Wasserstand für diese Jahreszeit ungewöhnlich niedrig

Dauerfrost gefährdet Sperrmauer-Modell am Edersee

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Wenn der Wasserstand niedrig ist, gibt der Edersee das Sperrmauermodell an der Bericher Hütte frei - wie in diesem Bild, das im November 2016 aufgenommen wurde: Heute ist die Krone von einem Panzer aus Eis und Schnee bedeckt.

Edersee. Niedrigwasser und Dauerfrost setzen dem Sperrmauer-Modell an der Bericher Hütte zu. Der heftige Wintereinbruch, kurz bevor die Krone aus dem Edersee auftauchte, könnte schwere Schäden an dem 107 Jahre alten Bauwerk verursachen – das befürchten Edersee-Anrainer.

Aktuelle Situation: Der Pegel im Stausee sinkt täglich, und ein Panzer aus Eis und Schnee lastet seit Tagen schwer auf dem alten Modell. Es wurde vor dem Bau der Sperrmauer im Maßstab 1:40 gebaut, um die Einrichtungen zum Ablassen des Wassers zu testen. „Jetzt liegt die Eisdecke auf dem Modell, da der Wasserstand fünf Zentimeter unter der Krone ist“, beobachtet Edersee-Anwohner Jeff Kirchhoff mit Sorge. Er fürchtet dauerhafte Schäden, „vielleicht gar Zerstörung durch den Dauerfrost“.

Das Modell sei inzwischen porös, das Material instabil. Ob die Krone bereits Schaden genommen hat, das lasse sich derzeit noch nicht absehen. Sie ist verborgen unter einer etwa sieben bis zehn Zentimeter dicken Eis- und Schneedecke.

Sperrmauermodell an der Bericher Hütte: Heute ist die Krone von Schnee und Eis bedeckt.

Das Modell taucht nur in Jahren mit besonders niedrigem Wasserstand auf – und dann im Spätherbst. In den niederschlagsreichen Wintermonaten steigt der Pegel gewöhnlich schnell. Nicht aber in diesen Wochen. Aktuell ist der Edersee nur zu etwa 15 Prozent gefüllt, das sind 24 Meter unter Vollstau.

Diese Situation sei äußerst ungewöhnlich, bescheinigt Jiri Cemus vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Hann. Münden. Die Behörde habe keine Möglichkeit, um regelnd einzugreifen. „Weniger als die Mindestmenge von sechs Kubikmetern pro Sekunde können wir nicht abgeben, und es fliegt uns auch nichts zu, das den See füllt.“

Eisdruck in dieser Jahreszeit hat auch Jörg Böhner, Leiters des Außenbezirks Edertal beim WSA, noch nicht erlebt. Risiken für Bauwerke im See seien daher bislang noch kein Thema gewesen.

Eisgang und Schneelasten

Vor dem Bau der Talsperre fürchteten sich die Bewohner im Edertal vor dem „Eisgang“ des Flusses. Die damals viel langsamere Eder fror regelmäßig zu. Wenn im Frühjahr Tauwetter einsetzte, stauten sich die berstenden Eisplatten an Hindernissen. Das Wasser brach sich an ihnen vorbei Bahn, überflutete Felder und Wiesen. Das Phänomen verschwand mit dem Bau der Sperrmauer. Ironie der Geschichte, dass ihr Modell 2017 vom Eis des fast leeren Sees bedrängt wird. Schwer zu sagen, welche Last auf der kleinen Mauer liegt. Zehn Zentimeter dickes Eis wiegt 90 Kilogramm pro Quadratmeter, schreibt Bayerns Innenministerium über Schnee-Dachlasten.

Ein Touristenziel einst wie heute

Das Sperrmauermodell liegt unterhalb der Reste der Bericher Hütte. Einst dem Verhütten von Eisen dienend, wurde dieses Gebäude 1886 zur Gastwirtschaft umfunktioniert. Rasch entwickelte sich das Gasthaus zum Treffpunkt auch der Jugend aus den umliegenden Dörfern Berich, Nieder-Werbe, Hemfurth und Bringhausen. Unterhalb der Hütte gab es einen viel benutzten Steg über die Werbe, der später zur Brücke ausgebaut wurde. Sie liegt noch tiefer als das Sperrmauermodell, und ihre Reste kommen deshalb noch seltener zum Vorschein. Zuletzt war sie 2003 zu sehen.

Vorarbeiten 1908 bis 1909

Von 1908 bis 1909 dauerten die Vorarbeiten für den Bau der Eder-Sperrmauer. Dann erhielt die Frankfurter Firma Philipp Holzmann den Zuschlag für die Arbeiten. Im März 2010 wurde das Sperrmauermodell unterhalb der Bericher Hütte errichtet.

Es diente für alle Beteiligten der besseren Veranschaulichung. Der Bau einer solchen Sperrmauer stellte damals ein Projekt der Spitzentechnologie dar, ein Symbol des Fortschritts, in dem sich die vermeintliche Macht der Ingenieure über die Natur spiegelte: eine Herausforderung ersten Ranges also. Die Baustelle zog daher Scharen von Besuchern an, die am Gasthaus Bericher Hütte die Gelegenheit wahrnahmen, anhand des Modells zu beobachten, wie später ein Überlauf der großen Mauer aussehen würde. Das Modell war in den Wasser führenden Mühlgraben gesetzt worden, um die Funktionsweise der Mauer zu simulieren. Den ersten „echten“ Überlauf gab es übrigens am 19. Januar 1915 zu erleben. Da lagen die Bericher Hütte und das Modell weit unter dem Wasserspiegel und das Publikum sammelte sich in Hemfurth-Edersee.

Die alte Aseler Brücke im Edersee: Fotos unserer Leser

Drohnenfotos: Edersee-Atlantis von oben

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