Zum Kinofilm „Die Spaßvögel“

Entdeckt: Zeitungsberichte über Dreharbeiten 1938 in Reinhardshausen

Vorbereitung: die Schauspielerinnen werden für die Dreharbeiten in Reinhardshausen 1938 geschminkt.
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Vorbereitung: die Schauspielerinnen werden für die Dreharbeiten in Reinhardshausen 1938 geschminkt.

Im September 1938 schrieb die Waldeckische Landeszeitung über Aufsehenerregendes: Dreharbeiten zum Film „Die Spaßvögel“ in Reinhardshausen. Die Artikel wurden nun im Archiv wiederentdeckt.

Reinhardshausen – In der weiblichen Hauptrolle damals: die Mutter des in Deutschland beliebten und bekannten Schauspielers Thomas Fritsch, der vor drei Wochen im Alter von 77 Jahren verstarb. Neben der Fernsehserie „Drei sind einer zuviel“ war er vor allem durch Auftritte in „Derrick“ und „Der Alte“ sowie als Schlagersänger und Synchronsprecher einem breiten Publikum bekannt.

Dinah Grace 1938 bei Dreharbeiten in Reinhardshausen

Seine Mutter, die Tänzerin und Schauspielerin Dinah Grace, machte 1938 Station in Reinhardshausen. Sie besetzte an der Seite unter anderen von Heinz Schorlemmer die Hauptrolle in dem Film „DIe Spaßvögel“, der zu Teilen in Reinhardshausen gedreht wurde. Der Streifen spielt zwar an der Mosel, doch in Cochem fehlte es an einer Mühle, die zur Handlung gepasst hätte. Diese geeignete Kulisse fand das Team stattdessen in und an der Reinhardshäuser Mühle. Die Waldeckische Landeszeitung berichtete von den Dreharbeiten.

Angeln in den Drehpausen in Reinhardshausen

„Wohl nie in ihrer langen Geschichte hat die idyllisch gelegene Reinhardshäuser Mühle so viel betriebsames Leben gesehen“, stand in der Ausgabe vom 2. September 1938 zu lesen. Die „Anwesenheit der Filmleute und bekannter Künstler“ habe sich „wie ein Lauffeuer durch unseren Badeort verbreitet und schon am frühen Morgen ging es bei der sonst so geruhsamen Mühle zu wie auf einem Taubenschlag.“

Während der Drehpausen, die auch durch das schlechte Wetter hervorgerufen wurden, ließ sich der Hobbyangler Heinz Schorlemmer am Mühlengraben nieder und ging dort seiner Lieblingsbeschäftigung nach.

Hühner und prächtiger Pfau der Reinhardshäuser Mühle Statisten im Kinofilm

Die WLZ blieb auch einen Tag später am Ball: „Im Flur der alten Mühle riecht es nach Puder und Schminke, denn hier sind die Friseure tätig, um die Gesichter der Künstler für die Aufnahmen herzurichten. Aufmerksam beobachten Dinah Grace-Fritsch, Heinz Schorlemer und Theodor Danegger ihre Spiegelbilder, bis sie Dr. Buchs Stimme zur Aufnahme ruft. Aber ehe es so weit ist, bringen zwei kurze Hupentöne die Unterhaltungen innerhalb der wieder sehr zahlreichen Menge zum Schweigen, denn ‘völlige Ruhe‘ bedeutet dieses Zeichen, da das feine, fahrbare Mikrophon auch das leiseste Nebengeräusch aufsaugt.“

Hauptdarstellerin Dinah Grace im Gespräch mit Regisseur Buch 1938 in Reinhardshausen bei den Dreharbeiten zu „Die Spaßvögel“

Die Enten, Hühner sowie „der prächtige Pfau“ des Mühlenbesitzers wirkten als Statisten mit. „Nicht drehbuchmäßig auftauchende Wespen wurden keineswegs verscheucht, sondern ohne weiteres mit ins Bild aufgenommen.“

Autogrammjäger in Reinhardshausen unterwegs

Autogrammjäger kamen bei den Dreharbeiten auf ihre Kosten, wie zu lesen war: „Eine große Anzahl hier zur Kur weilender Gäste und Einheimische erwiesen sich als ausdauernde Zuschauer und Autogrammjäger, deren Arbeit von Erfolg gekrönt war, denn immer wieder setzten die Künstler ihre Namen auf mehr oder weniger große Karten, die für die glücklichen Besitzer eine schöne Ferienerinnerung an Bad Reinhardshausen sein werden.“

Die Zeitung verriet allerdings nicht, wie die Filmcrew auf Reinhardshausen als Drehort verfallen war. Vielleicht kannte jemand aus der Mannschaft den Ort. 1000 Gäste jährlich stiegen dort zur damaligen Zeit ab, nachdem Unternehmer Gustav Görner die Heilquelle aufgespürt und binnen weniger Jahrzehnte das Dorf zu einem Kurort aufgebaut hatte.

Wie kam die Filmcrew auf Reinhardshausen als Drehort?

Vielleicht führte aber auch der einzige deutsche Mime, der je einen Oscar bekam, die Filmleute auf die Spur nach Reinhardshausen: der Berliner Emil Jannings, zwischen 1911 und 1915 Saisondirektor des Bad Wildunger Kurtheaters. Anfang der 1930er Jahre drehte er in den Babelsberger Studios mit Willy Fritsch – und der hatte Hauptdarstellerin Dinah Grace 1937 geheiratet. Eine reizvolle Spekulation.

Fest steht dagegen: Die einstmals filmreife Idylle der Reinhardshäuser Mühle existiert nicht mehr. Das Gebäude wurde 1957 zur Rehabilitations-Klinik „Alte Mühle“ umgebaut.

Dinah Grace hießt bürgerlich Käthe Gerda Johanna Ilse Schmidt

Käthe Gerda Johanna Ilse Schmidt lautete der bürgerliche Name von Dinah Grace. Geboren 1916 in Berlin bekam sie bekam von frühester Kindheit an Ballettunterricht und erhielt als 14-Jährige ihr erstes Engagement. Damals legte sie sich den Künstlernamen, hatte erfolgreiche Auftritte in London und Wien und bekam 1933 und 1934 in „Schön ist es verliebt zu sein“ und „Hohe Schule“ ihre ersten Filmrollen.

Im März 1937 heiratete sie den damals schon erfolgreichen Schauspieler Willy Fritsch. Danach gab sie ihre Karriere auf und drehte als letzten Film die „Spaßvögel“. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte sie in Hamburg und starb 1963 im Alter von 47 Jahren an Brustkrebs. Nach ihrem Tod zog sich auch ihr Ehemann Willy Fritsch, der in den 1950er Jahren vor allem in zahlreichen Heimatfilmen mitwirkte, immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Er starb 1973 in Hamburg. Seinen letzten Film „Das hab ich von Papa gelernt“ drehte er 1964 gemeinsam mit seinem kürzlich verstorbenen Sohn Thomas Fritsch.

„Die Spaßvögel“ in Reinhardshausen - seichte Unterhaltung im Interesse des NS-Regimes

Bürgermeister Philipp Eberhorn (Fritz Kampers) ist ein Schürzenjäger und findet einen Kinderwagen mit einem passenden Spruch vor seiner Haustür. Eberhorn verdächtigt die „Spaßvögel“ mit dem ehemaligen Matrosen Hannes Strobel (Heinz Schorlemmer) an der Spitze und begibt sich in Strobels Mühle, wo er nur dessen Frau Settchen (Dinah Grace) vorfindet, die er zu verführen versucht.

Seichteste Kino-Unterhaltung, wie die Nationalsozialisten ihn verordneten, um die Identifikation „des deutschen Volkes“ mit der Diktatur weiter zu stärken, es bei Laune zu halten für den Einstieg in den von Hitler angestrebten Krieg. Zwei Monate nach den Dreharbeiten folgte auch in Bad Wildungen die Pogromnacht gegen die deutschen, jüdischen Familien unter dem Propagandatitel „Kristallnacht“. (Jörg Schüttler)

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