1. Startseite
  2. Lokales
  3. Frankenberg / Waldeck

Neuer Landrat ist seit 100 Tagen im Amt: „Es ist wichtig, authentisch zu bleiben“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Philipp Daum

Kommentare

Zeit zum Eingewöhnen gab es für ihn kaum: Jürgen van der Horst (parteilos) ist seit 100 Tagen Landrat in Waldeck-Frankenberg.
Zeit zum Eingewöhnen gab es für ihn kaum: Jürgen van der Horst (parteilos) ist seit 100 Tagen Landrat in Waldeck-Frankenberg. © Philipp Daum

Seit 100 Tagen ist er Landrat in Waldeck-Frankenberg. Im Interview mit unserer Zeitung spricht Jürgen van der Horst (parteilos) über seine ersten Wochen an der Spitze des Landkreises sowie die künftigen Aufgaben und Herausforderungen, denen er sich stellen will.

Zeit zum Eingewöhnen hatten Sie nicht. Die Corona-Pandemie ist allgegenwärtig. Ende Februar begann der Ukraine-Krieg, und der Landkreis muss sich jetzt unter anderem um die Unterbringung von Flüchtlingen kümmern. Wie haben Sie die ersten Wochen seit Ihrem Dienstantritt empfunden?

Ein Warmlaufen hat es nicht gegeben, das ist korrekt. Dies hatte ich aber auch nie als Ziel für mich formuliert. Viele Projekte sind ohnehin ad hoc fortzusetzen. Das Krisenmanagement erfordert ebenfalls ein sofortiges und entschlossenes Handeln. Schade ist natürlich, dass hierbei wenig Zeit blieb, sich auch persönlich überall vorzustellen. Ich habe deshalb leider noch nicht in allen Fachdiensten erste Gespräche und Kontakte knüpfen können. Das wird aber noch passieren, dafür werde ich mir die notwendige Zeit nehmen. Ich habe mir mit Blick auf die personelle Entwicklung in der Kreisverwaltung ehrgeizige Ziele gesetzt. Allerdings musste ich etwas auf die Bremse treten, da ich schlichtweg noch nicht in allen Fachdiensten und Abteilungen gewesen bin.

Was sind das konkret für ehrgeizige Ziele?

Es wird in bestimmten politischen Handlungsfeldern ein Nachjustieren geben – hier nenne ich beispielhaft den Umwelt- und Klimaschutz. Beide Bereiche werde ich bündeln und gemeinsam unter dem Dach eines eigenen Fachdienstes zusammenfassen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der bestehende Fachdienst Umwelt aufgewertet wird. Das ist ein echter Paradigmenwechsel, der letztlich auch für mehr Gestaltungsspielraum sorgt. Am Ende des Tages geht es mir darum, dass der künftige Fachdienst Umwelt- und Klimaschutz mehr und mehr einen aktiven Part übernimmt und Projekte in eigener Initiative vorantreibt, anstatt nur zu beobachten, zu genehmigen und zu überwachen.

Was kann der Landkreis aktiv für den Klimaschutz in Waldeck-Frankenberg tun?

Wir sind Eigentümer des Energieversorgers EWF und zudem an der EGF beteiligt. Darüber hinaus bewirtschaften wir große Forstbetriebe. Das versetzt uns in die Lage, mit Blick auf künftige Flächen für Anlagen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz proaktiv zu sein. Wir müssen also nicht darauf warten, dass die Planungsbehörde Vorschläge erarbeitet, sondern wir können selbst aktiv werden. Aktuell sind wir bei diesen Fragen in der Sondierung und werden entsprechende Vorschläge erarbeiten, die wir dann noch mit den Städten und Gemeinden abstimmen.

Wie wollen Sie die Energiewende im Landkreis weiter vorantreiben? Die steigenden Energiekosten als Folge des Ukraine-Kriegs scheinen ein schnelles Fortkommen in diesem Bereich notwendig zu machen.

Entscheidend ist, dass wir Projekte nicht nur umsetzen, sondern dass diese auch auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind. Daher werden wir die Projekte auch immer mit einem Monitoring begleiten, damit sie dauerhaft mit Leben gefüllt werden. Diese Herangehensweise wird auch nicht ganz zu unrecht von Naturschutzverbänden gefordert. Ich stehe dafür, dass wir die Energiewende offensiv bewegen müssen. Hierbei geht es auch um einen weiteren Ausbau von Windenergie- und Photovoltaikanlagen. Wichtig ist mir zudem, dass wir gemeinsam mit unserem Energieversorger auch Wasserstoff als Energieträger in den Blick nehmen. Natürlich müssen wir bei der Umsetzung der Energiewende dicke Bretter bohren, Zielkonflikte wird es ebenfalls geben. Aber ich werde mich jeder Diskussion stellen.

Energiewende: Für den neuen Landrat hängen Umwelt- und Klimaschutz eng zusammen. Das soll sich auch in einem gleichnamigen Fachdienst ausdrücken.
Energiewende: Für den neuen Landrat hängen Umwelt- und Klimaschutz eng zusammen. Das soll sich auch in einem gleichnamigen Fachdienst ausdrücken. © dpa

Was verbirgt sich genau hinter der geplanten Personalsteuerung und -entwicklung in der Kreisverwaltung? Sie sprechen häufig davon, dass Prozesse und Arbeitsabläufe effizienter ablaufen müssten. Ist das bislang im Kreishaus nicht der Fall gewesen – wo hakt es hier konkret?

Wo die Arbeit bisher ineffizient oder effizient stattgefunden hat, müssen wir erst einmal herausfinden. Das bedeutet, dass wir zunächst den Personalbedarf durchdeklinieren. Es geht darum, die Frage zu klären, wie viel Personal ich exakt für die eine bestimmte Aufgabenerledigung benötige. Im zweiten Schritt geht es um das Thema Aufgabenkritik und speziell um die Frage, wie effizient eine Aufgabe erledigt werden kann. Hier gibt uns die Digitalisierung mittlerweile viele Instrumente an die Hand, die wir nutzen können. Das gibt uns die Möglichkeit, Arbeitsprozesse in der Kreisverwaltung völlig neu zu denken und Kapazitäten zu schaffen, um weitere Aufgaben zu erledigen.

Sie haben die Verantwortung für die Dezernate ausschließlich auf sich und den Ersten Kreisbeigeordneten Karl-Friedrich Frese verteilt. Es gibt keine ehrenamtlich geleiteten Dezernate mehr, wie es sie vorher unter den Dezernenten Fritz Schäfer und Hannelore Behle gegeben hat. Haben Sie mit der Neuordnung den Unmut von Frau Behle und Herrn Schäfer auf sich gezogen?

Ich bin guter Dinge, dass ich das gegenüber den beiden genannten früheren Dezernenten gut kommuniziert habe. Beide sind auch nach wie vor in vielen Handlungsfeldern des Landkreises unterwegs und vertreten auch den Kreisausschuss. Ich arbeite mit beiden weiterhin kollegial zusammen. Die Zuordnung der Dezernate mit ehrenamtlichen Entscheidungsträgern entstammt ja eher noch der Denkschule, dass wir klassische Koalitionen und Oppositionen kennen und nicht die kollegiale Zusammenarbeit im Blick haben.

Ihr Amtsvorgänger Reinhard Kubat pflegte innerhalb und außerhalb der Verwaltung eine lockere „Duz“-Kultur. Ticken Sie ähnlich – und wie wichtig ist Ihnen der direkte Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern im Kreis?

Ich bin von der Herkunft her – und so ticke ich auch ein Stück weit – wertkonservativ. Ich bin deshalb nicht gleich beim ersten Kontakt beim Du. Das heißt aber nicht, dass ich ohne Wertschätzung auf Menschen zugehe. Wenn ich zurückdenke, ist es tatsächlich so, dass ich mit Personen, die mir nahe stehen und mit denen ich eine intensive Beziehung entwickelt habe, lange Zeit das ‚Sie‘ hatte. Der Plan ist natürlich, auf Menschen zuzugehen – das passiert auch, ich bin viel im Landkreis unterwegs und werde das auch weiter sein. Es ist aber auch wichtig, authentisch zu bleiben – und das bin ich, wenn ich zurückhaltend mit dem Du bin, dafür aber trotzdem kommunikativ.

Auch interessant

Kommentare