Verhaltenstipps für Eltern

Corona-Pandemie hinterlässt bei Kindern psychische Spuren

Die Corona-Pandemie  hinterlässt bei Kindern psychische Spuren, die man gut beobachten kann.
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Die Corona-Pandemie hinterlässt psychische Spuren, die man bei Kindern gut beobachten kann.

Das Leben von Kindern und Jugendlichen hat sich in der Corona-Zeit verändert, die Pandemie hinterlässt psychische Spuren. Hier Beobachtungen und Verhaltenstipps.  

Keine Schule, kein Kindergarten, keine Struktur, kaum noch Treffen mit Freunden, Oma und Opa. Was hinter verschlossenen Türen zuhause geschieht, können Ärzte, Erzieher und Psychologen oft nur ahnen. 

Jeden Tag versuchen Eltern, Betreuer/innen in Kindergarten und Lehrer/innen in Schulen den Kindern und Jugendlichen wenigstens ein Stück von dem Leben zurückzugeben, das bis vor einem Jahr noch selbstverständlich war. „Corona ist doof, Corona soll weg, ich werde Corona weghexen, wir wollen Corona auf den Mond schießen, ich erfinde was, das Corona kaputt macht...“ – die Kinder der Katholischen Kindertagesstätte St. Marien, in Volkmarsen haben ihre eigenen Vorstellungen von dem Virus. Die Wünsche der Kleinen sind dabei klar und unterscheiden sich kaum von denen der Älteren. Sie möchten Geburtstag und mit der ganzen Familie wieder Feste feiern, in den Urlaub fahren, sorglos Freunde treffen, wieder in den Sportverein gehen, unbefangen Spaß haben. Sie wollen ihren ‚normalen’ Alltag, zu dem auch Kita und Schule gehören, wieder zurück.

Kinder leiden oft unbemerkt

Nach mehr als zwei Monaten ohne Kita fiel es einigen Kindern in den ersten Tagen schwer, sich wieder an den geregelten Tagesablauf zu gewöhnen. „Die Freude aber, die anderen wieder zu sehen, wieder draußen herumtoben zu können, gemeinsam zu singen oder Spaziergänge zu machen ließ sie schnell wieder ankommen“, das haben die Erzieher/innen schnell gesehen und sagen: „Wir lassen ihnen den Freiraum, den sie brauchen und den wir verantworten können. Wir sind vor allem viel draußen und bewegen uns. Das haben sie neben dem Kontakt mit anderen wohl am meisten vermisst.“

Sie sehen aber auch, dass einigen Kindern der Einstieg in den Kita-Alltag schwerer gefallen ist, dass sie ängstlicher geworden sind oder deutlicher Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Eine viel beachtete Studie der Universität Hamburg hat die Auswirkungen und Folgen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht. Fast jedes dritte Kind, so die Studie, leidet ein Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten, Sorgen und Ängsten. Depressive Symptome wurden verstärkt beobachtet.

„Die Zahlen sind erheblich gestiegen“, bestätigt Dr. Marion Seidel, Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Schön-Klinik in Bad Arolsen.

Dr. Marion Seidel, Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Schön-Klinik in Bad Arolsen.

„Wie hoch die Dunkelziffer und wie ausgeprägt die Spätfolgen sind, können wir jetzt noch gar nicht sagen. Kinder und Jugendliche leiden oft unbemerkt oder mit ganz eigenen Symptomen. Geringer Appetit oder Heißhunger, Einschlafprobleme oder Hyperaktivität können Hinweise auf ein Problem sein“, so die Expertin und erklärt: „Eine Depression kann sich mit erheblichen Stimmungsschwankungen bemerkbar machen. Psychosomatische Beschwerden wie Niedergeschlagenheit oder Kopf- und Bauchschmerzen lassen sich nicht sofort zuordnen, Angstzustände verstärken sich. Kinder oder Jugendliche, die schon eine Erfahrung mit dem Tod gemacht haben – sei es durch die Großeltern oder auch mit einem Haustier – reagieren besonders sensibel, wenn sie immer wieder hören, dass das Virus gefährlich ist und Menschen daran sterben.“

Emotionen bleiben hinter Maske verborgen

Wie viele Erwachsene tun sich auch Kinder schwer, ihre Probleme zu benennen. Sie wollen die Familie nicht belasten, stark sein oder wissen gar nicht, dass das Leben auch anders sein kann. Sorgen macht sich die Therapeutin deshalb auch um das, was Kinder nicht lernen: „Sie sehen durch die Masken keine Mimik mehr und können so Emotionen nur schwer einschätzen. Soziales Verhalten in der Klassen- oder Kindergartengemeinschaft kann nicht trainiert werden, die direkte Auseinandersetzen mit Menschen, die einem eher unähnlich sind, fehlt, und die Lernmotivation geht verloren.“

Kathrin Henze, Leiterin der katholischen Kindertagesstätte St. Marien in Volkmarsen.

Kathrin Henze, Leiterin der Katholischen Kindertagesstätte St. Marien in Volkmarsen, erlebt noch andere Veränderungen: „Es war doch sehr befremdlich für mich, als ich ein sechsjähriges, sonst sehr empathische Mädchen, im Flur sah, das sich nicht mehr traute, einen dreijährigen Jungen zu trösten, der schluchzend vor der anderen Gruppentür stand, weil er ja ein Mäusekind ist und sie ein Igelkind. Kinder erinnern einander an die Coronaregeln, kontrollieren sie oder verpetzen sich gegenseitig. Es ist eine Zeit mit sehr viel Kontrolle und Regulierung der eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Ich hoffe nur, dass sie dabei nicht verlernen, Dinge genussvoll und mit tiefer Freude zu tun.“

Verhaltenstipps für Eltern

Die Expertinnen raten: Strukturen und Regeln wie zum Beispiel in Kindergarten und Schule, sind für alle Altersklassen wichtig. Schulkinder sollten auch im Lockdown zu einer festen Uhrzeit aufstehen, frühstücken und mit den Schulaufgaben beginnen. Kleinkinder brauchen feste Aufsteh- und Schlafzeiten. Wichtig ist vor allem, im Gespräch zu bleiben und zuhören zu können. Verständnis, Interesse und Aufmerksamkeit entlastet die Kinder und schafft ihnen den Freiraum, auch über Gefühle zu sprechen. Gemeinsam ist es dann leichter Lösungen und neue Perspektiven zu finden. Gemeinsam lachen, eine spontane Umarmung und eine entspannte Kuschelrunde tun außerdem immer gut. Bei auffälligen Verhaltensänderungen sollte in jedem Fall fachliche Unterstützung gesucht werden.                             Barbara Liese

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