Korbacher Bürgermeister Klaus Friedrich vorzeitig geimpft

Das sagen die Fraktionen im Parlament: Friedrich „sollte im Altenheim mitarbeiten“

Corona-Schutzimpfung: Die Fraktionen reagieren unterschiedlich auf die vorgezogene Impfung des Bürgermeisters. SPD und Grüne schlagen vor, dass Klaus Friedrich seinen Fehler mit einem Arbeitseinsatz im Altenheim wiedergutmacht.
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Corona-Schutzimpfung: Die Fraktionen reagieren unterschiedlich auf die vorgezogene Impfung des Bürgermeisters. SPD und Grüne schlagen vor, dass Klaus Friedrich seinen Fehler mit einem Arbeitseinsatz im Altenheim wiedergutmacht.

Korbachs Bürgermeister Klaus Friedrich (parteilos) hat sich vor rund vier Wochen im städtischen Altenheim „Haus am Nordwall“ mit einer übrig gebliebenen Impfdosis gegen das Coronavirus impfen lassen, obwohl er noch nicht an der Reihe war (wir berichteten). Im Netz und in den Fraktionen des Stadtparlaments wird der Vorfall differenziert gesehen.

Korbach – Heinz Merl, Fraktionschef der CDU, sieht keinen Zusammenhang zwischen der politischen Arbeit des Bürgermeisters und der Diskussion um dessen vorgezogener Impfung. „Sollte jemand wegen dieses Vorfalls eine Sitzung des Ältestenrates einberufen wollen, wäre das unangemessen.“ Es sei nach wie vor fraglich, wie mit übrig gebliebenen Impfdosen umzugehen sei. „Ich habe mich daher vor allem über einige beleidigende Kommentare in den Sozialen Netzwerken geärgert, die gegen den Bürgermeister gerichtet waren und später Gott sei Dank gelöscht wurden. Als ich das gelesen hatte, ist mir der Draht aus der Mütze gesprungen.“

SPD-Fraktionschef Hendrik Ludwig betont, dass es seit Impfbeginn eine bundesweit geltende Impfverordnung gebe. Darin werde geregelt, welche Berufsgruppe in welche Priorität falle. „Man benötigt eigentlich keine Listen, wenn man die Verordnung umsetzt. Wenn keiner mehr aus der Gruppe der hohen Priorität für eine Impfung bereitsteht, geht man in die nächste Gruppe der erhöhten Priorität.“ Da Bürgermeister oder Aufsichtsräte von Kliniken nicht in diese Prioritätengruppen fielen, hätte Friedrich die Impfung nicht erhalten dürfen. „Es stellt sich daher die Frage, warum er angerufen wurde“, so Ludwig, der es trotzdem für sinnvoll halten würde, wenn Klaus Friedrich die zweite Impfung bekäme. „Dann ist er geimpft und könnte 20 Stunden gemeinnützige Arbeit in einem Altenheim machen. So würde er der Gemeinschaft das zurückgeben, was er ihr mit der vorgezogenen Impfung genommen hat.“

Klaus Friedrich, Bürgermeister in Korbach

Das sieht auch Heike Kramer, Fraktionsvorsitzende der Grünen, so: „Herr Friedrich sollte die zweite Impfung machen. Gerade weil derzeit noch wenig Impfstoff verfügbar ist, sollte dieser nicht auch noch verschwendet werden.“ Danach könne der Bürgermeister beispielsweise an einem Wochenende mal in einem Altenheim mitarbeiten. „Dass er einen Fehler gemacht hat, weiß er selber. So kann er aber zumindest versuchen, diesen wiedergutzumachen. Ebenso wie Hendrik Ludwig stellt sich Kramer die Frage, warum ausgerechnet der Bürgermeister angerufen wurde – schließlich müsse man doch auch im Haus am Nordwall gewusst haben, dass andere Personen früher für eine Impfung an der Reihe gewesen wären.

„Sich an den bekannt gewordenen Einzelfällen abzuarbeiten, bringt uns nicht weiter“, sagt Jochen Rube, Fraktionschef der FDP. Notwendig sei, eine längst überfällige klare Regelung zu finden, wie mit übrig gebliebenen Impfdosen umzugehen sei. „Eine Online-Reserveliste für Impfwillige nach Priorisierung muss schnell eingerichtet werden – hier ist der Landkreis in der Verantwortung.“ Impfgedrängel und ein Gegeneinander verschiedener (Berufs)-Gruppen verschleierten den Blick auf das eigentliche Problem. Man müsse schneller und effizienter mit dem Impfen vorankommen.

FWG-Fraktionschef Kai Schumacher sagt: „Niemand weiß, wer an der Reihe ist, wenn Impftermine nicht wahrgenommen werden. Bei Organ- und Blutspenden gibt es Ersatzlisten – ebenso bei Wahlen, da Wahlhelfer kurzfristig ausfallen können. Da dies aber beim Impfen nicht klar geregelt ist, war es richtig, dass jemand geimpft wurde, der erreichbar und greifbar gewesen ist – in diesem Fall war das der Bürgermeister.“ Es könne auch nicht sein, dass die Bundesregierung Strafen für „Impfvordrängler“ in Höhe von 25 000 Euro fordere, wenn sie selbst nicht in der Lage sei, eindeutige Regelungen für die Verimpfung von Impfresten zu schaffen.

Axel Krüer, Fraktionschef der Aktiven Bürger, bezeichnet das Verhalten des Bürgermeisters als „asozial“. Hausärzte, Pflegekräfte oder Zahnärzte wären früher mit einer Impfung dran gewesen. „Das war kein Lapsus, der einfach so passiert ist. Die Geschichte hat ein böses Geschmäckle“, so Krüer. Da Friedrich an sich selbst hohe moralische Anforderungen stelle, müsse er jetzt wissen, was zu tun sei.

Differenzierte Diskussion auch bei Facebook

Die vorzeitige Impfung des Korbacher Bürgermeisters sorgt auch auf unserer WLZ-Facebook-Seite für eine weitreichende Diskussion. Am Mittwoch waren nach wenigen Minuten bereits etliche Kommentare eingegangen. Am Donnerstagabend waren es fast 200.

Viele Facebook-User werfen Klaus Friedrich moralisches Fehlverhalten vor – ein ähnlich großer Teil der Kommentare unterstützt aber auch das Verhalten des Bürgermeisters. Hier eine Auswahl der Kommentare auf unserer WLZ-Facebook-Seite.

Pro: „Es ist eher vorbildlich, dass er sich als Bürgermeister impfen lässt“

„Alles richtig gemacht. Da der Impfstoff nur noch an Ort und Stelle verwendet werden kann und nicht mehr transportiert werden darf, ist es besser, die Dosis zu verimpfen als sie verfallen zu lassen.“

„Herr Friedrich wird schon rote Ohren bekommen haben, als er die Kontroverse über „Vordrängler“ mitbekam, die aktuell läuft und ihn an seinen Schuss aus der Hüfte erinnerte. Ganz sicher ist, dass er nicht für eine Bevorzugung angestanden oder sich ins Gespräch gebracht hat (...). Ich meine, da sollte man keinen Strick für irgendeine Eignung daraus drehen (...).

„Bürgermeister sind doch auch als systemrelevant zu werten, in anderen Ländern gehen sie als gutes Beispiel voran. Nur im bürokratischen Deutschland werden übrig gebliebene Impfdosen lieber weggeworfen.“

„Besser, als es verfallen zu lassen. Lächerlich, auf die zweite Impfung nun zu verzichten.“

„Bevor ein Impfstoff am Ende unbrauchbar gewesen wäre, halte ich es für eher vorbildlich, dass er sich als Bürgermeister impfen lässt (...).“

„Das ändert nichts an seiner Menschlichkeit. Er soll so weiter machen, wie bisher.“

„Jetzt die zweite Impfung verfallen zu lassen, wäre hirnrissig. Ich glaube, wenn Klaus Friedrich mal ein Wochenende im Altersheim den Pflegekräften hilft – das könnte die Wogen glätten und würde für ihn sprechen.“

Kontra: „Es gibt genug Menschen, die eine Impfung dringender brauchen“

„Das ist ein pures Ausnutzen seines Amtes. Das macht wütend. Da hätte das Altenheim mal das Krankenhaus anrufen sollen. Das Personal hätte sich gefreut.“

„Beschämend und unmöglich. Der Bürgermeister ist mein Jahrgang. Voraussehbare Impfung: Mitte bis Ende Mai. Meine 81-jährige Mutter musste nach Kassel zum Impfen. Echt pfui.“

„Meine Frau ist Hochrisiko und frühestens im April dran. Da ist es wohl verständlich, dass man einen Hals bekommt. Jeder Altenpfleger, jede Krankenschwester oder Grundschullehrerin wäre vor ihm dran gewesen. So etwas macht man einfach nicht.“

„Bedauern hat keinerlei Konsequenzen. Politische Verantwortung übernehmen, ist genauso eine leere Phrase.“

„Falls noch einmal zufällig Impfdosen übrig bleiben, gibt es in Korbach genug Menschen, die sie dringender brauchen.“

„An oberster Stelle einer Stadt stehend sollte man die Sensibilität besitzen, dass so etwas auf gar keinen Fall geht. Viele andere Personen aus der rechtmäßigen Prioritätengruppe hätte man ebenso gut erreichen können (...).“

„Das hat etwas mit Ethik und Verantwortungsgefühl zu tun. Das kann man vor allem von einem Politiker verlangen! Seine Rechtfertigungen sind scheinheilig. Wenn er einen A... in der Hose hat, sollte er zurücktreten!“

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