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Löcher im Schlaraffenland - Lebensmittelpreise sind hoch, und viele sammeln für Worst Case

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Von: Achim Rosdorff

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Die Krisen machen vielen Menschen Angst, und viele sammeln schon Vorräte für den Notfall.
Die Krisen machen vielen Menschen Angst, und viele sammeln schon Lebensmittel-Vorräte für den Notfall. © Eldarnurkovic

Corona, Ukraine-Krieg, Inflation, Energiekrise, Lieferengpässe – die Krisen Viele legen sich schon zu Hause Vorräte an – aus Angst und/oder Vernunft. 

Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Inflation, Energiekrise, Lieferengpässe, drohender Blackout – die Krisen ballen sich zurzeit. Viele Menschen legen sich schon zu Hause Vorräte an – aus Angst und/oder Vernunft. Die Lebensmittelpreise in den Supermärkten sind gegenüber dem Vorjahr um etwa 20 Prozent gestiegen, dennoch finden manche Produkte reißenden Absatz – besonders Produkte, die sich zur Vorratshaltung eignen. Also, wie sieht die Lage aus, wird noch gehamstert? Werden bestimmte Waren knapp? Wirken sich die Preissteigerungen auf das Kaufverhalten aus? Und wie fleißig wird für den Notfall gehortet? Experten und Verbraucher kommen zu Wort.

Vor allem bei den lange haltbaren Lebensmitteln zeigen sich zurzeit Lücken im Supermarktregal.
Vor allem bei den lange haltbaren Lebensmitteln zeigen sich zurzeit Lücken im Supermarktregal. © Barbara Liese

Wer in diesen Wochen im Supermarkt in Bad Arolsen und Umgebung einkauft, sieht immer wieder leere Regale. Wo sonst Nudeln, Mehl, Zucker, Süßigkeiten, ja sogar Milch, Mineralwasser oder Hundefutter standen, klaffen zumindest vorübergehend große Lücken. Lebensmittel in jeder Form scheinen, mal mehr oder weniger, knapp zu sein, und in vielen Märkten werden sie sogar rationiert. Vielleicht gerade deshalb denken immer mehr Menschen darüber nach, sich einen Vorrat anzulegen.

Nachschub bei manchen Produkten knapp

Auch aus Sicht der Supermärkte ist die Lage derzeit angespannt. „Bei Nudeln, Süßigkeiten, Milch und Kaffee ist die Nachfrage zurzeit besonders groß, so dass man mit der Bestellung kaum noch nachkommt“, berichtet Marktleiter Carsten Zimmermann im REWE Markt in Bad Arolsen. Insgesamt hätten die gestiegenen Preise aber im Bad Arolser Markt zu sinkender Nachfrage und zu rückläufigen Hamsterkäufen geführt. Enorm gefragt sei hier zurzeit die Aktionsware wie zum Beispiel der Kaffee Dallmeyr Prodomo oder der Brotaufstrich Nutella.

Rationierung hilft gegen Hamstern, zum Beispiel bei Rapsöl.
Rationierung hilft gegen Hamstern, zum Beispiel bei Rapsöl. © Barbara Liese

Die Supermärkte REWE und Edeka würden versuchen gegenzusteuern und so die ausufernden Preise in Grenzen zu halten. So habe man sich zum Beispiel bei den Preisverhandlungen aktuell nicht mit dem Hersteller Mars einigen können. So gebe es derzeit ausbleibende Bestellungen und Knappheit bei Uncle Benz-Reis und Tierfutter wie Whiskas oder Sheba. „Für knapper werdende Warenbestände gibt es vor allem zwei Gründe“, sagt Hans-Richard Schneeweiß, Sprecher der Geschäftsführung der EDEKA Handelsgesellschaft Hessenring, die für die Märkte in Bad Arolsen und Wolfhagen zuständig ist: Erstens der aktuelle Streit von Handelsketten mit den Lieferanten. „Die Preisvorstellungen einiger Lieferanten sind einfach weltfremd“, so Schneeweiß, der von einem regulierende Rolle der Handelsgesellschaften spricht. Probleme gebe es allerdings nur für markentreue Kunden, denn die Auswahl an Marken sei immer noch sehr groß.

Zweiter Grund für die Knappheit seien Probleme bei der Herstellung aufgrund der Energiekrise, weil Rohstoffe knapp und Transporte schwieriger werden. „Letztlich gibt es eine Vielzahl an gesamtwirtschaftlichen Umständen, die zum Umbruch führen“, betont Schneeweiß und zitiert Wirtschaftsminister Robert Habeck: „Wir müssen uns darauf einstellen: Das Schlaraffenland macht Pause – wir müssen kürzer treten“.

Und die Konsequenz für die Supermärkte: Die Produkt-Werbung habe weiterhin große Bedeutung, der Seitenumfang der Aktionsprospekte bleibe gleich, kündigt Schneeweiß an und betont: „Unsere Kunden kaufen jetzt aufmerksamer und achten noch sensibler auf Werbeaktionen mit preisgünstigen Sonderangeboten“. Ein Blick in den Kunden-Warenkorb offenbare: Der Anteil der verkauften Aktionswaren am Gesamtumsatz sei aktuell von 15 auf 21 bis 22 Prozent gestiegen.

Versorgung insgesamt stabil

Beim Discounter Aldi will man sich nicht zu Preisentwicklungen und zur Warenknappheit äußern. Christian Schneider vom Aldi-Einkauf: „Die Versorgungslage ist nach wie vor stabil. Als Grundversorger sichern wir Tag für Tag die Versorgung von Millionen von Menschen mit Lebensmitteln und beliefern unsere Filialen täglich mit neuer Ware. Ab und zu kann es vorkommen, dass bei unseren Lieferanten oder in der Logistikkette Verzögerungen auftreten und wir Ware später erhalten als geplant. Sollten doch mal Artikel kurzzeitig vergriffen sein, werden sie aber zügig wieder aufgefüllt.“

Trotz aller Entwarnungen sammeln viele Kunden schon fleißig Vorräte für den Ernstfall. Kartoffeln, gefrorenes Gemüse, Reis, Konserven, Zucker, Mehl, passierte Tomaten, Saft, zehn Pfund Kaffee, drei Kisten Wasser – Silvia Pohlmann aus Bad Arolsen hat schon gründlich vorgesorgt und in ihrem Keller eine Vorratsecke mit lange haltbaren Lebensmitteln angelegt – genug für mehrere Wochen. „Man muss aufpassen, sich nicht von der Sammelwut anstecken zu lassen“, sagt sie selbstkritisch.

Silvia Pohlmann hat sich eine Notvorratsecke im Keller angelegt.
Silvia Pohlmann hat sich eine Notvorratsecke im Keller angelegt. © Achim Rosdorff

Gelassen bleiben will auch Erika Friedrich aus Bad Arolsen, die sagt: „Ich habe so viel zu Hause, das würde im Notfall drei bis vier Tage reichen. Mehr möchte ich schon aus Platzgründen nicht sammeln.“

Erika Friedrich bleibt gelassen, hat aber genug Vorräte für vier Tage.
Erika Friedrich bleibt gelassen, hat aber genug Vorräte für vier Tage. © Achim Rosdorff

Nudeln, Konserven und vieles mehr hat auch Wolfgang Hallbich aus Bad Arolsen für den Notfall bereitgelegt. „Für eine Woche reicht’s, doch vom Hamstern halte ich gar nichts.“

Wolfgang Hallbich hat immerhin für eine Woche vorgesorgt.
Wolfgang Hallbich hat immerhin für eine Woche vorgesorgt. © Achim Rosdorff

Über ihre Vorratshaltung wollen viele der Befragten nicht sprechen, wohl auch, weil sie sich ungern ängstlich zeigen und das Hamstern einen negativen Ruf hat.

„Ein guter Vorrat hat aber nichts mit Hamstern zu tun“, erklärt Sabine Tepel-Herrendorf vom DHB – Netzwerk Haushalt, Landesverband Hessen e. V. und der Verbraucherberatung Korbach. Sie sagt: „Hamstern ist eher emotional und kaum rational begründet. Man kauft aus Angst vor Mangel, ist vielleicht unsicher, was die Zukunft bringt. Vor allem kauft man so weit wie möglich über den eigenen Bedarf hinaus“.

Zu Beginn der Corona-Pandemie war es das Toiletten-Papier, später Öl oder Mehl. Jetzt scheint die Liste der Lebensmittel, die in den kommenden Monaten in den Regalen der Supermärkte immer weniger werden oder gar ganz verschwinden könnten, jeden Tag ein bisschen länger zu werden. Und die Waren, die noch in den Regalen stehen, werden jeden Tag ein bisschen teurer. So berichtet die „Lebensmittelzeitung“, dass aus verschiedenen Bereichen einige Produkte und Waren des täglichen Lebens bereits bis zu 40 Prozent teurer wurden.

Auf Nummer sicher für den Notfall

Die leeren Regale in diesen Wochen haben allerdings einen realistischen Hintergrund: Lieferprobleme, der Mangel an CO2, das für die Herstellung und Haltbarmachung vieler Produkte notwendig ist. Die Preissteigerungen bei jeder Art von Energie, Agrar-Rohstoffen, Verpackungen und der Transport haben sich stark verteuert, Ernteausfälle gibt es in Kanada und Südamerika. Nicht zuletzt fehlen durch den Krieg in der Ukraine wichtige Rohstoffe.

Sabine Tepel-Herrendorf vom DHB – Netzwerk Haushalt, Landesverband Hessen, gibt Tipps zur sinnvollen Vorratshaltung.
Sabine Tepel-Herrendorf vom DHB – Netzwerk Haushalt, Landesverband Hessen, gibt Tipps zur sinnvollen Vorratshaltung. © Barbara Liese

„Man kann gut verstehen, dass viele Menschen wegen dieser Entwicklungen verunsichert sind, aber mit einer geplanten Vorratshaltung ist man auch ohne Hamstern für einen Notfall gut vorbereitet“, so Sabine Tepel-Herrendorf und erklärt: „Gut vorbereitet heißt, dass man mit Blick auf die im Haushalt lebenden Personen entsprechend einkauft. Mit einem Vorrat für 14 Tage sollte man zunächst auskommen. Entsprechende Listen erhält man bei vielen Verbänden und Institutionen, auch bei uns. Wichtig ist vorher zu überlegen, wo man die Lebensmittel aufbewahrt und vor allem den Vorrat zu pflegen. Dazu gehört, die Haltbarkeitsdaten regelmäßig zu prüfen. Sollten einige Lebensmittel kurz vor dem Mindestdatum stehen, ist es besser sie zu verbrauchen und bei Bedarf wieder neu aufzustocken.“

Es ist natürlich auch ein Unterschied, ob man sich auf eine gewisse Lebensmittelknappheit vorbereiten will oder auf einen großen Stromausfall, einen Blackout. Wenn Licht, Kühlschrank, Gefriertruhe, Mikrowelle und E-Herd ausfallen und die Wasserversorgung unterbrochen ist, braucht man schon mehr, um die Zeit zu überbrücken. Will man trinken, kochen, Zähne putzen oder waschen, muss vor allem der Wasservorrat deutlich größer sein. Auch Kerzen und Taschenlampen mit Batterien gehören auf den Einkaufszettel.

Es kann sinnvoll sein, die Hausapotheke aufzufrischen, und man darf die Haustiere nicht vergessen. Das Bundesamt für Katastrophenhilfe und Bevölkerungsschutz (BBK) empfiehlt, neben Lebensmitteln und Wasser auch diverse Hygieneartikel, Desinfektions- und Reinigungsmittel, einen Erste-Hilfe Koffer und eine einfache Campingausstattung mit Gaskocher und Brennmaterial bereitzustellen.

Wie umfangreich man sich vorbereitet, ist natürlich auch vom Platz und der eigenen finanziellen Situation abhängig. „Es ist aber immer besser, wenigstens einen kleinen Vorrat zu haben als gar keinen“, sagt Sabine Tepel-Herrendorf und betont: „Konserven sind die einfachste Form eines Lebensmittelvorrats. Sie sind manchmal Jahre haltbar.

Man kann sich aber auch an die gute alte Form des Einkochens erinnern. Viele Obst- und Gemüsesorten eignen sich dazu, und es ist viel einfacher als man denkt. Man braucht auch keinen speziellen Einkochtopf mehr dazu. Noch schneller kann man Obst zu Marmelade, Gelee und Kompott einmachen. Gut zwei Monate hält sauer eingelegtes Gemüse. Vakuumierte Lebensmittel können eingefroren werden und bleiben so sehr lange haltbar.“ Und noch ein Tipp: Zu allen Themen rund um die Lagermöglichkeiten und Konservierung von Lebensmitteln beraten die Verbraucherzentralen. Barbara Liese und Achim Rosdorff

„Persönliche Vorrats-Checkliste“ des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK):

Chutney und Kompott einmachen mit 2,5 Liter Wasser pro Tag pro Person, Milch und Milchprodukte, Fisch, Fleisch, Eier, süße Aufstriche, Zucker, Schokolade, Gebäck oder Salzstangen. Seife, Waschmittel, Zahnbürste und Zahnpasta, Haushaltspapier, Toilettenpapier, Müllbeutel, Haushaltshandschuhe, Desinfektionsmittel, Streichhölzer, Feuerzeug, Dosenöffner. Weitere Info: www.bbk.bund.de

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