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Farben-Verbot ärgert auch Tätowierer in Waldeck-Frankenberg

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Von: Philipp Daum

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Diese schwarzen Farben darf er benutzen: Kazim Kaplan vom Friseur-, Kosmetik-, und Tattoostudio „Ink District“ in Korbach klagt angesichts der EU-Verordnung über Umsatzeinbußen.
Diese schwarzen Farben darf er benutzen: Kazim Kaplan vom Friseur-, Kosmetik-, und Tattoostudio „Ink District“ in Korbach klagt angesichts der EU-Verordnung über Umsatzeinbußen. © Philipp Daum

Mit dem neuen Jahr begann für Tätowierer eine farblose Zeit, denn seit den 4. Januar ist erst einmal Schluss mit bunten Tattoos. Der Grund ist eine neue Verordnung der EU („Reach“).

Diese verbietet viele Inhaltsstoffe, die in gängigen Tätowierfarben enthalten sind. „Wir können aktuell nur noch Tattoos in den Reach konformen Farben schwarz und grau sowie in den Pigmenten Grün 7 und Blau 15:3 anbieten. Allerdings wollen rund 30 Prozent unserer Kunden bunte Tattoos in vielen verschiedenen Farben“, berichtet Kazim Kaplan vom Friseur-, Kosmetik-, und Tattoostudio „Ink District“ in Korbach. Zuletzt habe er daher zahlreiche Termine absagen müssen. Dies habe für hohe Umsatzeinbußen gesorgt.

„Durch Corona haben wir ohnehin schon Schwierigkeiten – jetzt kommt auch noch die neue Verordnung hinzu, die leider auch ohne großen Vorlauf umgesetzt wurde“, sagt der 33-Jährige. Erschwerend komme hinzu, dass Reach konforme und damit erlaubte Farben für bunte Tattoos – abgesehen von schwarz und grau – aktuell so gut wie gar nicht zu bekommen seien. „Jedes Tattoo-Studio will jetzt diese Farben haben, um sein Geschäft weiter betreiben zu können. Der Markt ist daher komplett leer gefegt“, berichtet Kazim Kaplan.

Außerdem seien die reachkonformen Farben doppelt bis dreimal so teuer wie die bisher verwendeten, die nun alle in den Müll wandern müssten. „Unser Lager war voll damit, da wir natürlich größere Mengen bestellt hatten, um insgesamt einen besseren Preis erzielen zu können. Das nützt uns heute aber auch nichts mehr, sagt der Geschäftsführer, der für die neue EU-Verordnung gar nichts übrig hat. „Ich kann nicht erkennen, dass die alten Farben – deren Qualität und Sicherheit auch regelmäßig überprüft wurden – gesundheitsgefährdend sind. Sie wurden seit Jahrzehnten benutzt, es gab nie Probleme.“

Ähnlich sieht es der Inhaber eines anderen Tattoostudios in Korbach, der namentlich nicht genannt werden will: „Tattoos gibt es schon immer – auch etliche Seemänner wurden reihenweise mit Farben und ohne Nebenwirkungen tätowiert. Ich verstehe die neue Verordnung nicht. Niemand scheint sich Gedanken darüber gemacht zu haben, dass da ganze Existenzen dran hängen.“

Kazim Kaplan hat nach eigener Auskunft viel Geld in das im Sommer 2020 eröffnete Friseur-, Kosmetik-, und Tattoostudio in der Korbacher Fußgängerzone investiert. Er weist darauf hin, dass seine Kunden nicht nur aus Waldeck-Frankenberg, sondern auch aus den Nachbar-Landkreisen kommen. Dies mache ihn schon ein wenig stolz. Umso wichtiger sei es ihm, die Kunden nicht zu verschrecken. Deshalb habe er trotz der deutlich gestiegenen Ausgaben für die neuen Farben die Preise für Tattoos noch nicht erhöht. „Auf Dauer können wir das aber nicht durchhalten, dafür sind die reachkonformen Tattoo-Farben derzeit einfach zu teuer“, sagt der Geschäftsführer. Außerdem seien die neuen Farben flüssiger, was das Einbringen unter die Haut aufwendiger mache. „Eine Sitzung, die normalerweise fünf bis sechs Stunden lang wäre, dauert künftig sieben bis acht Stunden“, schätzt Kaplan.

Der 33-Jährige sieht noch ein weiteres Problem. „Der Schwarzmarkt wird von der neuen EU-Verordnung profitieren. Offiziell dürfen die alten Farben nicht mehr verwendet werden. Das wird allerdings dazu führen, dass der eine oder andere Tätowierer seine Leistung mit den verbotenen Farben unter der Hand anbietet. Dies trifft uns Tattoostudios, die alle Regeln befolgen, dann zusätzlich – schließlich gehen uns damit Kunden verloren.“

„Da wurde fast eine ganze Branche ruiniert“

Auch Sarah Kempel, Besitzerin des Tattoostudios Skincredible Ink in Frankenberg, ist von dem Farben-Verbot nicht begeistert. „Eternal ink“ und „Dynamic black“ waren Marken, die sie früher benutzt habe. Die Farben sind jetzt verboten, aber sie habe Probleme damit gehabt, erklärt sie. „Meiner Meinung nach ist das nicht richtig, dass das jetzt so in die Mangel genommen wird. Da wurde fast eine ganze Branche ruiniert.“

Das Tätowieren sei eine freiwillige Entscheidung. Die Menschen wüssten, welche Risiken man eingehe – wie mit Alkohol oder Zigaretten auch. Sie versteht nicht, warum die Farben verboten wurden: „Tattoos werden seit Jahrhunderten gestochen und wenn man auf gute Qualität setzt, dann geht zu 99,9 Prozent nichts schief“, sagt sie. Sie selbst würde an ihren Kunden nie Farben benutzen, die sie nicht auch auf ihre Haut lassen würde. „Man muss halt aufpassen“, betont sie. Gerade ungeprüfte Farben seien gefährlich und es gebe weiterhin viele schwarze Schafe. Sie und ihre Kollegen hätten nie Probleme gehabt; die meisten allergischen Reaktionen würden eher durch schlechte Pflege ausgelöst werden.

Dass die bunten Farben verboten wurden, findet die 28-Jährige besonders für Krebspatienten schlimm. „Ein Tattoo kann für die Psyche Verarbeitung sein und gerade für Krebspatienten, die sich Brustwarzen tätowieren lassen, finde ich das Verbot ganz grausam.“ (kir)

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