1. Startseite
  2. Lokales
  3. Frankenberg / Waldeck

„Ich kann nicht anders“: Ukrainer aus Nordhessen zieht in den Krieg

Erstellt:

Von: Marianne Dämmer

Kommentare

Denis Pilipciuc zieht freiwillig in den Krieg, um seine Heimat Ukraine gegen die russischen Invasoren zu verteidigen. Zurück in Deutschland bleiben seine Frau Christina, sein Sohn Kristian (5) und seine Tochter Denisia (8).
Denis Pilipciuc zieht freiwillig in den Krieg, um seine Heimat Ukraine gegen die russischen Invasoren zu verteidigen. Zurück in Deutschland bleiben seine Frau Christina, sein Sohn Kristian (5) und seine Tochter Denisia (8). © Marianne Dämmer

Ein junger Vater aus Lichtenfels im Kreis Waldeck-Frankenberg meldet sich freiwillig zum Dienst im ukrainischen Militär. „Er lässt sich nicht halten“, sagt seine Frau.

Lichtenfels/Waldeck-Frankenberg –„Ich möchte nicht, dass er geht. Aber er lässt sich nicht halten“, sagt Christina Pilipciuc und schaut ihren Mann an. Denis Pilipciuc, 30 Jahre jung, hat sich entschlossen, sein Heimatland zu verteidigen. Er zieht in den Krieg, den Russland der Ukraine aufgezwungen hat.

Am Mittwoch (03.03.2022), am Geburtstag seiner Tochter, fährt er mit einem Bekannten nach Rumänien, um von dort aus an die ukrainische Grenze zu kommen und sich zum Kriegsdienst zu melden. Zurück in Lichtenfels bleiben seine Frau Christina, seine Tochter Denisia (8) und sein Sohn Kristian (5).

Ukrainische Familie geschockt über Putins Angriff: „Wir dachten, er will nur Angst machen“

Denis Pilipciuc und seine Frau Christina sind mit ihren Kindern im Oktober 2021 nach Lichtenfels gezogen, weil sie dort über verwandtschaftliche Beziehungen Arbeit gefunden haben; zuvor verdienten sie sich ihr Auskommen in Italien. Beide haben in Sachsenberg bei der Gebäudereinigungsfirma von Mariana-Adriana Ionescu eine Anstellung gefunden, in dem Lichtenfelser Stadtteil außerdem eine hübsche Mietwohnung, ein neues Zuhause. Kristian ist im Kindergarten aufgenommen worden, Denisia in der Grundschule – die junge Familie scheint angekommen.

Und dann überfällt die russische Armee auf Befehl von Präsident Putin plötzlich ihr Heimatland. „Wir hätten nie gedacht, dass er unser ganzes Land angreift. Wir dachten, er will allen nur Angst machen – aber nie, dass er so weit gehen würde wie jetzt“, sagen sie. Denis Pilipciuc kommt aus Marschynzi (Marsinti) im Ukrainischen Oblast Tscherniwzi (Chernivetska) an der Grenze nach Rumänien. Beide haben Familie in der Ukraine, Denis’ Großeltern und Christinas Eltern leben dort, eine große Verwandtschaft, Freunde, ehemalige Nachbarn.

Viele Freunde und Bekannte sind schon gestorben. Das schmerzt mein Herz. Wie kann ich da hierbleiben?

Denis Pilipciuc

Denis Pilipciuc müsste nicht in den Krieg ziehen. Der junge Familienvater hat nicht nur einen ukrainischen, sondern auch einen rumänischen Pass, er ist sicher in Deutschland, wurde nicht eingezogen. Arbeitskollegen sagen: „Warum gehst Du in den Krieg, wenn Du hier doch sicher bist?“

Ukrainer will seine Landsleute nicht im Stich lassen

„Ich kann nicht anders. Ich halte es hier nicht aus. Ich muss gehen, zum Schutz der Familie, der Großeltern. Ich kann meine Leute nicht im Stich lassen“, ist seine Antwort. Die übersetzt Gheorge Ionescu, der Ehemann seiner rumänischen Arbeitgeberin Mariana-Adriana. Auch die Ionescus und die Vermieter, Hilke und Christoph Jerrentrup, würden ihn nur zu gern hierbehalten, in Sicherheit. Aber es gibt kein Halten. „Viele Freunde und Bekannte sind schon gestorben. Das schmerzt mein Herz. Wie kann ich da hierbleiben?“, sagt der 30-jährige, der in seinem Heimatland eine einjährige Grundwehrausbildung absolviert hat.

Für seine Frau Christina wird, abgesehen von der furchtbaren Angst um ihren Ehemann, auch der Alltag eine Herausforderung. In der Betreuung ihrer Kinder haben sie und ihr Mann sich durch unterschiedliche Schichtdienste gegenseitig vertreten können, auch fällt ein Ernährer zunächst aus. Da versucht die Stadt Lichtenfels Hilfestellung zu vermitteln. „Wir sind für alle Lichtenfelser da – und ganz besonders für Menschen mit solchen Schicksalen, die deutlich machen, dass der Krieg in der Ukraine ganz nah bei uns ist“, sagt Bürgermeister Henning Scheele.

Sein Ziel ist Kiew: Ukrainer aus dem Kreis Waldeck-Frankenberg will die Hauptstadt verteidigen

Denis Pilipciucs Ziel sei Kiew. Die Verteidigung der Hauptstadt, wo Präsident Wolodymyr Selenskyj und Bürgermeister Vitali Klitschko Stellung halten, nicht weichen, sei wichtig. Überhaupt sei er sehr stolz darauf, wie sich seine Landsleute mit allen Mitteln gegen die Russen verteidigen würden. Sie wolle er unterstützen.

Putin sei wie ein verletztes Tier, „wenn er jetzt nicht gestoppt wird, nimmt er weitere Länder ein“, sind Denis und Christina Pilipciuc überzeugt, die beide Angst davor haben, dass Putin wie in Syrien nicht davor zurückschreckt, selbst verbotene Munition wie Streubomben einzusetzen.

Ukrainer aus dem Kreis fordert: „Wir wollen einfach nur Ruhe und Frieden“

Ihr Wunsch? „Dass die Ukraine in der Europäischen Union aufgenommen wird“, und dass mehr Menschen in Russland auf die Straße gehen und sich von innen gegen den Krieg wehren würden. Die russische Propaganda hätte vorgegeben, die Russen seien als Befreier willkommen in der Ukraine, und jungen Rekruten sei erzählt worden, sie würden in der Ukraine angeblich nur an einem „Manöver“ teilnehmen, heiße es in der Ukraine. Ihr größter Wunsch: „Wir wollen einfach nur, dass unsere Leute in Ruhe und Frieden leben können“, sagen sie.

Die Jerrentrups beteuern Denis Pilipciuc, er müsse sich keine Sorgen machen um seine Frau und die Kinder. „Sie haben hier unsere volle Unterstützung und sind sicher.“ Die Schule und der Kindergarten seien informiert und ließen ihre besten Wünsche ausrichten.

Ihre beiden Kinder? „Sie wissen nicht, dass er in den Krieg zieht, um seine Heimat zu verteidigen“, sagen Hilke und Christoph Jerrentrup. „Denis und Christina haben versucht, es ihnen zu erklären – aber die Kinder haben nicht verstanden, was es bedeutet.“ (Marianne Dämmer)

„Schnelle, pragmatische Hilfe“

In den vergangenen Tagen hätten ihn einige Anrufe erreicht von Bürgerinnen und Bürgern mit ukrainischen Wurzeln, die versuchen, ihre Verwandten in Lichtenfels in Sicherheit zu bringen, erklärt der Lichtenfelser Bürgermeister Henning Scheele.

„Leider haben wir aktuell nicht viel beziehbaren Wohnraum frei. Doch wir arbeiten daran, Lösungen zu finden. Und wir freuen uns, dass sich bis jetzt zwei, drei Lichtenfelser angeboten haben, Menschen aus der Ukraine aufzunehmen“, so Scheele: „Wir stehen als Ansprechpartner zur Verfügung, lassen die Menschen nicht hängen. Wichtig ist jetzt schnelle, pragmatische und unbürokratische Hilfe“.

Vertreter des Landkreises besprechen mit Bürgermeistern der heimischen Kommunen, wie Flüchtlinge aus der Ukraine und Familien von ukrainischen Soldaten unterstützt werden könnten. (md)

Während die Ukraine im Kampf gegen die russischen Truppen um ihr Überleben kämpft, ist die Angst vor dem Krieg auch in Deutschland angekommen. Immer mehr Menschen fürchten sich vor einem Dritten Weltkrieg.

Auch interessant

Kommentare