HNA startet neue Serie „50 Jahre Gebietsreform“

1971 – Schicksalsjahr für 62 Kommunen im Frankenberger Land 

Noch schnell vor Jahresende 1970: Nach Haubern, Rodenbach, Friedrichshausen, Dörnholzhausen, Schreufa, Röddenau und Hommershausen unterzeichneten am 10. Dezember 1970 als Letzte die Bürgermeister (von links sitzend) Helmut Hofmeister (Rengershausen), Karl Höhl (Viermünden), Sepp Waller und Stadtrat Heinrich Schwieder, Adam Blanc (Hommershausen) und Konrad Bornscheuer (Wangershausen) die Grenzänderungsverträge mit Frankenberg. Die Eingliederungen von Willersdorf und Geismar erfolgten 1971.
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Noch schnell vor Jahresende 1970: Nach Haubern, Rodenbach, Friedrichshausen, Dörnholzhausen, Schreufa, Röddenau und Hommershausen unterzeichneten am 10. Dezember 1970 als Letzte die Bürgermeister (von links sitzend) Helmut Hofmeister (Rengershausen), Karl Höhl (Viermünden), Sepp Waller und Stadtrat Heinrich Schwieder, Adam Blanc (Hommershausen) und Konrad Bornscheuer (Wangershausen) die Grenzänderungsverträge mit Frankenberg. Die Eingliederungen von Willersdorf und Geismar erfolgten 1971.

Vor 50 Jahren schlossen sich 62 der bis dahin 78 selbstständigen Gemeinden im Altkreis Frankenberg zu Großgemeinden zusammen. 1973 folgten die anderen. In einer Serie über die Gebietsreform erinnern wir an die turbulenten, folgenschweren Ereignisse. Heute: ein Überblick.

Frankenberger Land – Auch wenn alles aus Wiesbaden seit 1969 von langer Hand vorbereitet war: Wohl kaum ein Jahr in der Nachkriegsgeschichte verlief für die Gemeinden in Hessen so aufwühlend und konfliktreich wie das Jahr 1971, als die meisten Entscheidungen für eine hessische Gebietsreform fielen.

Sie gilt als das wichtigste und zugleich politisch umstrittenste Projekt der sozialliberalen Landesregierung von 1970 bis 1974 mit Ministerpräsident Albert Osswald (SPD), Innenminister Hanns-Heinz Bielefeld (FDP) und seinem Staatssekretär Heinrich Kohl (FDP), der bis dahin Landrat im Altkreis Frankenberg gewesen war und nun von dort in diesen Reformprozess lenkend eingriff.

Ziel der gebietlichen Neuordnung vor 50 Jahren war: Die Verwaltungskraft der Gemeinden und Kreise sollte gestärkt, ihre Leistungsfähigkeit verbessert werden. Vor allem „Zwerggemeinden“ unter 300 Einwohnern, die keine hauptamtlichen Verwaltungsbeamten hatten, sollten in größere Einheiten eingegliedert werden. „Seit der Postkutschenzeit“, so hieß es, seien Gemeindegrenzen nicht verändert worden.

In Frankenberg stellte auf Einladung von Bürgermeister Sepp Waller (rechts) Ministerpräsident Albert Osswald die Pläne der Landesregierung vor.

Das berührte in Dörfern den engsten Lebensraum der Bürger, das stolze Recht auch der kleinsten Gemeinde auf die vom Freiherrn vom Stein (1757-1831) versprochene kommunale Selbstverwaltung, auf Ortsgrenzen, Namen, Wappen und eine seit Jahrhunderten gewachsene Identität. Bundespräsident Theodor Heuss hatte ihnen 1949 schon als „Keimzellen bürgerlichen Lebens“ sogar „Ewigkeitsanspruch“ verliehen.

Zum Stichtag 28. Februar 1969 gab es in Hessen 2642 Gemeinden. Nach Ende der Reform 1977 waren es gerade noch 416. Von neun kreisfreien Städten blieben bis heute fünf (Marburg verlor zum Beispiel seinen Status), die Zahl von 39 Landkreisen schrumpfte auf 21, neu entstand so der zusammengelegte Landkreis Waldeck-Frankenberg ab 1. Januar 1974.

Im Schicksalsjahr 1971 fiel im Altkreis Frankenberg nach turbulenten Bürgerversammlungen, vielen Sitzungen und Parteiveranstaltungen für 62 der insgesamt 78 Kommunen die Entscheidung über Zusammenschlüsse und Eingliederungen.

1970 begann das große Werben und Taktieren. Die Reformer aus Wiesbaden machten Zauderern als „Zuckerbrot“ das Angebot von erhöhten Schlüsselzuweisungen für zehn Jahre nach freiwilligen Zusammenschlüssen. Umgekehrt drohte den Kommunen, die dazu nicht bereit waren, am Ende die „Peitsche“ gesetzlich verordneter Zwangszusammenschlüsse. Besonderes Lockangebot zum Jahresende 1970: Für alle bis dahin abgeschlossenen Grenzänderungsverträge zum 1. Januar 1971 gab es die Mittel aus dem Kommunalen Finanzausgleich noch rückwirkend für 1970.

Mit dem Landrat auf Dienstreise: In jedem Jahr lud Landrat Heinrich Kohl (vordere Reihe, 6. von rechts) die Bürgermeister aller 78 Kommunen des Altkreises Frankenberg zu einer mehrtägigen Studienreise ein. Er pflegte ein besonders enges Verhältnis zu den zumeist ehrenamtlichen Kommunalpolitikern und nutzte wie hier die letzten Fahrten vor 1970, um mit ihnen Modelle für Gemeindefusionen zu besprechen. Für die meisten hieß das: Ende ihrer Selbstständigkeit.

Zur Eingliederung in die Stadt Korbach drängelten sich geradezu nach erfolgreichem Werbefeldzug von Bürgermeister Dr. Horst Bökemeier 25 Gemeinden (es wurden später 14 Stadtteile). In Frankenberg gelang es Bürgermeister Sepp Waller vor dem 31. Dezember 1970, die Grenzänderungsverträge mit zehn neuen Stadtteilen abzuschließen, Willersdorf und Geismar folgten 1971.

In Ernsthausen beschwor Staatssekretär Hans Krollmann vor den Bürgermeistern die Prinzipien „Freiwilligkeit“, „bürgernahe Verwaltung“, „Überschaubarkeit“. Er stellte den altgedienten Ehrenamtlichen die Möglichkeiten des Aufstiegs zum hauptamtlichen Bürgermeister in Aussicht. Schon frühzeitig warb auch Landrat Heinrich Kohl bei den Bürgermeistern für eine Modellplanung mit 18 relativ kleinen Gemeindeeinheiten in seinem Landkreis.

Für diese Gemeinden fiel vor 50 Jahren die Entscheidung

Wenn auch noch nicht für alle, so fielen im Schicksalsjahr 1971 doch für 62 Gemeinden im Altkreis Frankenberg die wesentlichsten Entscheidungen.

Zur Stadt Frankenberg, der sich schon am 30. Dezember 1970 Dörnholzhausen, Friedrichshausen, Haubern, Hommershausen, Rengershausen, Rodenbach, Röddenau, Schreufa, Viermünden und Wangershausen angeschlossen hatten, gehörten ab 1. Juli 1971 auch Geismar und Willersdorf.

Nach Frankenau orientierten sich zunächst die Gemeinden Allendorf/Hardtberg am 1. Februar und Louisendorf am 31. Dezember 1971.

Der Gemeinde Allendorf/Eder schlossen sich im Februar Battenfeld, am 1. April Rennertehausen und am 1. Juli 1971 Haine an.

Birkenbringhausen, Ernsthausen und Wiesenfeld mit Industriehof bildeten am 1. Juli 1971 die Großgemeinde mit dem neuen Namen Burgwald.

In Bromskirchen wurde die Gemeinde Somplar am 1. Februar eingegliedert.

Zum neuen Verwaltungsverbund Ittertal fusionierten am 1. Februar 1971 zunächst die Gemeinden Dorfitter, Thalitter und Herzhausen.

Der Kommune Vöhl schlossen sich anfangs nur die Gemeinden Oberwerba, Asel und Basdorf an. Am 31. Dezember 1971 vereinigten sich die Gemeinden Buchenberg, Ederbringhausen, Harbshausen, Kirchlotheim, Niederorke, Oberorke und Schmittlotheim zur Großgemeinde Hessenstein.

Aus diesen drei Interims-Gemeinden entstand am 1. Januar 1974 schließlich kraft Landesgesetz die Großgemeinde Vöhl.

In die Stadt Gemünden wurden am 31. Dezember 1971 Sehlen, Lehnhausen, Herbelhausen und Grüsen eingegliedert.

Der neuen Großgemeinde Haina/Kloster schlossen sich am 1. Juli 1971 Altenhaina, Battenhausen, Bockendorf, Halgehausen, Hüttenrode, Mohnhausen, Oberholzhausen und am 31. Dezember Löhlbach und Römershausen an.

In die Stadt Battenberg eingegliedert wurden nach Berghofen (31. Dezember 1970) am 1. Februar 1971 Laisa und Dodenau.

Zu Hatzfeld kamen am 1. April 1971 Holzhausen und am 1. Juli Biebighausen.

Alle hier nicht erwähnten Gemeinde-Eingliederungen wurden in den Folgejahren bis 1974 vollzogen.

Widerstand in einigen Gemeinden

In manchen Gemeinden kam es zu regelrechten Zerreißproben. Die Bottendorfer waren gespalten zwischen Anschluss an Frankenberg und Beharren auf Selbstständigkeit, wurden stattdessen 1974 per Landesgesetz der neuen Gemeinde Burgwald zugeordnet.

Obwohl sich die Bürger der Stadt Gemünden zu 86 Prozent für die Aufnahme in den Kreis Marburg-Biedenkopf aussprachen, blieb ihre Stadt aber im Kreis Frankenberg und bekam per Gesetz 1974 Ellnrode und Schiffelbach zugeschlagen.

Zäher Widerstand der Oberaspher führte dazu, dass der 1974 gesetzlich an Battenberg gebundene Ort (die Gemeindeakten waren unter Polizeischutz abgeholt worden) nach sechs Monaten wieder ausgemeindet und Münchhausen angegliedert wurde.

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