30 Jahre Deutsche Einheit: Lars Greese erinnert sich

Frankenberger kam 1985 aus der DDR - und durfte nicht mehr zur Beerdigung seiner Mutter

Frankenberg ist sein Zuhause: Lars Greese (57) stammt aus der DDR. Er war am 18. Januar 1985 ausgewiesen worden. Heute ist er Betreiber des zünftigen Wirtshauses „Bavaria“ am Obermarkt gegenüber dem Historischen Rathaus.
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Frankenberg ist sein Zuhause: Lars Greese (57) stammt aus der DDR. Er war am 18. Januar 1985 ausgewiesen worden. Heute ist er Betreiber des zünftigen Wirtshauses „Bavaria“ am Obermarkt gegenüber dem Historischen Rathaus.

30 Jahre Deutsche Einheit: Lars Greese hat seine ganz eigene Geschichte mit der DDR. Er kam 1985 in den Westen und lebt heute in Frankenberg.

Frankenberg – Wenn Lars Greese in diesen Tagen die Zeitung las oder ins Fernsehen schaute, dann kamen dem 57-Jährigen verstärkt Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit zurück ins Gedächtnis. Denn in den Medien nahmen querbeet die Berichte über „30 Jahre Deutsche Einheit“ zu, und somit auch über die am 3. Oktober 1990 untergegangene DDR – ein Land, aus dem Lars Greese stammt, ein Land, aus dem er im Jahr 1985 ausgewiesen wurde.

Lars Greese ist heute in Frankenberg verwurzelt, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, betreibt das Lokal „Bavaria“ am Obermarkt: „Ich fühle mich hier sehr wohl.“ Aber gerade in diesen, von jüngerer deutscher Geschichte erfüllten Tagen, holt ihn die eigene Vergangenheit massiv ein.

Beispielsweise der 18. Januar 1985. An jenem Tag wurde er von den DDR-Behörden ausgewiesen. Insgesamt zehn Anträge auf Familienzusammenführung hatte er in seinem damaligen, 8000 Einwohner zählenden Heimatort Laage (Mecklenburg) in den Monaten zuvor gestellt. Im Westen endlich angekommen, fand er in Frankenberg bei seiner dort lebenden Oma Anny ein neues Zuhause. Ein Neustart mit fast 22 Jahren. Ohne seine Eltern, ohne seinen Bruder. Sie blieben in der DDR zurück.

Immerhin fasste Lars Greese schnell Fuß, fand Arbeit. Zunächst als Angestellter in verschiedenen Betrieben, dann als selbstständiger Unternehmer. Im Februar 2015 schließlich eröffnete er das zünftige Wirtshaus „Bavaria“ am Frankenberger Obermarkt gegenüber dem historischen Rathaus.

Lars Greese wollte damals in den Westen, um nach seinen Vorstellungen zu leben: „Das DDR-System nahm mir die Luft zum Atmen. Überall der Staatssicherheitsdienst, an jeder Ecke, in jeder Kneipe lauerte einer von denen“, erzählte er der HNA – dies aber nicht im September 2020, sondern bereits vor 35 Jahren, am 23. Oktober 1985. In jener Zeit war kurz zuvor seine Mutter Lydia mit 46 Jahren in der DDR an einem Hirntumor gestorben.

Greese, der sehr an seiner Mutter hing, wollte damals zur Beerdigung in den Osten, ihr das letzte Geleit geben. Doch das untersagten die DDR-Behörden. Sie ließen den inzwischen 22-Jährigen nicht einreisen. Daraufhin wandte er sich an unsere Zeitung. Die HNA berichtete am 24. Oktober 1985 über diesen Fall (siehe Ausrissbild).

HNA-Bericht vom 24. Oktober 1985: Darin schilderte Lars Greese, dass er nicht in die DDR zur Beerdigung seiner Mutter einreisen darf. Sie war kurz zuvor gestorben.

Lars Greese hat dies bis heute nicht vergessen. Er ist in dieser Beziehung auch nach 35 Jahren sehr verbittert: „Die DDR-Staatsführung hat meine Mutter auf dem Gewissen.“ Denn: „Es hätte 1985 noch die Möglichkeit gegeben, sie aus einer Spezialklinik in Magdeburg in eine Spezialklinik in Hannover zu bringen. Denn ich hatte Kontakte bis in die Bayerische Staatskanzlei in München. Genauer gesagt, bis zum damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Der hatte seine ganz eigene Beziehung zur DDR-Staatsführung und wollte sich kümmern – allerdings vergeblich. In Hannover wäre meine Mutter vielleicht gerettet worden.“

„Die DDR-Staatsführung hat meine Mutter auf dem Gewissen.“

Lars Greese

Heute klingt diese Geschichte sehr ungewöhnlich bzw. wenig glaubhaft. Doch Greese berichtete vor wenigen Tagen beim aktuellen Gespräch mit der HNA von einer besonderen Begegnung: „Als ich noch in der DDR lebte, habe ich bei einem Ungarn-Urlaub einen westdeutschen Architekten kennengelernt, der für die Strauß-Tochter Monika Hohlmeier ein Haus entwarf. Wir blieben in Kontakt. Durch diese Verbindung bis hin zu ihrem Vater Franz Josef Strauß wollte ich 1985 noch versuchen, meine schwerkranke Mutter in den Westen zu holen. Aber das blockierten die DDR-Behörden.“

So ist es unterm Strich denn auch kein Wunder, dass Greese der untergegangenen DDR keine Träne nachweint: „Dieser Staat war eine Diktatur, Bürger wurden unterdrückt.“ Besondere, spezielle leidvolle Erfahrungen machten die wenigen Selbstständigen, die es auch in dem sozialistischen Land gab. Lars Greese erlebte hautnah die Schikanen mit, die der familiäre, am 30. April 1930 von seinem Großvater Heinrich Greese in Laage gegründete, Tischlereibetrieb erdulden musste. Der Enkel hatte dort den Tischler-Beruf gelernt.

Selbst wenn es nach dem Mauerfall eine demokratische Staatsform in der DDR gegeben und sie weiterexistiert hätte, „wäre dies ziemlich schnell gescheitert“, glaubt Lars Greese. „Die DDR war wirtschaftlich am Boden und nicht mehr zu retten.“

Frankenberg ist jetzt sein Zuhause

Ganz im Gegensatz zur Tischlerei Greese übrigens, die in Laage im Landkreis Rostock in Mecklenburg-Vorpommern auch heute noch existiert. In gewisser Weise ist dies auch eine Form der Genugtuung für den DDR-systemkritisch eingestellten Lars Greese. Die Tischlerei ist weiterhin ein Familienunternehmen und wird von seinem Bruder Nils geführt, nachdem ihr Vater Hans-Heinrich den Betrieb in jüngere Hände übergab. Ein- bis zweimal im Jahr führt Lars Greese der Weg zurück in die alte Heimat. Dorthin ziehen wolle er aber nicht, denn Frankenberg sei nun sein Zuhause: „Ich habe mir hier sehr viel aufgebaut und viele Freunde gefunden.“

Letztlich sitze das Misstrauen gegenüber dem Osten Deutschlands bei ihm heute noch sehr tief. Unzählige DDR-Bürger waren früher bespitzelt worden. Wie er. Auch Greese durfte Unterlagen einsehen, die der Staatssicherheitsdienst (Stasi) einst über ihn angefertigt hatte. 80 Prozent der später von den Behörden geschwärzten Text-Stellen habe er wieder lesbar machen können – auch Namen von Menschen, die ihn einst überwachten und anschwärzten: „Da hatte ich schon einige Aha-Erlebnisse und musste mächtig schlucken“, schildert er. Er verfüge über 430 kopierte Seiten.

Bei Besuchen der alten Heimat habe er auch Kontakt mit einigen der früheren Stasi-Spitzel gehabt. Lars Greese: „Ich habe ihnen gesagt, dass ich sie verachte.“ Mehr wollte er über diese für beide Seiten sicher unbequemen Treffen nicht erzählen.

Nun feiert unser Land „30 Jahre Deutsche Einheit“. Auch Lars Greese freut sich, dass Deutschland sich in Frieden und Freiheit entwickelt, „auch wenn es hier und dort Schwierigkeiten gab und gibt“. Zur Einheit habe es keine Alternative gegeben.

Kritisch bewertet der 57-Jährige aber die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel in den vergangenen sechs Jahren. Und manchmal habe er das Gefühl, dass „man in der Bundesrepublik Deutschland heutzutage nicht mehr seine Meinung so frei äußern darf wie früher“. Dennoch lasse er sich nichts gefallen: „Ich sage meine Meinung weiterhin ungefiltert und ungeschönt – genauso, wie ich es als junger Mann in der DDR getan habe.“ (Von Klaus Jungheim)

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