Literarischer Frühling: Lesung mit Muh und Mäh

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Zwischen Kälbchen und Melkschemel: Der Schauspieler Udo Samel las im Stall der Familie Garthe-Metz in Ellershausen aus Texten von Johann Gottfried Seume, einem Zeitgenossen Goethes und der Brüder Grimm.

Ellershausen. Der Schauspieler Udo Samel las im Stall der Familie Garthe-Metz in Ellershausen aus Texten von Johann Gottfried Seume, einem Zeitgenossen der Gebrüder Grimm.

Nur gelegentlich mal ein Muh und Mäh, sonst bleiben die Kälbchen der Ellershäuser Landwirtsfamilie Garthe-Metz erstaunlich unbeeindruckt von den seltsamen Vorgängen um sie herum.

Da sitzen 80 fremde Leute auf Holzstühlen im Kälberstall und hören einem Mann zu, der mit einem Buch an einem Tisch im Stallgang sitzt. Er liest aus den Reiseerinnerungen eines Johann Gottfried Seume, der wie der 1756 in Ellershausen geborene Jakob Garthe ein Landwirtssohn war und als Soldat für den englischen König in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg geschickt wurde.

Die Frau, die die Lesung ankündigt, kennen die Kälbchen schon. Christiane Kohl von der benachbarten Bärenmühle, hat den Stall schon mehrfach besucht und auch die schöne Aussicht ins Lengeltal bewundert. Sie hat Judith Garthe-Metz und Karl-Heinz Metz überzeugt, die Stalltore für die Leute und die Literatur zu öffnen.

Nur sechs Kälbchen dürfen lauschen

Das Landwirtsehepaar erlaubt nur sechs ausgewählten Kälbern, der Literatur zuzuhören. Die anderen kommen in ein Nachbargebäude. Dann wird saubergemacht, das ganze Heu kommt raus, das Stroh wird befeuchtet. Denn manche Menschen leiden an Heuschnupfen.

„Oh, wie süß“, sagen viele der Fremden, die in den Stall kommen und sich die Tiere anschauen. „Ruhe“, sagt der Vorleser am Tisch, wenn eines der Kälbchen mal mäht. „Achtung“, sagen Zuschauerinnen, die dicht an den Tieren sitzen, als ein Kälbchen den Schwanz hebt, um sich zu erleichtern.

Geschenk für die Gastgeber: Organisatorin Christiane Kohl (v. l.), Schauspieler Udo Samel, Judith Garthe-Metz und Karl-Heinz Metz.

Eine Weile verfolgen die Tiere das Geschehen, dann legen sie sich ins Stroh. Zwei hören gar nicht mehr zu. Sie haben die Augen geschlossen und schnarchen leise.

Auch die Menschen sind ganz ruhig. Sie hören dem Mann zu, einem bekannten Schauspieler namens Udo Samel. Christiane Kohl hat ihn bei der Verfilmung ihres Buches Zeugenhaus kennengelernt und nach Ellershausen eingeladen.

Geschenk, dick wie ein Backstein

Nur manchmal lachen die Zuhörer leise. Das geht etwa eineinhalb Stunden so. Dann klatschen sie in die Hände und die Kälbchen springen wieder auf. Christiane Kohl gibt dem Ehepaar Garthe-Metz ein Geschenk so dick wie ein Backstein. Es ist eine Bibel. Die Leute verlassen den Stall und unterhalten sich. „Das war schön“, sagen die einen. „Der Vortrag war unkonzentriert und etwas langatmig“ sagen andere.

Aber der Ort - sie nennen ihn authentischer Schauplatz der Weltliteratur - der gefällt den meisten - auch wenn sie draußen an ihren Kleidern schnuppern und sagen: „Riecht nach Stall.“

Dass Franz Kafka trotz aller Tragik in seinem Leben Sinn für Humor hatte, das lesen Sie in einem weiteren Beitrag zum Literarischen Frühling in der gedruckten Samstagausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

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