Die „Königin der Instrumente “ wird geehrt

Orgel ist „Instrument des Jahres“ – Mehr als 220 erklingen in Waldeck-Frankenberg

Orgelbaumeister Christoph Böttner betreibt heute in Frankenberg die einzig verbliebene Werkstatt in der vielfältigen Orgellandschaft Waldeck-Frankenberg. Er pflegt, restauriert und betreut etwa 100 Pfeifeninstrumente, so auch die von seinem Vater in einen frühbarocken Prospekt aus Allendorf/Lumda gebaute Orgel in Hommershausen. 
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Orgelbaumeister Christoph Böttner betreibt heute in Frankenberg die einzig verbliebene Werkstatt in der vielfältigen Orgellandschaft Waldeck-Frankenberg. Er pflegt, restauriert und betreut etwa 100 Pfeifeninstrumente, so auch die von seinem Vater in einen frühbarocken Prospekt aus Allendorf/Lumda gebaute Orgel in Hommershausen. 

Kein anderes Instrument vereinigt Musik, Klang und Architektur zu einem Gesamtkunstwerk so vollkommen wie die Orgel. Sie soll den längsten Atem der Welt haben, dazu auch äußerlich von solch majestätischer Schönheit sein, dass sie seit Wolfgang Amadeus Mozarts Lobesbrief von 1777 als die unbestrittene „Königin der Instrumente“ gilt.

Waldeck-Frankenberg – Die deutschen Landesmusikräte haben jetzt in Berlin unter Schirmherrschaft von Kirchenvertretern die Orgel zum „Instrument des Jahres 2021“ gekürt.

Königin der Instrumente, Dienerin Gottes: In der Werkstatt von Wolfgang Böttner wurde vor 50 Jahren in der Tradition der Orgelbewegung dieses Instrument für die Frankenberger Liebfrauenkirche gebaut. Seitdem begleitet das Werk mit seinen mehr als 3000 Pfeifen bei Gottesdiensten den Gesang der Gemeinde und ermöglicht mit seiner inzwischen modernisierten Registriertechnik die Aufführung alter sowie moderner Orgelkompositionen bei großen Konzerten. 

Geehrt werden damit auch mehr als 220 Orgeln, die in den Kirchen und Kapellen des Landkreises Waldeck-Frankenberg erklingen, darunter auch einige musikhistorisch herausragende Exemplare. Von einer Orgellandschaft mit „eigenständigem Profil, das sich in eher kleinen, aber qualitativ hochstehenden Orgeln manifestiert“, spricht der Orgelforscher Prof. Dr. Gerhard Aumüller (Münchhausen), wenn er auf die Geschichte der einst so zahlreichen Orgelbauwerkstätten im Waldeck-Frankenberger Land zurückschaut.

Prof Gerhard Aumüller, Orgelhistoriker

„Die begrenzten finanziellen Ressourcen der Region ließen keine großen und teuren Werke wie in den benachbarten katholischen Klöstern zu“, sagt er. Deshalb lieferte etwa der bedeutendste waldeckische Orgelbauer des 18. Jahrhunderts, Andreas Reinecke, seine größten und bedeutendsten Werke ins benachbarte Westfalen.

Zwischen bunten Farben: Für die Fachwerkkirche von Oberorke fertigte 1770 die Werkstatt der Gebrüder Kleine diese kleine Barockorgel mit mechanischer Traktur und sieben Registern an. Sie ist ein besonderes Schmuckstück. 

Heute gibt es im Landkreis nur noch eine Orgelbauwerkstatt: Orgelbaumeister Christoph Böttner hält in Frankenberg die Tradition seines Vaters Wolfgang Böttner (1925-2006) aufrecht, in dessen 1960 gegründetem Betrieb bis 1990 etwa 120 Orgeln gebaut wurden. Sein Sohn Christoph pflegt heute mit 80 Wartungsverträgen und Zusatzaufträgen Pfeifenwerke im Landkreis ebenso wie in Norddeutschland, arbeitet mit bei Restaurierungen und Umbauten. „Neue Orgeln zu bauen, ist heute für alle viel schwieriger geworden, gerade für kleinere Firmen“, bedauert er und beobachtet, dass für Großaufträge dann gern Orgelbauer bevorzugt werden, die ganz entfernt ihre Firma haben wie bei den neuen Orgeln von Korbach oder Altwildungen. » 

Denkmalpfleger Dr. Buchstab zum Wert historischer Orgeln

Über die Ernennung der Orgel zum „Instrument des Jahres 2021“ freut sich besonders der für Waldeck-Frankenberg zuständige Bezirksdenkmalpfleger Dr. Bernhard Buchstab: Es geht um „sein“ Instrument! Vor dem Studium der Kunstgeschichte und Musikwissenschaft in Marburg machte der junge Tübinger (*1963) selbst eine Orgelbaulehre und arbeitete in mehreren Werkstätten in Deutschland und Frankreich. Im Landesdenkmalamt Hessen ist er für das Referat Orgeldenkmalpflege zuständig, und so betreut er nun seit 1999 auch die „Orgellandschaft“ Waldeck-Frankenberg mit ihren mehr als 220 Pfeifeninstrumenten.

Dr. Bernhard Buchstab, Orgeldenkmalpfleger

„Da Orgeln schon immer den musikalischen und gestalterischen Vorstellungen ihrer Zeit unterlagen, gehören sie zu den am meisten veränderten Einrichtungsgegenständen“, stellte Buchstab fest. „Als Klangdenkmäler sind sie erhaltenswerte Zeugnisse der Musikgeschichte, die die Eigenart musikalischer Einflüsse ihrer Zeit repräsentieren. Für das Wiedererleben von zeitgenössischer Orgelmusik sind historische Instrumente unerlässlich“, betont der Orgelforscher.

Ältestes Pfeifenmaterial Nordhessens: Es erklingt in der von Johann Christian Rindt 1706 erbauten, 1984 restaurierten Orgel in der Emmaus-Kapelle Hatzfeld. Marco Ambrosini (links) und sein Ensemble begleiten sie mit alter Musik. 

Er sieht die Orgeln natürlich auch äußerlich im Gesamtzusammenhang mit der Architektur der von ihm betreuten Baudenkmäler. „Es war für die Orgelbauer bis heute eine Herausforderung, die Instrumente auch äußerlich auf den Raum zwischen kleiner Fachwerk-Dorfkirche oder etwa einer großen gotischen Klosterkirche wie in Haina abzustimmen“, erläutert Dr. Buchstab. „Aber das bedingte auch die Formenvielfalt, die künstlerische Gestaltung der Instrumente, die auch in Waldeck-Frankenberg immer wieder so individuell und toll gelungen sind.“

Barocke Pracht in Bromskirchen: Hinter diesem schmuckvollen Orgelprospekt aus dem Jahr 1704 verbirgt sich ein Werk von Johannes Eifert aus dem Jahr 1913.

Der Denkmalpfleger nimmt die Ehrung des Pfeifenwerks als „Instrument des Jahres 2021“ zum Anlass, auf ein besonderes Förderprogramm der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und des Landesamtes für Denkmalpflege hinzuweisen, mit dem seit 2001 in Hessen mehr als 100 Restaurierungen historischer Orgelwerke unterstützt werden konnten, darunter auch Instrumente in Waldeck-Frankenberg wie in der Kirche von Diemelstadt-Rhoden die Jakob-Vogt-Orgel von 1852 oder zuletzt die Woehl-Orgel von 1972 in der Bottendorfer Martinskirche. „Voraussetzung für die Förderung aus diesem Programm mit Zuschüssen von 20 Prozent ist die vorherige Einschätzung einer Orgel als eines denkmalwertigen Instruments“, erklärt der Denkmalpfleger.

Waldecker Orgelbauer waren einst bedeutend 

Mit der Geschichte des Orgelbaus und der Orgellandschaft Waldeck-Frankenberg hat sich Prof. Dr. Gerhard Aumüller (Münchhausen) besonders intensiv befasst. Er weist auf Einflüsse aus den Nachbarregionen Westfalen (Johann Peter Varenholt, Bielefeld/Soest), Thüringen (Ernst Hesse, Dachwig) und Hessen (Jacob Hein, Fritzlar; Georg Wagner, Lich; Stefan Heeren, Gottsbüren), aber auch die vielen Werkstätten im Waldecker Land hin.

Orgel aus Korbacher Werkstatt: Jacob Vogt schuf 1871 das Werk mit fünfachsigem Prospekt, mechanischen Schleifladen und 19 Registern für die Kirche in Battenfeld. Die Firma Vogt wirkte in drei Generationen in Korbach.

„Im 18. Jahrhundert übten die Orgelbauer Andreas Reinecke (Berndorf, um 1675 bis 1727) und Daniel Mütze (Sachsenberg, 1684 bis 1741), im 19. Jahrhundert die Korbacher Orgelbauer-Familie Vogt überregionalen und stilbildenden Einfluss aus“, berichtet Professor Aumüller. Von dem bedeutenden waldeckischen Orgelbauer Andreas Reinecke seien neben seinen Werken in Westfalen auch noch Gehäuse seiner Orgeln in Schmillinghausen und Thalitter erhalten.

Rundum begehbar: In der Korbacher Kilianskirche nimmt seit 2011 die Kuhn-Orgel als freistehende Skulptur einen besonderen Platz ein, hier beleuchtet beim Hessentag 2018. 

Ebenfalls überregionale Bedeutung im Marburger Raum hat Daniel Mütze erlangt, dessen Orgel in Armsfeld weitgehend ursprünglich erhalten ist. „Auch wenn sie nicht den heutigen Anforderungen entsprechend restauriert wurde, stellt sie (leider!) die einzige originale waldeckische Barockorgel dar“, bemerkt Aumüller.

Teil der Architektur: Seit 1969 gibt in der Klosterkirche von Haina diese Vogt-Orgel mit ihren Prospektflügeln den Blick auf das gotische Westfenster mit der Glasrosette frei. 

Der Orgelhistoriker nennt neben der Adorfer Orgelbauerfamilie Bornemann, die über mehrere Generationen kleinere Werke produzierte, die herausragende Stellung der drei Generationen der Korbacher Orgelbauer Vogt (Jakob, 1811-1891; Eduard, 1841-1913; Richard 1887-1954). „Sie haben erst heutzutage wieder hochgeschätzte Werke in Korbach, Bad Wildungen, Mengeringhausen, Rhoden und weiteren Orten in Waldeck und im benachbarten Hessen und Westfalen geschaffen.“

Zwar seien durch Vogts wegen des gewandelten Musikgeschmacks der Spätromantik oft hochwertige Barockorgeln durch eigene Werke ersetzt worden. „Sie müssen aber als bedeutende musikalische Zeitzeugnisse genauso gepflegt und erhalten werden wie die spätbarocke Armsfelder, die frühromantische Wetterburger und die spätromantische Orgel in Thalitter in ihrem wunderschönen Barockprospekt. Man kann nur hoffen, dass die stilistische Reichhaltigkeit des regionalen Orgelbaus weiterhin gepflegt und erhalten wird“, sagt Prof. Gerhard Aumüller.

Bisherige Instrumente des Jahres

Die Aktion „Instrument des Jahres“ mit Konzerten und Festivals wurde 2008 vom Landesmusikrat Schleswig-Holstein initiiert. Zehn Bundesländer schlossen sich an, Hessen 2018. „Instrumente des Jahres“: Klarinette 2008, Trompete 2009, Kontrabass 2010, Posaune 2011, Fagott 2012, Baglama 2013, Bratsche 2014, Horn 2015, Harfe 2016, Oboe 2017, Cello (2018), Saxophon 2019, Geige 2020. Nun die Orgel: Orgelbau gehört seit 2017 zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco. 

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