Heimische Gastronomie steckt noch in der Corona-Krise

Durchwachsene Zwischenbilanz seit Wiederöffnung der Waldeck-Frankenberger Gastronomie

+
Im Wieners: Heinz Schrewe (links) aus Herrsching am Ammersee und Uwe Siebott aus Dodenau gehörten in dieser Woche zu den Gästen im „Wieners“ im Frankenberger Ederberglandbad. Hinten: Gastwirt Josef Hofmarcher. 

Seit dem 15. Mai sind Gaststätten in Waldeck-Frankenberg wieder offen. Wegen Corona aber nur unter strengen Vorgaben. Die Bilanz des ersten Monats fällt durchwachsen aus.

Die Hygieneregeln werden befolgt, aber auch vier Wochen nach den Lockerungen steckt die heimische Gastronomie noch in der Corona-Krise. „Es muss besser werden, es muss wieder aufwärts gehen“, sagt beispielsweise der Frankenberger Gastronom Josef Hofmarcher.

Der gebürtigeÖsterreicher aus der Nähe von Linz ist von den Folgen der Pandemie besonders betroffen: In Frankenberg unterhält er mit einemRestaurant im Ederberglandbad und einem Café in der Ritterstraße gleich zweiGastronomiebetriebe. Das „Wieners“ betreibt er nun schon seit 2012, sein neues „mein Kaffee“ hatte er erst am 10. März eröffnet. Nur wenige Tage vor dem Lockdown.

Josef Hofmarcher ist Gastronom mit Leib und Seele. Schon mit 15 Jahren startete er in seiner niederösterreichischen Heimat eine Lehre als Koch und im Service. Nach Stationen in der Schweiz, in Frankreich und in München lebt er nun schon seit mehr als 30 Jahren in Frankenberg. Hier war er zunächst als Geschäftsführer im alten „Hotel Sonne“ tätig, anschließend führte er elf Jahre lang das „Vis a Vis“ am Obermarkt und fünf Jahre das Restaurant „Tafelspitz“ in Ernsthausen.

„Seit der Wiederöffnung am 15. Mai läuft meine Gastronomie immer noch sehr verhalten“, berichtet der 57 Jahre alte Hofmarcher. Durch die Abstandsregelungen hat er im „Wieners“ allabendlich nur noch etwa 10 bis 15 Gäste. „Vor Corona waren immer um die 50 Leute da, da haben wir allabendlich mindestens 30 Essen serviert“, sagt Hofmarcher.

Familienfeiern wie Geburtstage, Taufen oder Goldene Hochzeiten seien wegen Corona vollkommen weggebrochen, berichtet der Frankenberger Gastronom. Vor allem die älteren Menschen blieben nahezu gänzlich weg. „Viele haben Vorerkrankungen. Deshalb sind sie besonders vorsichtig. Sie kommen erst wieder, wenn alles vorbei ist.“ Auch einige Weihnachtsfeiern seien für dieses Jahr schon abgesagt worden.

Hofmarchers Corona-Bilanz sieht daher ernüchternd aus: „DerUmsatz im Wieners ist um 70 Prozent eingebrochen. Jetzt werden nur noch etwa zehn Essen pro Abend rausgegeben. In Frankenberg bin ich nun schon seit 1989 im Geschäft, aber so etwas habe ich noch nie erlebt.“ Ähnliches kann er auch über sein neues „mein Kaffee“ berichten: „Die ersten Tage nach der Eröffnung war das Café immer voll. Jetzt kommen jeden Tag nur noch 15 bis 20 Gäste zum Kaffeetrinken.“ Umsatzrückgang: 80 Prozent.

Den Grund sieht er insbesondere in den Corona-Regelungen: „Es dürfen ja nur noch Gäste von zwei Haushalten an einem Tisch sitzen“, sagte er am Dienstagabend, bevor die Landesregierung am Mittwoch weitere Lockerungen beschlossen hatte. Restaurants und Cafés seien aber eben Orte der Treffen und der Begegnung. Deshalb habe er im „Wieners“ auch seine vier festangestellten Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen. Den Service macht er jetzt allein.

Überlegungen, das „Wieners“ während Corona ganz zu schließen, gibt es bei Josef Hofmarcher nicht. „Es kommt ja zumindest etwas rein“, sagt der Gastronom. Außerdem habe ihm die Idee mit seinem „Außer-Haus-Verkauf“ geholfen, dabei haben sich die Gäste das Essen selbst abgeholt. „Das ist recht gut gelaufen. Mit diesen Einnahmen konnte ich wenigstens die Miete bezahlen.“

Das sagt der Vorsitzende des Dehoga-Kreisverbandes

„Die Lockerungen machen sich peu à peu bemerkbar“, sagt Jürgen Figge, Vorsitzender des Gaststätten-Kreisverbandes Dehoga Waldeck-Frankenberg – es lasse sich wieder besser wirtschaften, wenn auch nicht gut. Seit Öffnung der Gastronomie- und Hotelbetriebe wurden einige Vorschriften wieder gelockert oder aufgehoben.

Am 28. Mai wurde auch die nur in Hessen bestehende Regel aufgehoben, nach der nur ein Gast auf fünf Quadratmeter kommen durfte. Diese schränkte die Kapazitäten deutlich stärker ein als das bloße Abstandsgebot von 1,50 Metern. „Und den Gästen war schwer zu erklären, warum sie an bestimmten Stellen nicht Platz nehmen durften, obwohl der Abstand gegeben war“, erläutert Figge.

Hotelier Sassor: Wir fahren nur mit halber Kraft

Nicht sehr glücklich mit den bisherigen Abstands- und Hygiene-Regelungen ist der Dodenauer Hotelier Axel Sassor. Ungerecht fanden es Sassor und sein Nachbar Hartmut Ranze (Biker-Pension Arnold), dass in anderen Bundesländern bis zu zehn Personen an einem Tisch sitzen durften, während in Hessen bis Mittwoch die Zwei-Familien-Regel galt.

„Im Moment sind wir Gastwirte und Sittenpolizei gleichzeitig“, monierte Axel Sassor. Zu fortgeschrittener Stunde habe er als Wirt auch darauf achten müssen, dass sich keine neuen Grüppchen bilden und die Abstandsregeln auch nach Alkoholkonsum eingehalten werden.

Hygiene sei schon immer ein großes Thema gewesen, versichert der Dodenauer Hotelier. Wenn er aber jetzt nach jedem Gast den Tisch und die Stuhllehne abwische, müsse er sich auch schon mal anhören, dass „endlich mal sauber gemacht“ werde.

Sein Hotel könne er immer noch nicht wieder voll belegen. „Wir fahren nur mit halber Kraft.“ Über Pfingsten seien viele Radler in seinen Biergarten gekommen. „Aber mit fünf Gästen hast du dann drei Tische belegt.“ Positiv findet Axel Sassor, dass sich die Dodenauer Gastronomen gegenseitig unterstützen. „Es ist gut, dass es läuft. Aber so, wie es läuft, ist es nicht gut“, lautet seine Zwischenbilanz.

Wirtschaftlich hat es die Branche hart getroffen: Die Regelungen seien zwar lockerer, doch die Ausfälle der vergangenen Monate „können wir im Leben nicht mehr aufholen“, sagt Silke Seifert vom Appelbaum in Vöhl. Alle geplantenHochzeits- und Konfirmationsfeiern seien abgesagt worden. Insgesamt seien die Menschen noch sehr vorsichtig. Gäste würden zwar kommen, aber nur sehr verhalten.

Andere Betriebe sind nach wie vor geschlossen: „Wir halten die Maßnahmen für richtig, haben uns aber dafür entschlossen, unser Restaurant noch nicht zu öffnen“, sagt Christian Weis vom Hotel Touric in Korbach. Die Nachfrage sei noch zu gering. „Wir sind stark auf Familienfeiern ausgerichtet und gerade da fühlen sich die Leute noch nicht sicher, verständlicherweise: Viele Familienmitglieder gehören Risikogruppen an“, erklärt Weis. Eine Öffnung rechne sich daher nicht. mjx

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.