„Exoten“ als Attraktion

Als beim Pfingstmarkt in Frankenberg Völkerschauen stattfanden

Ein Kaffee-Sammelbildchen aus der Zeit um 1900: Unverholener Rassismus trug in der Kaiserzeit solche Jahrmarkt-Attraktionen mit Menschen aus deutschen Kolonialstaaten. Auf dem Frankenberger Pfingstmarkt kostete dazu der Eintritt 20 Pfennig. Archivfoto: Karl-Hermann Völker
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Ein Kaffee-Sammelbildchen aus der Zeit um 1900: Unverholener Rassismus trug in der Kaiserzeit solche Jahrmarkt-Attraktionen mit Menschen aus deutschen Kolonialstaaten. Auf dem Frankenberger Pfingstmarkt kostete dazu der Eintritt 20 Pfennig.

In der Kaiserzeit wurden Menschen aus Kolonialstaaten in so genannten Völkerschauen ausgestellt - auch beim Pfingstmarkt in Frankenberg. Wir erinnern in der Serie Blick zurück an diesen unverholenen Rassismus.

Frankenberg – Die Diskussion um das neue Berliner Humboldt-Forum als eines der bedeutendsten kulturpolitischen Projekte der Gegenwart in Deutschland hat den Blick auf das „koloniale Vergessen“ gelenkt. Es geht um die völkerkundlichen Sammlungen, die im 19. Jahrhundert aus europäischen Überlegenheitsvorstellungen der Einübung bestimmter Sichtweisen auf das „Fremde“, „Andere“, „Primitive“ dienten.

Exponate aus den deutschen Kolonialgebieten wie das einzigartige „Luv-Boot“ aus der ehemaligen Kolonie Neu-Guinea, die nun in dem modernen Museum Einzug gehalten haben, werden in diesem Zusammenhang immer stärker kritisch gesehen und neu bewertet. Der unsensible Umgang mit deutscher Kolonialgeschichte ist deshalb derzeit Gegenstand der öffentlichen Diskussion.

Da ist es beim Blick zurück in die eigene lokale Geschichte vielleicht ganz interessant, an die Zeit zu erinnern, als auch der Frankenberger Pfingstmarkt am Pfingstdienstag mit seinen Angeboten zur „Volksbelustigung“ neben Karussells und Buden nach immer neuen Sensationen suchte. Da wurden in Zelten auf der Bleiche sowohl harmlose naturkundliche Attraktionen wie die „Nordpolausstellung mit dem kolossalen Riesenwal von 22 m Länge“ (1910) gezeigt, wie auch ein „mit Dampfkraft getriebener wirklicher Riesen-Kinematograph“ (1908).

Es waren aber Ende des 19. Jahrhunderts im Deutschen Reich Kolonialausstellungen modern, die die deutsche Besetzung von Togo, Kamerun und weiteren Gebieten auch propagandistisch in der Öffentlichkeit absichern sollten. Weil sich die Zurschaustellung einzelner Menschen aus exotischen Ländern als weniger attraktiv erwiesen hatte, gab es nun ganze „Völkerschauen auf Reisen“, wie sie der wichtigste europäische Tierhändler Carl Hagenbeck ab 1874 erstmals mit „Lappländern“ und Rentieren einführte (er veranstaltete übrigens bis 1913 insgesamt 54 solcher Ausstellungen „exotischer Menschen“). Diese Völkerschauen bestanden aus Gruppen mit teilweise 100 Schwarzafrikanern, ganzen „Negerdörfern“ oder „Karawanen“, die mit imperialistischer Überheblichkeit dem Publikum wie in einem Menschenzoo angeboten wurden.

Es sind nur kleine Chronik- oder Zeitungsnotizen, die von solch menschenunwürdigen Zurschaustellungen zwischen sechs Bierzelten auch beim Pfingstmarkt berichten. Da erfährt man vom 18. Mai 1894: „Am dritten Pfingsttag werden morgens auf dem Viehmarkt über 200 Stück Rindvieh aufgetrieben. Bei hohen Preisen hält sich der Umsatz in Grenzen. Nachmittags findet eine Volksbelustigung mit zwei Karussellen, verschiedenen Spielbuden und einer Neger-Karawane statt.“

Beim Pfingstmarkt im Juni 1889 wird zunächst Rindvieh angeboten. Dann folgt die „Belustigung“: „Zwei Karusselle, verschiedene Schau- und Spielbuden sowie ein Musikchor zum Abspielen der Tänze bieten zum Vergnügen reiche Abwechslung.“ Wer sich in einer Bude auf der Bleiche mit Kolonialherrenblick einen „afrikanischer Menschen- und Feuerfresser“ anschauen wollte, musste 20 Pfennig Eintritt zahlen. Solche Markt-Zurschaustellungen von wie auch immer „exotischen“ Menschen gab es noch bis ins 20. Jahrhundert.

Von Karl-Hermann Völker

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