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Flechtdorfer „Klosterherberge“ öffnet ihre Pforten für ukrainische Flüchtlinge

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Bastelabend im Abthaus des einstigen Flechtdorfer Klosters: Mit Annegret Walter Mit Annegret Walter gestalten die ukrainischen Frauen Birkenkränz. Hinten stehen von links Annegret Walter, der Vizevorsitzende des Fördervereins fürs Kloster, Ulrich Faß-Gerold, und die die Frau des Pastors der  evangelisch-lutherische Brudergemeinde in Marsberg, Viktoria Schewtschenko.
Bastelabend im Abthaus des einstigen Flechtdorfer Klosters: Mit Annegret Walter gestalten die ukrainischen Frauen Birkenkränze, die sie bei der Pflanzentauschbörse im Mai anbieten wollen. Sie leben der „Klosterherberge“. © Karl Schilling

Seit März leben ukrainische Flüchtlinge in der Flechtdorfer „Klosterherberge“, ein Netz von ehrenamtlichen Helfern aus der Dorfgemeinschaft trägt die Mütter und ihre Kinder.

Diemelsee-Flechtdorf – Nicht nur die nachts in den blau-gelben Farben der Ukraine angestrahlten Türme der Klosterkirche zeugen von Solidarität: Die Dorfgemeinschaft lebt sie jeden Tag: Sie kümmert sich um die Ukrainer, die vor dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin in ihrer Heimat geflohen sind und in Flechtdorf Sicherheit und Unterkunft gefunden haben.

In alter Klostertradition

Der Förderverein fürs Kloster habe die spontane Entscheidung getroffen, die Herberge für sie zu öffnen berichtet der Vizevorsitzende Ulrich Faß-Gerold – er steht damit in alter Klostertradition. Die als Unterkunft für Wanderer und Seminarbesucher gedachte Unterkunft verfügt über drei Zimmer und eine kleine Küche.

Rainer Fischer vom Ordnungsamt der Gemeinde Diemelsee war froh über das Angebot des Vorstandes, denn ankommende Flüchtlinge werden auf die Kommunen verteilt – und die Belegung kam schnell.

Das lag an Viktor Moor, der beim Steueramt der Gemeindeverwaltung in Adorf arbeitet. Er begleitete einen Transport der evangelisch-lutherischen Brudergemeinde in Marsberg und brachte Ukrainer auch nach Flechtdorf: eine Frau mit ihrem Sohn, eine Mutter mit einer erwachsenen Tochter und ihrer Mutter sowie eine Familie – die inzwischen privat in Marsberg wohnt.

Das Flechtdorfer Netzwerk wird aktiv

Als er unterwegs telefonisch im Dorf Bescheid über die baldige Ankunft gab, brauchte es nur einen Eintrag in der Dorf-App – und schon wurde ein schlagkräftiges Netzwerk aktiv: Zusammenstehen und anpacken? Nichts Neues für die Flechtdorfer. Sie brachten schnell Lebensmittel vorbei und bezogen die Betten. In acht Minuten sei Kleidung organisiert worden, berichtet Faß-Gerold.

Als die Ukrainer am Mittwoch des 2. März spätabends eintrafen, war alles vorbereitet – und dann gab es auch noch W-LAN im Kloster: „Da ging ihnen das Herz auf“, sagt Faß-Gerold: Endlich wieder Kontakt in die Heimat aufnehmen, den Lieben schnell Bescheid sagen, wir sind angekommen, wie geht es euch?

Erste Einkaufstour

Ortsvorsteher Walter Rohde fuhr die Frauen am nächsten Morgen zum Einkaufen nach Korbach, nahm einen Einkaufswagen und zeigte ihnen im Supermarkt, wo es was gab. Und das Geld? Der Ortsbeirat spendete spontan Sitzungsgelder. Ein Kind brauchte neue Schuhe? Da gab es kurzerhand eine Spende aus dem Erlös des Weihnachtsmarktes. Dass die dankbaren Frauen aus Rührung weinten, berührte auch die Helfer.

Die Gemeinde Diemelsee hat sich ebenfalls auf die Flüchtlinge vorbereitet, sie erfasste die neuen Einwohner und zahlte ihnen ein Begrüßungsgeld von 200 Euro aus. Ein staatliches Taschengeld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz gibt es erst nach der Registrierung – der Termin bei der Ausländerbehörde im Korbacher Kreishaus war erst am Freitag.

Ankommen im Alltag

In den ersten Tage sei es für die Ukrainer erst einmal darum gegangen, zur Ruhe kommen, sagt Faß-Gerold, „sie sind mit klopfendem Herzen hier angekommen. Mit der Ungewissheit, wie wird das?“

Seit einem Monat gilt es, den Alltag zu organisieren und zusammenzufinden. So langsam stellen sich Routinen ein. Die Frauen kochen gemeinsam, der Förderverein hat eine Waschmaschine organisiert. Mit dem Bus oder durch Mitfahrgelegenheiten fahren die Ukrainer zum Einkaufen.

„Sprache ist ein großes Thema“

„Die Sprache ist ein großes Thema“, sagt Faß-Gerold. Die Flechtdorfer haben das Glück, Olga Zeiser in ihren Reihen zu haben: Sie ist aus Kirgisien ausgewandert und spricht russisch. Sie übersetzt voller Hingabe. Außerdem unterstützt die Marsberger Brüdergemeinde mit Viktoria Schewtschenko Flechtdorfer und Ukrainer nach Kräften. Doch auch mit anderen Helfern klappt die Verständigung - wozu gibt es schließlich Übersetzungshilfen auf dem Smartphone?

Sprachkurs organisiert

Über die katholische Gemeinde „Sankt Marien“ in Korbach nahmen die Flechtdorfer Kontakt zum Lehrer Ortwin Terörde auf, der schon 2015/16 Kurse für Flüchtlinge gegeben hatte. Er kommt seit einer Woche mit drei Frauen aus Korbach, sie unterrichten im „Klosterforum“ – auch Ukrainerinnen aus der Umgebung nehmen teil.

Der Förderverein organisierte schnell eine Kinderbetreuung, damit die Mütter ungezwungen lernen können. „Sie haben eine hohe Motivation, Deutsch zu lernen“, erklärt Faß-Gerold. „Sie sind unglaublich rege.“

„Das Kloster hat den Vorteil, ein bekannter Ort zu sein“, sagt er, das erleichtere das Zusammenfinden: Helfer kommen einfach vorbei. „Die Kontaktaufnahme läuft ganz gut“, berichtet Faß-Gerold. Frauen stricken zusammen, die Flechtdorfer haben Spielkameraden für die Kinder besorgt.

Basteln für die Pflanzentauschbörse

Annegret Walter organisierte ein Bastelangebot – sie hatte die Idee, Bastelarbeiten und Spezialitäten der ukrainischen Küche bei der Pflanzentauschbörse am 1. Mai im Kloster anzubieten. Der Erlös soll an die Frauen gehen.

Und so machen sie sich derzeit an die Arbeit, gestalten Karten, basteln Birkenkränze und aus Zeitungen Osternester mit Vögelchen darin. Sie verstehen sich: „Wir kommen mit Händen und Füßen zurecht“, sagt Walter.

„Psychosoziale Versorgung“ ist wichtig

„Die psychosoziale Versorgung ist ein wesentlicher Baustein“, sagt Faß-Gerold. Die Flüchtlinge mussten erst zur Ruhe kommen. Doch vom Krieg daheim zu erfahren, bedeute eine „ständige Retraumatisierung“. Und täglich ändere sich die Perspektive: „Bleibe ich? Wo will ich wohnen? Wo finde ich Arbeit? Alles offene Fragen.“

Vieles zu regeln

Es sind aber noch so viele Sachen zu regeln. Gibt es Plätze in Kindergärten? Was ist mit Impfungen gegen Mastern und Corona? Da half der Willinger Hausarzt Dirk Bender sofort weiter. Dokumente in kyrillischer Schrift müssen für Behörden übersetzt werden. Beamte fragen nach für sie ungewohnten Schreibweisen von Namen. Warum heißt etwa Viktoria Nawrotskas Mann Nawrotzkj? Die weibliche Endung mit „ka“ ist im Deutschen nicht üblich.

Schwierig ist zudem die Wohnungssuche, denn Ziel der Flechtdorfer ist es, eigene Wohnungen für die Flüchlinge zu finden – doch es gibt kaum Angebote und viele Absagen.

Unterdessen muss der Förderverein Buchungen für die Herberge absagen - die Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge hat für den Vorstand Vorrang. 

Schon viel geschafft

Trotz aller Herausforderungen: „Wir haben viel hinbekommen“, sagt Faß-Gerold. „Leute entdecken Hilfe für sich als Aufgabe und stellen ihre Zeit zur Verfügung – wir sind getragen von diesem Netz. Das ist ein gutes Pfund, was das Dorf ausmacht.“

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