Buchtipp: Roman mit Herz und Schmerz

Kampf um die Zukunft in „Dorfroman“ von Christoph Peters

Christoph Peters: Dorfroman
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Christoph Peters: Dorfroman

Dieser Roman hat alles, was eine gute Geschichte braucht: Herz, Schmerz, Illusionen, Schmetterlinge und Menschen im Kampf um eine bessere Zukunft.

Das Dorf, um das es geht, liegt am Niederrhein, umgeben von viel Land mit viel Platz am nahen Rhein - ideal für einen „schnellen Brüter“. Zu jenem Zeitpunkt, an dem der Roman einsetzt, befindet sich das Dorf als Brennpunkt gesellschaftlicher Konflikte und Veränderungen im Übergang vom Verharren dörflicher Strukturen, in denen Macht- und Besitzverhältnisse klar aufgeteilt sind, und der Hoffnung auf eine Modernisierung der Lebensverhältnisse. Diese sollten mit dem Bau eines „schnellen Brüters“ kommen, das aber spaltete buchstäblich die Republik und auch das Dorf selbst, zerstörte Freundschaften und Geschäftsbeziehungen.

Der Roman eröffnet mit einer Heimkehr: Ein Mann fährt „nach Hause“ das Dorf, in dem er aufgewachsen ist und in dem seine mittlerweile über 80-jährigen Eltern noch leben. Er betrachtet die Landschaft, registriert die verfallenen Industriehallen, die neu gebauten Umgehungsstraßen und den bunt angemalten Kühlturm des Schnellen Brüters, der bereits vor Jahren in einen Freizeitpark umgewandelt wurde. Wie eine Folie legt sich die Erinnerung auf die Gegenwart.

Eine andere Erzählebene spielt im Grundschulalter des Erzählers, in dem dieser alles, was um ihn herum geschieht, genau beobachtet, doch nahezu unhinterfragt wiedergibt. Das Land, auf dem der Schnelle Brüter gebaut werden soll, gehört zu großen Teilen der Kirche. Der Vater plädiert als Mitglied des Kirchenvorstandes für den Verkauf.

Mit Sinn für Komik schildert Peters die Zerwürfnisse und Frontlinien, die im Dorf verlaufen: Wer spricht mit wem? Wer geht in welche Kneipe? Wessen Kinder pflegen Freundschaften?

Die nächste Erzählebene, rund zehn Jahre später angesiedelt, ist die Geschichte einer Emanzipation: Der pubertierende, fünfzehnjährige Ich-Erzähler, ein schlauer, schweigsamer, in seine Herkunft eingesponnener Junge, der Schmetterlinge fängt und katalogisiert, begegnet eines Tages der sieben Jahre älteren Juliane. Sie hat sich der Protestbewegung gegen das Atomkraftwerk angeschlossen und lebt in der Scheunenkommune auf dem Gelände des legendären Bauern und Protestanführers Maas. Juliane ist es, die in Peters’ Protagonisten endgültig einen Bewusstseinswandel auslöst, zum Leidwesen seiner Eltern.

Auf jeder dieser Erzählebenen zeigt sich die schriftstellerische Fertigkeit dieses Autors: So schwärmerisch und zugleich genau, so pathetisch angehaucht und doch völlig unpeinlich kann er über das Erwachen, die Nöte, die Zweifel und die erfüllten Augenblicke einer ersten jugendlichen Liebe schreiben.

Übrigens: Der Schnelle Brüter wurde nach seiner Fertigstellung nie in Betrieb genommen. Der Preis, den das Dorf für seinen Glauben an die Heilsversprechen der Atomenergie gezahlt hat, ist hoch und bleibt auch an dem Ich-Erzähler hängen. So bleibt ihm die Frage, welche Verantwortung man trägt und ob man dazu berechtigt und vor allem fähig ist, sich von ihr zu lösen.

Wie Christoph Peters auch existenziellen Fragen an die Welt in diesem Roman von höchster Unterhaltsamkeit anbietet, macht das Lesen zu einem nachhaltigen Vergnügen.                Dr. Helmut Schaaf für Förderverein Christine-Brückner-Bücherei e.V.

Info

Christoph Peters: Dorfroman. Luchterhand Verlag, München 2020, 416 Seiten, 22 Euro.

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