„Der fröhlichste Depressive der Nation“

Depressionen: Musiker Christian Durstewitz spricht erstmals öffentlich über seine Krankheit

Musik im Blut: Christian Durstewitz nahm 2010 am deutschen Vorentscheid des Eurovision Song Contest teil, belegte dort den dritten Platz. 
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Musik im Blut: Christian Durstewitz nahm 2010 am deutschen Vorentscheid des Eurovision Song Contest teil, belegte dort den dritten Platz. 

Musiker Christian Durstewitz leidet bereits seit sieben Jahren unter Depressionen. In Zeiten, wo Corona den Alltag bestimmt, hat er seine Krankheit nun öffentlich gemacht.

Christian Durstewitz stand auf den großen Bühnen, kämpfte im TV um die Teilnahme am Eurovision Song Contest. Mit der ganz großen Karriere hat es nicht geklappt, doch der Singer/Songwriter ist der Musik weiterhin treu geblieben, äußerte sich zuletzt jedoch als depressiv. Wir haben mit ihm über seine Krankheit, die Auswirkungen des Coronavirus auf die Künstlerbranche sowie über seine Musik gesprochen.

Die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen momentan?

Mir geht’s gut, das Coronavirus hat mich noch nicht erreicht. Dadurch, dass ich ein sehr kreativer Mensch bin, habe ich aktuell auch zuhause genug zu tun.

Sie haben zuletzt mit einem Video in den sozialen Netzwerken bekannt gegeben, dass Sie depressiv sind. Warum sind Sie mit Ihrer Krankheit gerade jetzt an die Öffentlichkeit?

Ich habe den Trend gesehen, dass alle Welt momentan nach einer Abschottung schreit. Ich wollte darauf hinweisen, dass es neben Corona auch noch andere Krankheiten gibt und ebenfalls betroffenen Menschen Mut zusprechen.

Welche Reaktionen gab es auf das Video?

Ich habe sehr viele persönliche Nachrichten bekommen, weil sich viele nicht trauen, öffentlich über Depressionen zu sprechen. Die Leute haben sich bedankt, dass ich das gerade jetzt in die Öffentlichkeit getragen habe. Manche haben mir auch Tipps gegeben, wie ich mich nun verhalten soll. Das ist manchmal ganz amüsant, weil meine Krankheit bereits seit sieben Jahren diagnostiziert ist.

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie unter Depressionen leiden?

Ich habe schlecht geschlafen, konnte mich auf die einfachsten Dinge nicht mehr konzentrieren und wurde immer unruhiger, ehe ich zum Arzt gegangen bin. Ich musste jedoch lernen, dass Depressionen nicht immer eine Lebenskrise bedeuten. Die Gesellschaft stellt sich diese Krankheit immer sehr klischeebehaftet vor. Da ich als lebenslustiger Mensch nicht in das klassische Raster passe, nennt man mich gerne den fröhlichsten Depressiven der Nation. Den Gedanken finde ich immer sehr lustig.

Vor welchen Schwierigkeiten stehen psychisch kranke Menschen in Corona-Zeiten und haben Sie Tipps, wie diese Leute jetzt am besten mit ihrer Krankheit umgehen sollten?

Ein großes Problem ist die Isolation und damit der Wegfall eines sozialen Netzes. Es ist ganz wichtig, sich mit anderen Leuten auszutauschen. Isolation kann Depression sogar auslösen, deswegen ist es wichtig, sich Aufgaben zu suchen, seinen Tag zu strukturieren. Beispielsweise kann man mit Sport beginnen, eine Fremdsprache oder ein Musikinstrument lernen.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Ihren Alltag als Künstler aus?

Als Künstler ist es natürlich eine Katastrophe. Mich trifft es nicht so stark, weil ich nicht von der Musik lebe, sondern einen normalen Beruf habe. Aber klar, als Künstler ist es Mist. Alle Konzerte sind bis Sommer abgesagt, das verunsichert.

Mussten Sie auch schon Konzerte absagen?

Vier bis fünf Auftritte mussten leider ausfallen, ja.

Sie verbringen jetzt viel Zeit zuhause. Wie nutzen Sie diese Zeit sinnvoll?

Wenn man gezwungen ist, zuhause zu sitzen, dann explodiert der Kopf natürlich vor Kreativität. Ich kann mich ausprobieren. Ich singe mehr Cover-Songs, kann mich mit meiner Musik Themen widmen, die sonst zu kurz kamen und ich kann häufiger mit meinen Fans interagieren.

Gibt es schon neue Song-Ideen?

Ja, ich möchte gerne einen Song über Isolation schreiben. Er soll „Ich tanze heute allein“ heißen und ich würde das Musikvideo gern zusammen mit meinen Fans produzieren, die mir kurze Tanz-Clips schicken können und dann bastel’ ich etwas daraus zusammen.

Woher holen Sie sich die Inspiration für Ihre Musik?

Ich habe mich immer sehr durch meine Fans inspirieren lassen. Ich bin sehr froh, wenn ich da einen Input von außen bekomme und auf die Schwarmintelligenz zurückgreifen kann. Die kommt –anders als der Künstler – oft leichter auf gute Themen.

Sie arbeiten jetzt als Social-Media-Manager in Korbach. Wie erleben Sie die Rolle der sozialen Netzwerke in diesen Tagen?

Ich denke, jetzt können diese Netzwerke zeigen, wie gut sie sind. Die Leute nutzen das Medium auf kreative Art und Weise. Und sie nutzen es sinnvoll: Botschaften wie „Bleibt zu Hause“ werden so besonders schnell verbreitet.

Sie haben bei „Unser Star für Oslo“ mitgemacht, sind im TV auf großen Bühnen aufgetreten. Vermissen Sie dieses Star-Leben manchmal?

Nein, es war damals eine ganz bewusste Entscheidung, mich zurückzuziehen. Ich brauche keine roten Teppiche. Ich war glücklich, dass ich diese Erfahrung in den Raab-Shows ganz zu Beginn meiner Karriere gemacht habe. Jetzt bin ich froh, wie es ist. Ich spiele lieber vor 100 als vor 1000 Leuten, das ist persönlicher.

Wenn die Virus-Krise überstanden ist, wie geht es dann für Sie weiter?

Ich bin jemand, der sich nie gern festlegt, sondern sich immer aus der Situation heraus treiben lässt. Wer jetzt plant, der wird eh nur enttäuscht. Keiner weiß, wie lange Corona uns noch beschäftigt und ich versuche nichts zu kontrollieren, was ich nicht kontrollieren kann.

Zur Person

Christian Durstewitz (30) wurde am 11. Mai 1989 geboren und ist in Altenlotheim aufgewachsen. 2009 machte er sein Abitur an der Edertalschule in Frankenberg. Anschließend studierte er drei Jahre lang Chemie und Biologie auf Lehramt, brach das Studium jedoch ab und arbeitet seither als Social-Media-Manager. Einem breiteren Publikum wurde er durch seine Teilnahme an der Castingshow "Unser Star für Oslo", der deutschen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest 2010, bekannt. Durstewitz lebt in Korbach.

Website Selbshilfegruppe

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