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Als Winter noch Winter waren

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Von: Karl-Hermann Völker

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Eisgang bedrohte Frankenberg: In der Nacht zum 2. März 1956 schob ein plötzliches Hochwasser gewaltige Eismassen vor sich her, die sich an der Eisenbahnbrücke aufstauten und zu Überschwemmungen bis zur Stapenhorststraße führten. Sie lösten sich um Mitternacht. Am nächsten Morgen bot sich an der Wehrweide dieser Anblick.
Eisgang bedrohte Frankenberg: In der Nacht zum 2. März 1956 schob ein plötzliches Hochwasser gewaltige Eismassen vor sich her, die sich an der Eisenbahnbrücke aufstauten und zu Überschwemmungen bis zur Stapenhorststraße führten. Sie lösten sich um Mitternacht. Am nächsten Morgen bot sich an der Wehrweide dieser Anblick. © Karl-Hermann Völker (Archiv)

Kein Schnee, keine klirrende Kälte: Am Ende des bisher wärmsten Jahres seit 1881 war auch die Silvesternacht im Waldeck-Frankenberger Land eine der wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Frankenberger Land – Schon die Silvesternacht 2021/22 ist ungewöhnlich warm gewesen, aber die extrem milde Luft aus Südwesten brachte diesmal besondere Wärme von den Kanaren und Nordafrika mit.

Gibt es bei uns denn noch richtige Winter? Wie war das früher, wenn Natur und Menschen bei meterhohem Schnee und Minusgraden ruhten, wenn Flüsse und Seen zufroren?

„Es gab früher schon extreme Wetterwechsel, aber sie ereignen sich nun immer häufiger“, sagt der Meteorologe Roland Schmidt (Ernsthausen) und verweist dabei auch auf den derzeitigen Kältepanzer in Amerika. Für die Natur erweise es sich aber bei uns jetzt als Problem, durch die plötzliche Wärme aus der Winterruhe nach der Kältewelle im Dezember herausgerissen zu werden. „Pflanzen und Bäume beginnen anzutreiben und teilweise schon Pollen zu entwickeln. Durchgängige Kälte macht ihnen hingegen nichts aus.“

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Schöne Seiten des Winters: In der Frankenberger Steubergasse konnte man in den 1960er-Jahren so lange Schlitten ungestört fahren, bis der Stadtpolizist kam. © Karl-Hermann Völker (Archiv)

Ein Blick in Wetteraufzeichnungen und Ortschroniken der Dörfer unserer Region zeigt, dass kalte Winter mit teilweise extrem niedrigen Temperaturen eher Normalität waren. Der Wetterfachmann Roland Schmidt nennt als Beispiel den Februar 1929, der als kältester in die deutsche Geschichte eingegangen ist.

Aus Kirchlotheim stammt dazu die beeindruckende Schilderung von einer Kälte, „wie sie auch die ältesten Leute noch nie erlebt haben wollten“: Allabendlich wurden Türen und Fenster kontrolliert und zusätzlich mit Stroh verpackt. Trotzdem erfroren die Kartoffeln auch „in den sonst wärmsten Kellern“. „Die kälteste Nacht hatten wir vom 15. auf den 16. Februar 1929. Da stand bei uns das Thermometer auf minus 32 Grad“, heißt es in der Schulchronik. „In Buchenberg sollen es minus 35 Grad gewesen sein. Wehe der armen Tierwelt im Freien!“ Während der Kälteperiode 1929 habe man auf den Friedhöfen um Herzhausen Gräber mit Sprengstoff in die Erde treiben müssen.

Schöne Seiten des Winters: In der Frankenberger Steubergasse konnte man in den 1960er-Jahren so lange Schlitten ungestört fahren, bis der Stadtpolizist kam.
Eisabwehr mit Stangen: So versuchten Hatzfelder Bürger, fotografiert vermutlich in einem der Kältewinter der 1920er-Jahre, den Durchfluss durch die Ederbrücke freizuhalten. © Karl-Hermann Völker (Archiv)

Immer wieder kam es im 19. und 20. Jahrhundert auch zu gewaltigen Naturschauspielen, wenn die Eder und ihre Nebenflüsse zufroren und bei steigenden Temperaturen mit der Schneeschmelze mächtige Eisschollen aufbrachen und mitgeschwemmt wurden. Beispielsweise soll sich 1864 eine riesige Eis-Barriere beim Dorf Schmittlotheim quer zum Edertal so aufgetürmt haben, dass zwei Schuljungen vor der Haustür einen Lachs fangen konnten.

Es gibt alte Fotos aus dem Jahr 1963, als sich dort meterdicke Eisbrocken auftürmten und Leute auf der Schmittlotheimer Brücke beobachteten, wie die Schollen an den Brückenpfeilern vorbeitrieben. Ein Foto aus Hatzfeld, vermutlich aufgenommen in den Kältewintern der 1920er-Jahre, zeigt Hatzfelder Bürger, die mit Stangen an der Eder ein Auftürmen der Eisschollen vor der Brücke verhindern wollen. In Ederbringhausen gar „drohte 1939 bei hohem Eisgang die Ederbrücke auseinanderzubrechen“.

Eiswüste bei Schmittlotheim: Im März 1963 verteilte ein Hochwasser meterdicke Eisschollen quer über das Edertal. In Frankenberg wurde die Bundeswehr zu Sprengungen von Eisbarrieren an der Eisenbahnbrücke eingesetzt.
Eiswüste bei Schmittlotheim: Im März 1963 verteilte ein Hochwasser meterdicke Eisschollen quer über das Edertal. In Frankenberg wurde die Bundeswehr zu Sprengungen von Eisbarrieren an der Eisenbahnbrücke eingesetzt. © Karl-Hermann Völker (Archiv)

Aber in der Erinnerung sind doch mehr die schönen Seiten früherer Winter mit viel Schnee geblieben: Als Kinder noch vom Verkehr ungestört und fröhlich Dorfstraßen und Kreisstraßen mit ihren Schlitten hinunterfahren konnten, als die Frankenberger Steubergasse zur Rodelbahn wurde, bis Stadtpolizist Walter Sauerbrei auftauchte und schimpfte. Eisbahnen brauchten nicht künstlich angelegt zu werden– die Natur bot sie auf Alt-Armen der Eder an. Die Winter waren damals eben noch richtige Winter.

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