Viele Zeitzeugen befragt

„Gleichgültigkeit ist die schlimmste Sünde“: Ernst Klein spricht vor ALS-Schülern über den Nationalsozialismus

Über die Zeit des Nationalsozialismus hielt der Volkmarser Ernst Klein (3. von rechts) eine Vortrag vor Schülern der Jahrgangsstufe 12 an der Alten Landesschule Korbach. Er hat mit viele Zeitzeugen gesprochen, deren Erinnerungen festgehalten und engagiert sich dafür, dass die Gräueltaten von damals nicht vergessen werden.
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Über die Zeit des Nationalsozialismus hielt der Volkmarser Ernst Klein (3. von rechts) eine Vortrag vor Schülern der Jahrgangsstufe 12 an der Alten Landesschule Korbach. Er hat mit viele Zeitzeugen gesprochen, deren Erinnerungen festgehalten und engagiert sich dafür, dass die Gräueltaten von damals nicht vergessen werden.

In der Jahrgangsstufe 12 der heutigen gymnasialen Oberstufe steht das Thema „Nationalsozialismus“ wie selbstverständlich auf dem Lehrplan. „Das war zu meiner Schulzeit nicht so“, sagt Ernst Klein aus Volkmarsen. Der 77-Jährige reist deshalb seit den 1990er Jahren durch die Welt, um „gegen das Vergessen“ aktiv zu sein. Jetzt war er in der Alten Landesschule zu Gast.

Korbach - In der Schule habe er nichts über die Juden erfahren, erklärt Klein. Sein Vater habe dann von den Juden in Volkmarsen erzählt und das Thema sei ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Er habe Anzeigen in Zeitungen auf der ganzen Welt aufgegeben und nach Überlebenden gesucht. Heute sei das mittels Internet etwas einfacher. Nicht alle seien bereit gewesen, mit Deutschen in Kontakt zu treten, aber im Verlaufe von Jahren seien tiefe Freundschaften entstanden.

1995 hat der Volkmarser dann den Verein „Gegen das Vergessen“ gegründet. „Gleichgültigkeit ist die schlimmste Sünde“, betont Klein bei seinem Vortrag. Ebenso wie die Einstellung vieler unter dem Motto: „Ich war’s nicht.“

„Alles, was ich weiß und in meinen Büchern dokumentiert habe, weiß ich von den Zeitzeugen“, berichtet er. Es habe sich zunehmend Vertrauen aufgebaut und die Gegenüber hätten gemerkt, dass in Deutschland heute andere Menschen leben. Viele dieser Personen lebten aber heute nicht mehr.

Über das Thema Kindertransporte, hat Klein in seinen Büchern „Stacheln im Honig“ und „Kindertransport“ geschrieben. Ab 1938 sei das Leben der Juden in Deutschland immer mehr reglementiert und ausgegrenzt worden.

Das Ausland hätte dies zunächst mit Ignoranz behandelt, dann habe sich aber zunehmende Sensibilität breitgemacht. Einige Länder, wie England und die Niederlande, hätten sich bereit erklärt, jüdische Kinder aufzunehmen und damit aus der Gefahrenzone zu bringen. Von den Eltern seien oft schnelle Entscheidungen gefragt gewesen. Dramatische Abschiedsszenen hätten sich abgespielt. Mehr als ein „wir kommen nach“ habe es oft nicht gegeben und viele Familien hätten einander nicht mehr wiedergesehen.

Christliche Organisationen hätten die Transporte organisiert. Viele Kinder landeten in einer für sie fremden Welt. Unbeständigkeit, Unsicherheit und Existenzangst waren die täglichen Begleiter. Vielen Pflegefamilien waren die Elemente jüdischen Lebens völlig unbekannt. Sie waren überfordert, dies mit den Pflegekindern zu teilen. Aber es habe auch große Hilfsbereitschaft in Heimen und bei Pflegefamilien gegeben. „Jedes dieser Kinder hat nie aufgegeben und hat sich durchs Leben gekämpft“, erzählt Ernst Klein. Viele seien schließlich nach dem Krieg in Israel gelandet.

Nach einer kurzen Fragerunde schenkte Ernst Klein den Schülerinnen und Schülern noch je zwei seiner Bücher. Sie haben alle einen Vortrag gehört, der im Gedächtnis bleibt. Lehrerin Dr. Marion Lilienthal und Schulleiter Christoph Aßmann bedankten sich für einen engagierten und aktiven Beitrag zum Geschichtsunterricht. (Hans Peter Osterhold)

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