Interview mit Bürgermeister Frank Gleim

Erinnerung an Flüchtlingskrise 2015: Gemünden war Erstaufnahmeeinrichtung

Abtrennung: Am Freitag, 2. Oktober 2015, waren zahlreiche Helfer aus Gemünden, Rosenthal, Haina und Burgwald dabei, mit Bauzäunen die Sport- und Kulturhalle in Gemünden für die Unterbringung der Flüchtlinge in kleinen Gruppen einzuteilen.
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Abtrennung: Am Freitag, 2. Oktober 2015, waren zahlreiche Helfer aus Gemünden, Rosenthal, Haina und Burgwald dabei, mit Bauzäunen die Sport- und Kulturhalle in Gemünden für die Unterbringung der Flüchtlinge in kleinen Gruppen einzuteilen.

In der Hochphase des Flüchtlingszustroms vor fünf Jahren gab es in Waldeck-Frankenberg drei Erstaufnahmeeinrichtungen: in Gemünden, Korbach und Mengeringhausen. Von dort wurden die Flüchtlinge nach der Registrierung auf andere Einrichtungen und auf Wohnungen verteilt.

Gemünden – Im HNA-Interview erinnert sich Gemündens Bürgermeister Frank Gleim an die Herausforderungen, Aktivitäten beim Aufbau und Ängste in der Bevölkerung im Jahr 2015.

Herr Gleim, als Sie die Nachricht erhielten, Gemünden ist als eine der Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes vorgesehen, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Bei solch einer Aufgabe, bleibt nicht viel Zeit, sich Gedanken zu machen. An erster Stelle stehen Handeln und die Bewältigung der an uns gestellten Herausforderung im Interesse aller Beteiligten.

Wie viel Zeit hatten Sie, das Bürgerhaus mit der angeschlossenen Sport- und Kulturhalle und dem angrenzenden Gelände entsprechend herzurichten?

Ende September 2015 trat der Landkreis an die Kommunen heran und teilte mit, dass rund 500 Flüchtlinge im gesamten Landkreis aufzunehmen wären. Zu diesem Zeitpunkt wurde noch davon ausgegangen, dass angemieteter Wohnraum ausreichend für die Unterbringung sein würde. Wenige Tage später nahm der Flüchtlingszustrom Ausmaße an, die vorher nicht abzusehen waren.

Frank Gleim, Bürgermeister in Gemünden

Die Stadt Gemünden wurde als Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge festgelegt. Dieses aufgrund der vorhandenen dreifeldrigen Sporthalle mit angegliedertem Bürgerhaus und entsprechender Infrastruktur. Innerhalb einer Woche musste die Sport- und Kulturhalle nebst Bürgerhaus zur Erstaufnahmeeinrichtung umfunktioniert werden.

In Zusammenarbeit mit dem beim Landkreis gebildeten Krisenstab, der Feuerwehr der Stadt Gemünden, weiteren benachbarten Feuerwehren, der Verwaltung und des Bauhofes aus Gemünden sowie Bauhöfen der benachbarten Kommunen wurde aus der Sport- und Kulturhalle eine Erstaufnahmeeinrichtung für maximal 300 Personen.

Die ersten anderthalb Wochen wurde die Gesamtorganisation der Aufnahme und Unterbringung durch die Feuerwehr der Stadt Gemünden mit Unterstützung weiterer Feuerwehren übernommen. Danach erfolgte die Übernahme der Organisation durch das Regierungspräsidium Kassel.

Gab es technische Probleme?

Technische Probleme, außer bei der Nutzung des WLAN zur Zeiten der Vollbelegung der Unterkunft, gab es nicht.

Auf was musste besonders geachtet werden?

Vorgabe war, einen separaten Bereich zu schaffen, der auch vor den Einblicken von außen geschützt ist. Daher wurde der Bereich großzügig mit Bauzäunen umstellt und diese mit Sichtschutz abgehangen. Wir empfanden es auch als wichtig, einen eigenen Raum als Spielbereich für Kinder einzurichten.

Diese Situation war sicher für alle Beteiligten auf Gemündener Seite neu. Hatten Sie Helfer auch von außerhalb?

Verschiedene unterstützende Dienste wurden organisiert, z.B. wurde eine Kleiderkammer mit ehrenamtlichen Helfern eingerichtet. Viele Bürgerinnen und Bürger erkundigten sich über Hilfsmöglichkeiten und gaben bei der Verwaltung Kinderspielsachen, Handtücher, Töpfe und Ähnliches ab, um die Geflüchteten zu unterstützten. Beim Aufbau gab es wie bereits vorerwähnt Hilfe von benachbarten Kommunen mittels Einsatz derer Bauhöfe und Feuerwehren.

Als Betreiber der Aufnahmeeinrichtung stand der uns vertraute DRK-Kreisverband Frankenberg zur Verfügung. Im Rahmen des eingerichteten Sicherheitsdienstes konnten wir uns auf das ansässige Sicherheitsunternehmen RL Security Service verlassen. Mit Feststellung der Aufbauorganisation wurde ich zu den Organisationsgesprächen von meinem Kollegen aus Bad Arolsen mit eingeladen, denn diese standen vor demselben Problem. Hier konnten dankenswerterweise gemeinsame Vorgehensweisen erörtert werden.

Für die nächsten Monate mussten Hochzeiten, Geburtstage, Stadtverordneten- und Vereinsversammlungen sowie der Wochenmarkt und der Karneval abgesagt bzw. verlegt werden. Aufgrund der abgesagten Veranstaltungen hat es auch Beschwerden gegeben. Wie verhielt sich damals die Bevölkerung?

Selbstverständlich bestanden Ängste gegen die allen unbekannte Situation. Viele der vorhergesagten Szenarien sind hier aber nicht eingetroffen. Sicher gab es die eine oder andere Situation, in der verschiedene Kulturkreise aufeinandertreffen. Auch die zentrale Lage der Sport- und Kulturhalle zwischen Kindergarten und Schule stieß anfangs bei der Bevölkerung auf Kritik.

Trotz der Kürze der umzusetzenden Maßnahmen haben wir in der hergerichteten, aber noch nicht bezogenen Erstaufnahmeeinrichtung eine Informationsveranstaltung für unsere Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Landrat Reinhard Kubat organisiert. So konnte auch in der Bevölkerung Verständnis für die unbekannte Situation gefunden werden.

Neben den von Ihnen erwähnten Veranstaltungen, die nicht stattfinden konnten, muss auch noch ergänzt werden, dass alle sportlichen Veranstaltungen (Vereins- und Schulsport) in dieser Zeit auf andere Örtlichkeiten verlegt wurden oder nicht stattfinden konnten.

Etwas Unverständnis kam eher zum Ende hin auf. Dieses, da in Nachbarkreisen extra für Flüchtlinge eingerichtete Unterbringungen schon leer waren und unsere Halle noch belegt. Die Ursache dafür lag in der Verteilungsquote auf Landkreise. Letztendlich lässt sich sagen, dass die Bürger sowie unsere Vereine die ganze Situation in diesen Monaten sehr gut gemeinsam mit getragen und umgesetzt haben.

Manche Bürger befürchteten Probleme durch die Flüchtlinge im Ort. Manche hatten die Schlägereien zwischen Flüchtlingen in der Zeltstadt bei Kassel-Calden in Erinnerung. Hat es Ihres Wissens nach Probleme mit Flüchtlingen gegeben?

Derartige Probleme innerorts wurden uns keine bekannt.

Wann trafen die ersten Flüchtlinge in Gemünden ein?

Am 9. Oktober 2015 trafen die ersten Flüchtlinge in Gemünden ein

Wieviele Menschen lebten im Komplex Sport- und Kulturhalle?

Hier gab es immer wieder Abgänge und Zugänge. Wir gingen immer von rund 250 Personen aus. Die Belegungslisten wurden nicht von uns als Verwaltung geführt. Hier war das eingesetzte Organisationsteam des Regierungspräsidiums in Kassel zuständig.

Aus welchen Ländern stammten die Flüchtlinge?

Die Flüchtlinge kamen aus Syrien, Afghanistan, Iran, Irak und Eritrea.

Wann wurde die Erstaufnahmeeinrichtung in Gemünden aufgelöst?

Anfang März 2016 war die Erstaufnahmeeinrichtung nicht mehr belegt; im Mai 2016 wurde sie zurückgebaut.

Der Alternativstandort in einer leer stehenden Gewerbe-Immobilie im Gemündener Industriegebiet kam ja nicht zum Zuge. Obwohl Bevölkerung und politische Gremien ihren Segen dazu gegeben hatten. Warum konnte sich das Land nicht für eine Nutzung der früheren Werkhalle 1 der Firma Geka entschließen?

Zum Zeitpunkt der Beschlussfassung im Januar 2016 bis zum Beginn einer geplanten Umsetzung stellte sich heraus, dass die angedachten Kapazitäten nicht mehr benötigt würden und somit der Alternativstandort nicht mehr infrage kam.

Als der Komplex Sport- und Kulturhalle nach dem Auszug der Flüchtlinge wieder leer stand: Wie groß waren die Schäden?

Da die Sport- und Kulturhalle auch vorher in keinem guten Zustand war, hielten sich die weiteren Beschädigungen in Grenzen. Einzelne Defekte, welche durch diese Nutzung entstanden, wurden nach erfolgter Inaugenscheinnahme instandgesetzt und hat die Stadt Gemünden kostentechnisch nicht belastet.

Konnte alles beseitigt werden?

Ja, die ermittelten Schäden durch die Nutzung als Erstaufnahmeeinrichtung wurden beseitigt.

Leben heute noch Flüchtlinge im Gemündener Stadtgebiet?

Ja, in Gemünden gab es schon vor Oktober 2015 eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende. Diese gibt es auch zur Zeit noch mit wechselnder Belegung. Auch befinden sich einige Menschen mit ehemaligem asylsuchenden Status in privaten Mietwohnungen hier in Gemünden.

Ein geflügeltes Wort sagt: „Sag niemals nie“. Sollte noch einmal eine Flüchtlingswelle Gemünden betreffen: Was würden Sie und Ihre Helfer diesmal anders machen?

Ich denke, wir sind mit den damals an uns gestellten Herausforderungen sehr gut umgegangen. Wir würden wieder versuchen, das Beste aus der jeweils auf uns zukommenden Situation zu machen.

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