiten der Kliniken. Betten für Corona-Patienten würden nach wie vor vorgehalten. Die Kliniken machen aber keine Auskunft über die Zahl der unbesetzten Stellen. Sie äußern sich nur zur Impfquote: Die Belegschaft sei zu 90 Prozent geimpft.

70 Prozent sind nicht geimpft

Sie weisen darauf hin, dass unter den Corona-Patienten 70 Prozent nicht geimpft seien – „insbesondere bei den Schwerstkranken auf den Intensivstationen.“ Zurzeit werden 18 Corona-Patienten in Waldeck-Frankenberg stationär behandelt, vier davon auf der Intensivstation. Bei diesen Zahlen, die der Landkreis herausgibt, ist zu berücksichtigen, dass nur die Patienten erfasst werden, die sich in Kliniken in Waldeck-Frankenberg befinden. Covid-Erkrankte, die aus dem Landkreis heraus verlegt werden, werden nicht berücksichtigt.

Die Kliniken warnen davor, dass im Falle einer Überlastung planbare Eingriffe wieder verschoben werden müssten. „Aufgrund der höheren Pflegeintensität bei Corona-Patienten können wir weniger Patienten mit anderen Diagnosen behandeln.“

Modellrechnung zeigt, wie schnell Intensivstationen voll sind

Angesichts stark steigender Coronainfektionszahlen warnt die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) vor einer baldigen Überlastung von Intensivstationen. Doch wie schnell kann es soweit sein? Eine Modellrechnung aus Waldeck-Frankenberg:

Dr. Dirk Bender, Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbandes

Dr. Dirk Bender (Willingen), Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbandes, hat mit Daten zum Stichtag 18. November berechnet, wie sich die Zahlen entwickeln würden, wenn die Pandemie ungebremst weiterläuft. Er geht dabei von derzeit knapp 40.000 ungeimpften und noch nicht infizierten Einwohnern aus, einer Inzidenz von 149,5 mit exponentiellem Wachstum und einem R-Wert von 1,3 – ein Covid-19-Infizierter steckt also im Durchschnitt 1,3 weitere Personen an.

Das Ergebnis seiner Modellierung: Bis zum 10. März 2022 hätten sich mehr als 42.000 Waldeck-Frankenberger infiziert. Die Summe der Infizierten hätte dann die Summe der Ungeimpften überschritten, zuzüglich vieler Impfdurchbrüche, abzüglich einiger Ungeimpfter, die der Infektion entgehen.

Doch was bedeutet das für die Krankenhäuser? Bender erklärt: „Etwa zehn Prozent der Infizierten werden stationär behandelt, macht bis März 4246 Behandlungsfälle zusätzlich.“ Die Verweildauer beträgt im Durchschnitt eine Woche. „Das macht im Schnitt in 16 Behandlungswochen 265 Covid-Patienten stationär, in den Spitzenzeiten aber bis zu 991 Patienten“, so der Hausarzt. Davon wiederum müssten rund 100 auf einer Intensivstation behandelt werden. „Ein Covid-Patient auf Intensiv, der beatmet wird, verbringt dort im Schnitt vier Wochen und ist sehr pflegeintensiv“, sagt Bender.

81 Intensivplätze in Waldeck-Frankenberg

Im Landkreis gibt es derzeit aber nur 81 Intensivplätze. 13 Intensivbetten waren zum Stichtag frei. Davon sind laut Dr. Bender aber sieben Betten kaum nutzbar, da sie für andere Notfälle freigehalten werden müssen. Bleiben sechs Betten Reserve. „Spätestens bei einer Inzidenz von etwa 900, also in der 1. Januarwoche 2022, wären diese Betten im Modell alle voll. Und dann?“, fragt er.

Ein Intensivbett mit Beatmungseinheit steht auf einer Corona-Station.

Ob und wann dieses Szenario tatsächlich so eintritt, hängt unterdessen von vielen Faktoren ab –- unter anderem den jeweils geltenden Corona-Maßnahmen. Seit Donnerstag greifen in Hessen wieder schärfere Regeln, die auch in Waldeck-Frankenberg die vierte Welle etwas abflachen könnten. Doch die Modellierung zeigt, wie schnell die Schwelle zur Überlastung überschritten ist. Die Hausärzte blicken jedenfalls mit größter Sorge auf die kommenden Wochen rund um das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel.

Auch die Situation in den Krankenhäusern ist angespannt. „Noch ist der Puffer an freien Intensivplätzen im Landkreis groß genug“, sagt Dr. Arved-Winfried Schneider, Ärztlicher Direktor des Korbacher Stadtkrankenhauses. Planbare Eingriffe müssten noch nicht verschoben werden. Das könne sich bei steigenden Zahlen schnell ändern.

Das Stadtkrankenhaus habe eine Corona-Taskforce eingerichtet, die bei einer Zuspitzung der Situation regelmäßig tage, erläutert Dr. Schneider. „Wir wollen nicht zu früh Ressourcen für Covid-Patienten binden, wollen aber auch bereit sein, wenn die Welle kommt und Kapazitäten bereitstellen“, beschreibt er die Abwägungen, die in der Task-Force getroffen werden. Die Erfahrungen aus den letzten drei Wellen würden dabei helfen.

Appell: Impfen, impfen, impfen

Einen kritischen Personalmangel in der Pflege gebe es in Korbach nicht: „Im Vergleich zu den Ballungszentren stehen wir relativ gut da. Wir haben nicht nur Intensivbetten, sondern können sie auch betreiben.“

Gleichwohl appelliert Dr. Schneider, die aktuelle Pandemie-Lage ernst zu nehmen: „Jeder, der mit Verantwortung denkt, wünscht sich eine Intensivierung der Maßnahmen.“ Für die Politik sei es freilich keine einfache Situation, auch unangenehmen Entscheidungen müssten getroffen werden.

Letztlich gebe es nur eine Lösung: „Impfen, impfen, impfen und die Menschen davon überzeugen“, so der Mediziner. Eine hohe Impfquote trage dazu bei, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet werde und mit den verbliebenen Corona-Fällen gut umgehen zu können.

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