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Das Zuhause von Familie Canisius: Altes Rittergut mit Kapellen und Kanonen

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Von: Julia Janzen

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Eine Frau und ein Mann vor einem alten Gebäude
Seit dem 18. Jahrhundert mit Nordenbeck verbunden: Um 1780 kam der erste Canisius nach Nordenbeck, seitdem ist die Familie dort verwurzelt. Anna und Tobias Canisius leben heute mit ihren Kindern auf dem Gut. © Julia Janzen

Das Zuhause von Familie Canisius ist wohl einmalig: Ein altes Rittergut samt Wehrturm und Wassergraben. Außerdem gehören drei Kapellen zum Gut, eine davon befindet sich direkt im Wohnhaus.

Das Zuhause von Anna und Tobias Canisius sowie ihrer Kinder ist sicher eines der außergewöhnlicheren in Waldeck: Eine alte Burg, erbaut wohl im 13. Jahrhundert. Nicht weniger spannend als die Geschichte des Guts ist auch die der Familie Canisius selbst, die seit dem 18. Jahrhundert mit der Burg verbunden ist. Schließlich bringt nicht jede Familie einen Heiligen hervor.

Korbach-Nordenbeck - Noch um das Jahr 1500, so erzählt Tobias Canisius, waren die Mitglieder der Familie hauptsächlich Juristen und Bürgermeister. Dann kam und wirkte Petrus Canisius, 1521 geboren, einer der ersten deutschen Jesuiten und Verfasser einiger Katechismen, der 1864 selig- und 1925 heiliggesprochen wurde. Später stand der Bergbau im Fokus, der die Familie auch nach Nordenbeck verschlug: Sie wollten Kupfer abbauen, sagt Canisius. Doch zu holen sei da längst nichts mehr gewesen. Seit Generationen hat sich die Familie nun schon der Land- und Forstwirtschaft verschrieben.

Eine kleine Kapelle mit Altar
Im Wohnhaus ist auch die Hauskapelle untergebracht. Sie wird noch heute für besondere Anlässe genutzt. © Julia Janzen

Dass die Religion für die Familie stets eine große Rolle spielte, ist noch heute spürbar: drei Kapellen gehören zum Gut. Eine davon, 1860 errichtet, ist direkt im Wohnhaus untergebracht. Mehrere hölzerne Bankreihen, ein Altarraum und ein Beichtstuhl finden sich dort. Besonderer Blickfang sind zwei Fenster, die nach der Heiligsprechung von Petrus Canisius angefertigt wurden: Eines zeigt ihn mit Verwandten, detailliert und in kräftigen Farben, und einer fiktiven Darstellung des Wehrturms der Burg im Hintergrund. Petrus selbst hat das Rittergut nie gesehen, er lebte im 16. Jahrhundert, die Burg ist seit dem 18. Jahrhundert in Familienbesitz.

Noch heute wird die Hauskapelle durchaus regelmäßig genutzt: Tobias und Anna Canisius haben dort geheiratet, ihre Kinder wurden dort getauft und immer mal wieder führt der Hausherr auch geschichtsinteressierte Gruppen durch die Kapelle, in der bis in die 1960er-Jahre auch katholische Gottesdienste gefeiert wurden. Ein Familienmitglied hat den Kirchenraum besonders gut im Blick: Das Kinderzimmer einer der Töchter hat ein Fenster mit Blick in die Kapelle.

Ein alter, sehr hoher Turm samt Dach und Wetterhahn
38 Meter ragt der Turm in die Höhe. Es gibt ein einziges Glasfenster: im Raum, in dem der Ritter lebte. © Julia Janzen

Eine Besonderheit des alten Guts ist der weithin sichtbare Wehrturm, 1412 fertiggestellt, wie eine Gravur auf der Tür zeigt. 38 Meter ragt er in die Höhe. Zum Schutz sei der Turm damals gebaut worden, sagt Canisius. Zwar gab und gibt es einen Wassergraben und einen Wall. Doch falls Feinde diese Hürden überwinden könnten, wären die Bewohner der Burg schutzlos gewesen. Der Turm mit seinen dicken Wänden, lediglich einer Tür, wenigen Fenstern, dafür mit 14 Kanonen bot Schutz. Vier Kanonen gibt es heute noch, eine davon ist im Korbacher Bonhage-Museum zu bewundern.

Früher, so erzählt Tobias Canisius, habe es eine Brücke gegeben, die von einem oberen Stockwerk des Turms einige Meter weiter zu einem Schloss führte. Davon ist heute nichts mehr zu ahnen, 1850 sei das Schloss abgerissen worden, weil es baufällig war. Viele der Steine wurden aber wieder verwendet – für andere Gebäude, die auf dem Gut errichtet wurden.

Ein buntes Kirchenfenster mit einem Abbild des Petrus Canisius
Als Petrus Canisius heiliggesprochen wurde, wurde das Fenster gefertigt. © Julia Janzen

Der imposante Turm lockt oft Interessierte an, immer wieder kommen Fragen, ob er besichtigt werden kann. Allerdings: Die meisten Treppen sind noch aus der Zeit des Baus, also aus dem 15. Jahrhundert, und heute längst nicht mehr besonders tragfähig. Es wäre für Besucher schlicht zu riskant, nach oben zu steigen.

Lediglich in den ersten Stock führt eine stabile Treppe. Viel zu sehen gibt es dort allerdings nicht: Ein paar Hocker, eine Bar, beides neueren Datums, und eine Kanone. Und wie auf allen anderen Etagen gibt es auch dort einen Kamin, sechs sind es im ganzen Turm. „Er war also voll beheizbar, in ganz Europa gibt es wohl keinen vergleichbaren Turm“, sagt Anna Canisius. Weiter oben gibt es auch noch eine Kapelle, die zweite des Guts, und eine Kemenate, der frühere Hauptwohnraum. Dort gibt es auch das einzige Glasfenster des Gebäudes.

Ein Kamin in einem Wohnhaus
Wohlige Wärme strahlt dieser Kamin im Wohnbereich aus. © Julia Janzen

Genutzt wird einmal im Jahr der Gewölbekeller im Turm: Nach der Jagd wird hier gegessen. Früher sei oft gesagt worden, dass der Keller ein Gefängnis war. Das stimme aber nicht, sagt Tobias Canisius. Der Raum, der stets sehr kühl sei, wurde meist als Lager für Lebensmittel genutzt.

Saniert wurden 2012, zum 600. Geburtstag des Turms, das Dach und einige Wandgemälde, unter anderem mit Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Die dritte Kapelle, genannt Dorfkapelle, steht auf der anderen Straßenseite gegenüber der Hofeinfahrt. Sie wurde gestiftet von Anna von Viermund, die mit ihrer Familie auf Burg Nordenbeck lebte und die gegen Ende des 16. Jahrhunderts einen aufsehenerregenden Prozess gewonnen hatte. Nach dem Tod ihres Vaters stritt sie lange Jahre mit drei Vettern, die die kostbaren Besitztümer für sich wollten. Anna wollte aber eine alte Regel nicht akzeptieren, nach der Frauen nicht erben durften.

Ein Kamin und eine Kanone
Im Wehrturm, der 1412 gebaut wurde, gibt es sechs Kamine – auf jeder Etage einen – und noch Kanonen von früher (rechts im Bild). © Julia Janzen

Ihr erster Ehemann, Graf Heinrich IX. von Waldeck, starb gar beim Versuch, die Burg zurückzuerobern. Nach vielen Jahren vor Gericht endete der Prozess schließlich vorm Reichskammergericht in Speyer. Anna von Viermund gewann – und heiratete später den Präsidenten des Gerichts, Kuno von Winnenberg und Beilstein.

Zum Dank stiftete Anna von Viermund die besagte Kapelle, in der noch heute Adventsgottesdienste und Taufen von jungen Nordenbeckern gefeiert werden, sowie ein Armenhaus, das längst ein Mietshaus ist.

Heute geht es deutlich bodenständiger zu auf dem Gut. Tobias und Anna Canisius arbeiten als Land- und Forstwirte, kümmern sich um 600 Hektar Ackerflächen und rund 400 Hektar Wald. Dort haben sie gerade, nach schweren Schäden in den vergangenen Jahren, zur Wiederaufforstung den 50 000. Baum gepflanzt.

Viel Arbeit für die Familie, zu der auch Tobias Canisius’ Eltern gehören, die ebenfalls auf dem Gut leben. Nicht nur die Bewirtschaftung der Acker- und Waldflächen und die Jagd, auch die Bewahrung des besonderen Kulturguts sehen sie als ihre Aufgabe. „Es ist eine Verpflichtung, aber eine positive“, sagt Tobias Canisius. jj

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