Beziehungen von Eltern und Kindern

Konflikte sind normal und lösbar, sagt Familientherapeutin Franziska Schlag

Zwischen Mutter und Tochter gibt’s oft Zoff. Doch schlechte Beziehungen müssen nicht sein.
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Zwischen Mutter und Tochter gibt’s oft Zoff. Doch schlechte Beziehungen müssen nicht sein.

Eltern und ihre Kinder verstehen sich oft nicht. Doch an guten Beziehungen können sie arbeiten, sagt Paartherapeutin Franziska Schlag aus Wolfhagen.

Ob Klimawandel, Schule, Freizeit oder Coronakrise – Jung und Alt haben in vielen Bereichen unterschiedliche Lebenseinstellungen. Wenn Werte, Sehnsüchte und Ziele der Generationen aufeinandertreffen, gibt es Konfliktpotential. Gibt es heute mehr Zündstoff als früher? Hat die Zahl der Generationenkonflikte zu- oder abgenommen?
Mehr Zündstoff als früher sehe ich bei Jugendlichen nicht, eher eine große Ernsthaftigkeit bei ihrem politischen Engagement. Das Jugendliche Werte und Ziele hinterfragen und auch mal provozierend auftreten, bringt ihre Eigenständigkeit und die gesellschaftliche Entwicklung voran. Vor einigen Jahren standen junge Menschen noch im Verdacht zu angepasst und unpolitisch zu sein. Fridays for Future und das jüngste Wahlverhalten zeigen uns, dass die Jugend zum Glück immer für Überraschungen gut ist.
Um welche Themen drehen bzw. entzünden sich Konflikte zwischen Jung und Alt in der Familie oft?
Digitale Medien sind oft ein Konfliktthema zwischen Eltern und Kindern. Dabei haben Eltern ihren Job nicht dadurch erledigt, dass sie Benutzungszeiten durchsetzen. Jugendliche trennen bei ihren Freundschaften und ihrer Selbstinszenierung schon lange nicht mehr zwischen digitaler und realer Welt. Deswegen müssen Eltern ein echtes Interesse an den Nutzungsgewohnheiten und für die Begeisterung ihrer Kinder an der digitalen Welt zeigen und sich ernsthaft damit auseinandersetzen, wenn sie noch am Leben ihrer Kinder anteilnehmen und Einfluss nehmen wollen.
Streiten sich Jung und Alt mit gleichem Geschlecht öfter? Also Vater und Sohn bzw. Mutter und Tochter? 
Jein. Zuvor enge Mutter-Tochter-Beziehungen kommen häufig in Ablösungsstress. Mütter und Väter, die sich im Dauerkonflikt mit ihrem gleichgeschlechtlichem Nachwuchs befinden, haben möglicherweise Schwierigkeiten damit, dass traditionelle Rollenvorstellungen oder Erwartungen an den Werdegang des Kindes nicht von diesem erfüllt werden. Auch Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben kann eine Rolle spielen. Wenn die Kinder flügge werden, steht die Frage an, was man in Zukunft aus dem eigenen Leben machen will. Das kann die unbeantwortete Frage hinter dem Konflikt sein.
Die Jugend ist heute sicherlich weniger rebellisch als zum Beispiel in den frühen Siebzigern, doch ist sie wirklich angepasster? Und zeigt sich das in größerer Familien-Harmonie?
„Angepasst“ heißt nicht, dass Jugendliche ihre eigene Meinung nicht mehr vertreten, sondern sie äußern ihre Sichtweisen oft klar und positionieren sich deutlich. Die Rebellion in der Familie findet statt, wenn es im Ganzen eine Schieflage gibt, zum Beispiel wenn die Eltern-Kind-Beziehung schon lange belastet ist oder die Eltern sich in einer Paarkrise befinden, vielleicht sogar trennen.
Wie zeigen sich heute die Generationenkonflikte? Welche Probleme können sie in Familien verursachen?
Der Generationenkonflikt hat heute nicht mehr die Härte, wie früher, da viele Eltern gesprächsbereiter sind und selbst flexibler denken. Schwierig wird es, wenn Eltern starr erziehen wollen, anstatt mit ihren Jugendlichen Regeln auszuhandeln und deren Einhaltung dann einzufordern. Wenn die Eltern selbst in einer Krise stecken, fehlt ihnen eher die Kraft und Aufmerksamkeit, die dafür nötig sind. 
Kann die Coronakrise die Konflikte verschärfen?
Jugendliche, auch junge Erwachsene werden durch Corona voll ausgebremst, weil sie sich nicht annähernd so frei ausprobieren können, wie es ihrem Alter entspricht. Einfach mal auf einer Fete mit einer frischen Bekanntschaft knutschen, mit Interrail in Europa unterwegs sein – Gedanken an die Ansteckungsrisiken und geschlossene Grenzen schmälern die Unbekümmertheit. Wenn dadurch genervte Jugendliche auf gestresste und besorgte Eltern treffen, kann die Stimmung kippen. 
Haben Eltern und Kinder heute eine größere Fähigkeit, ihre Konflikte zu bewältigen als frühere Generationen?
Kinder und Jugendliche werden heute von ihren Eltern ernster genommen und sie werden nach ihrer Meinung gefragt. Das Verbot der körperlichen Züchtigung im Jahr 2000 hat dazu geführt, dass Schlagen als Erziehungsmittel abgenommen hat, auch wenn es noch zu häufig vorkommt.
Die einen wollen Sicherheit, Stabilität und Kontrolle, die anderen Freiheit und Unabhängigkeit sowie das Austesten von Grenzen. Jugendstudien des Industrieverbandes Körperpflege und Waschmittel (IKW) haben herausgefunden: 77 Prozent der Jungen und Mädchen ist Sicherheit sehr wichtig, während die Generation der 50- bis 60-Jährigen gern an ihre Grenzen gehen. Können Sie das bestätigen?
Ich erlebe Jugendliche oft sehr reflektiert und nachdenklich, auch wenn sie in Konflikten mit ihren Eltern heftig streiten. Sie wünschen sich Verständnis und Unterstützung, was auch eine Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit zeigt. Die beste Abenteuerlust steigt oft sogar erst, wenn sich Jugendliche sicher fühlen.
Können unterschiedliche Einstellungen zu Problemen beim gegenseitigen Verstehen führen? In welchen Situationen gibt’s Konflikte?
Unterschiedliche Einstellungen zwischen Menschen sind normal und ein Zeichen von Lebendigkeit. Es kommt darauf an, dass Unterschiede akzeptiert und ausgehalten werden. Dabei ist es entscheidend, einander zuzuhören und dafür offen zu bleiben, dass die eigene Meinung sich dadurch ändern könnte. Konflikte werden erst schwierig, wenn es nur darum geht, selbst recht haben zu wollen.
Wie helfen Sie? Wie, mit welchen Methoden, wirken Sie auf ein besseres Verständnis zwischen Eltern und Kindern ein?
Durch meine Moderation und gezielte Fragen unterstütze ich die Familien, wieder darüber zu sprechen, was jeden bewegt und dabei einander zuzuhören. Sehr oft geht es bei der Konfliktlösung darum, sich selbst zu beruhigen und auf den anderen wieder offen zuzugehen, anstatt sich nur gekränkt zurückzuziehen.
Die oben genannte Studie hat auch herausgefunden, dass beiden Generationen die Familie sehr wichtig ist. Ist das ein Ansatz zur Konfliktlösung?
Das ist seit Jahren immer wieder das Ergebnis großer Jugendstudien. Für Jugendliche sind die eigenen Eltern die wichtigsten Ansprechpartner bei vielen Lebensfragen, auch dann, wenn sich Gleichaltrige untereinander meist zuerst ansprechen. Dieses Wissen könnte für Eltern ein wichtiges Signal dafür sein, an der Beziehung zu ihren Kindern auch dann nicht zu zweifeln, wenn es zeitweise zwischen ihnen kracht. 
Wie stark sollten sich Eltern in das Leben ihrer Kinder einmischen? Ab welchem Alter sollten sie ihr eigenes Ding machen? Sollten sich Eltern nur in bestimmte Lebensbereiche einmischen? Und wenn ja, in welche?
Pauschal gesagt, sollte die Erziehung von Kindern im Alter von 10 bis 12 Jahren abgeschlossen sein. Bei echtem Interesse ihrer Eltern empfinden Jugendliche Grenzsetzungen nicht nur als willkürliche Einmischung, auch wenn Eltern im Augenblick „nerven“. „Einmischen“ sollten sich Eltern nur wenig und gut überlegt, denn es ist besser, erste eigene Erfahrungen zu wagen, wenn Eltern verlässlich im „Standby-Modus“ zur Seite stehen.
Wie lassen sich Generationenkonflikte beheben? Sollten Jung und Alt ihre Ansichten ausdiskutieren? Oder jeder für sich ausleben?
Von jedem Etwas. Ausdiskutieren klingt anstrengend. Bei den wichtigen Fragen im Gespräch und neugierig zu bleiben für die Sichtweise der Jugend und der Alten, davon profitieren beide Seiten. Gleichzeitig kann jede/r auf seine Weise glücklich werden, „sein Ding machen“.
Wieviel Freiheit sollte man seinen Sprösslingen lassen? Haben Sie Tipps für die Eltern?
Eltern können mit ihren Jugendlichen das Verhältnis von Freiheiten und Verpflichtungen aushandeln, wobei Eltern die Rahmenbedingungen klar benennen sollten. Mit 13- bis 15-Jährigen sind Eltern noch als Verhandlungsführende gefordert. Mit 17-Jährigen werden eher die Bedingungen einer Wohngemeinschaft geklärt.
Was können Eltern für ein harmonischeres Miteinander tun? Welches Verhalten tut der Beziehung gut?
Ständige Harmonie in der Pubertät ist unrealistisch und könnte darauf hinweisen, dass Jugendliche sich nicht trauen ihre Meinung zu sagen. Eltern sollten sich an ihre eigene Jugend erinnern und das, was sie damals von ihren Eltern hätten gut gebrauchen können. Das hilft oft, die eigenen Kinder besser zu verstehen.
Können gemeinsame Ausflüge Beziehung von Kindern und Eltern vertiefen?
Ja. Familien, die zusammen Ski fahren, Angeln oder Ausflüge machen, kommen einfach so nebenbei ins Gespräch, das ist viel angenehmer als ein geplantes Miteinanderreden. Das tut der Beziehung sehr gut!      
Familien- und Paartherapeutin Franziska Schlag.

Zur Person

Franziska Schlag (61) ist Diplom Sozialpädagogin, Paar- und Familientherapeutin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Leiterin einer Jugend- und Familienberatungsstelle. Außerdem ist sie in einer eigenen Praxis in Wolfhagen freiberuflich tätig.

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