Wie die Polizei drei Opfer des häuslichen Messerangriffs antraf

Prozess um doppelten Mordversuch in Mandern: Eine Viertelstunde voller Todesangst

Seelisch oft belastend: Zeugenaussagen von Opfern vor Gericht.
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Seelisch oft belastend: Zeugenaussagen von Opfern vor Gericht.

Im Prozess am Landgericht Kassel um doppelten Mordversuch in Mandern wurde die Situation der Opfer deutlich. Sie erlebten eine Viertelstunde voller Todesangst bei dem häuslichen Messerangriff.

  • Beim Prozess um doppelten Mordversuch in Mandern wurde die Situation der drei Opfer deutlich, sie erlebten eine Viertelstunde voller Todesangst.
  • Polizeibeamte schilderten, wie sie die teils blutüberströmten und unter Schock stehenden Opfer nach dem häuslichen Messerangriff vorfanden.
  • Der Prozess am Landgericht in Kassel wird am 3. Februar fortgesetzt.

Bad Wildungen/Kassel – Etwa eine Viertelstunde dauerte das Martyrium der drei Opfer. Das ergaben die Befragungen durch die Polizei. 15 Minuten voller Panik und Todesangst am frühen Morgen des 29. April 2020 in dem Manderner Einfamilienhaus.

Schreie, Hilferufe und dumpfe Schläge

15 Minuten, in denen der Ehemann wie von Sinnen mit Fäusten und einem langen Messer auf seine Frau und seinen erwachsenen Stiefsohn losging. Die damals neunjährige, gemeinsame Tochter des Ehepaares hörte alles mit an: die Schreie, die Hilferufe, dumpfe Schläge – und sie sah davon auch etwas mit an, denn sie lief nicht davon, obwohl ihr Vater mindestens einmal versuchte, sie vom Geschehen fern zu halten.

Die Kleine muss vor dem Landgericht Kassel nicht aussagen in dem Prozess, in dem sich ihr Vater wegen zweifachen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu verantworten hat. Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung ersparen ihr das, aber die Zeugeenaussagen geben Hinweise darauf, was sie durchlitten haben muss.

„Das Kind stand schwer unter Schock. Es hat nichts gesagt und auch nicht auf Fragen geantwortet“, berichtet am zweiten Verhandlungstag die Polizeibeamtin, die mit ihrem Kollegen als erste am Tatort eintraf.

Noch-Ehefrau sagt aus: „Als er sich das Messer griff, dachte ich, es ist vorbei.“

Blutüberströmt unterm Carport sitzend fand die Streife die Mutter und ihren damals 21-jährigen Sohn vor, das kleine Mädchen daneben stehend. „Beide Erwachsenen waren zwar zurechnungsfähig, aber so unter Schock, dass sie unzusammenhängend berichteten“, schildert die Beamtin. Sie erinnert sich, wie die heute 45-jährige Ehefrau zu ihr sagte: „Als er sich das Messer griff, dachte ich, es ist vorbei.“

Die Polizistin sah sich im Obergeschoss die zerstörte Tür zum ersten Zimmer des Sohns an und sagt vor Gericht: „Wer schon mal versucht hat, eine Tür aufzutreten, weiß, wie viel Kraft dafür nötig ist – anders als in amerikanischen Filmen.“ Auf dem Fußboden entdeckte sie in der Nähe die Spur, die das hineingerammte Tatmesser im Laminat hinterlassen hatte.

„Die Räume waren aller voller Blut“, schildert ihr Kollege im Zeugenstand. Und am zweiten Prozesstag wird deutlich: Für verstörende Momente, kurz vorm Eintreffen der Polizei, hatten sich Mutter, Sohn und Tochter aus den Augen verloren. Die beiden schwer Verletzten waren auf verschiedenen Wegen aus dem Haus geflüchtet, das Mächen dort zurückgeblieben. Erst, als der 55-jährige Wildunger sich allein im Auto abgesetzt hatte, fanden die drei draußen zueinander. Der Prozess wird am 3. Februar fortgesetzt.

Verletzungen fast ausgeheilt, Szenen noch zum Greifen nahe

Die Verletzungen von der Messerattacke sind weitgehend ausgeheilt. Aber „wenn ich abends die Augen schließe, sind die Szenen oft wieder da, obwohl ich in einem anderen Zimmer wohne und wir viel umgestaltet haben“, erklärt der heute 22-jährige Stiefsohn des Angeklagten.

Geweckt von den Hilferufen der Mutter und den Schreien seiner Schwester lief er an dem Morgen die Treppe hinunter: „Meine Schwester zeigte auf die Küchentür, schrie und weinte.“ Der Bruder bekam die Tür nicht ganz auf, sah aber die Beine der Mutter unter dem am Boden hockenden Stiefvater hervorragen und wie dieser auf seine Frau einschlug.

Auto für Notruf gestoppt

Der junge Mann drohte mit der Polizei, rannte nach oben zu seinem Handy. „Ich war kaum im Zimmer, da flog die verschlossene Tür auf.“ Er hastete ins Nebenzimmer, warf sich zu Boden, um die zweite Tür irgendwie zu blockieren, doch da saß der Rasende schon auf ihm. „Ich schaffte es, meine Beine zu befreien und ihn zu treten. Er stach auf mich ein“, erinnert sich der 22-Jährige. Der Sohn vernahm seine Mutter mit „Hör auf!“; der Angreifer erhob sich, wandte sich um und der Zeuge hörte ihn offenbar zur Tochter sagen: „Geh weg.“ Ein dumpfer Schlag aus dem Nebenzimmer, Ruhe, durchbrochen von der Frage der Schwester irgendwo im Haus: „Mama, was hast du?“.

Der Bruder rappelte sich auf und fand in seinem Hauptzimmer das Messer im Boden. Gerade hatte er es herausgezogen, da kehrte der Stiefvater zurück, „wieder mit seinem wilden, irren Blick und wollte mir das Messer abnehmen.“ Das misslang. Schließlich drehte sich der 55-Jährige um und ging.

Sein Stiefsohn kletterte über den Balkon in den Garten, lief zur Straße und stoppte ein Auto für den Notruf. Nach der Flucht des Angeklagten, fand der Bruder seine Schwester, „aufgelöst in Tränen. Ich fürchtete , dass er unsere Mutter im Auto mitgenommen hatte.“ Umso erleichterter sei er gewesen, als sie zu ihren beiden Kindern unter das Carport kam.

Unterarm teils taub, Finger versteift - 45 Jahre alte Mutter leidet noch unter den Folgen der Gewalt

Ihr rechter Unterarm ist bis heute zu großen Teilen taub, die rechte Hand in der Kraft eingeschränkt und der kleine Finger versteift. Die heute 45-jährige Noch-Ehefrau des Angeklagten schildert dem Gericht ihre Erinnerungen an den Angriff. Begleitet von Gedächtnislücken, die Rechtsmediziner Mohamend Mousa mit der Gehirnerschütterung erklärt, die in der Wildunger Asklepios-Klinik unmittelbar nach der häuslichen Gewalttat diagnostiziert wurde.

„Es hat ihm nicht gepasst, dass unsere Tochter an dem Morgen mit mir zur Arbeit in den Hort gehen wollte“, sagt die Zeugin. Da las sie gerade in der Küche Zeitung und trank ihren Morgenkaffee. „Plötzlich stand er auf, schickte meine Tochter raus und schloss die Tür.“

Er habe sie gepackt, zwischen Eckbank und Tisch zu Boden geworfen und „mit beiden Fäusten bearbeitet. Das Messer habe ich da gar nicht gesehen.“

Immer wieder Angst

Dann hörte sie ihren Sohn, der drohte, die Polizei zu rufen. Ihr Mann ließ von ihr ab, rannte dem 21-Jährigen hinterher. „Ich bin über den Boden gekrabbelt und merkte, dass Blut aus meiner Nase tropfte.“ Sie folgte den beiden nach oben, „und ich sah meinen Sohn am Boden und er oben drauf.“

Sie flüchtete, „raus, nur weg!“, um mit ihrem Handy irgendwie die Polizei zu alarmieren, aber sie bekam es nicht hin. In Panik, dass ihr Mann ihr folgen könnte, versteckte sie sich draußen, in der Nachbarschaft, hinter einem fremden Auto. Bis sie hörte, wie ihr Mann im Wagen rückwärts aus der Hofeinfahrt setzte und floh. „Ich wusste nicht, wo meine Kinder waren. Ob sie noch leben.“

Verteidiger Dirk Sattelmeier will wissen, wieso die Zeugin das Haus ohne ihre Tochter verließ. „Weil ich sie nicht gesehen und während des ganzen Geschehens nicht wahrgenommen habe. Ich hatte gar keinen Gedanken mehr, nur pure Angst.“ Eine Angst, die blieb, als der Angeklagte zunächst nicht in U-Haft bleiben musste: „Jedes Mal, wenn ein Auto vorfuhr, dachten wir: Er kommt.“ (Von Matthias Schuldt)

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