Andrea Schwab reiste auf der Suche nach der „Blechorgel von Rimini“ nach Italien

Frankenbergerin fand Instrument aus Gefangenenlager des Großvaters wieder

Ein ungeordneter Haufen Pfeifen: So fand Andrea Schwab, selbst seit vielen Jahren in der Kirchenmusik aktiv, in einem Schrank der Kirche von Sant’Agostino bei Rimini die Reste der legendären Kriegsgefangenen-Orgel von 1945 wieder. Sie brachte ein ganzes Paket von
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Ein ungeordneter Haufen Pfeifen: So fand Andrea Schwab, selbst seit vielen Jahren in der Kirchenmusik aktiv, in einem Schrank der Kirche von Sant’Agostino bei Rimini die Reste der legendären Kriegsgefangenen-Orgel von 1945 wieder. Sie brachte ein ganzes Paket von

In den vergangenen Tagen berichtete unsere Zeitung über einen der wenigen in Deutschland noch erhaltenen Orgelbaubetriebe, in denen Orgelpfeifen aus Metall in dritter Generation gefertigt werden, L. & J. Klein in Kassel-Calden. Das löste bei HNA-Leserin Andrea Schwab in Frankenberg Erinnerungen an ein für sie berührendes Erlebnis im abgelaufenen Jahr aus:

Frankenberg – Sie machte sich in Italien auf Spurensuche nach der „Blechorgel von Rimini“, die von 1945 bis 1947 in dem von britischer und US-Armee eingerichteten Kriegsgefangenen-Lager Bellaria gestanden hatte. Von dort war ihr Großvater Albert Pastrik am 29. Dezember 1946 nach Bottendorf aus der Gefangenschaft zurückgekehrt.

Andrea Schwab lebt und arbeitet heute als Bankkauffrau in Frankenberg. Sie wuchs in Bottendorf auf, interessierte sich von klein auf für Musik, lernte mit acht Jahren bei Pfarrer Geigenmüller Trompete, später bei Kantorin Irene Tripp das Orgelspiel. Bis heute spielt sie aktiv im Posaunenchor Bottendorf mit.

Sie hatte eine enge Beziehung zu ihrem Großvater, der schon früh mit seiner Tuba im Chor mitblies und bis 1989 lebte. „Wenn ich in der Bottendorfer Kirche auf der Orgel übte und im leeren Gebäude ein bisschen Angst hatte, stand Opa draußen auf der Nemphebrücke und wartete auf mich“, erinnert sie sich.

Großvater Albert Pastrik: Er kehrte am 29. Dezember 1946 aus der Kriegsgefangenschaft im Lager bei Rimini nach Bottendorf zurück.

Über den Krieg und die Zeit der Gefangenschaft hat Großvater Pastrik der Enkelin wenig erzählt. „Leider“, wie sie heute sagt. „Ich hätte gern mehr von ihm aus dieser Zeit erfahren!“ Deshalb war ihr Interesse urplötzlich geweckt, als sie erfuhr, dass in seinem Lager bei Rimini, wo 150 000 deutsche Kriegsgefangene ab 1945 unter erbärmlichen Verhältnissen untergebracht waren, eine legendäre „Kriegsgefangenen-Orgel“ aus Blechbüchsen, Benzinfässern und Stiefelschäften von dem ostpreußischen Orgelbauer Werner Renkewitz mit Helfern gebaut worden war.

Albumskizze von der Blechorgel: So erlebten Kriegsgefangene das Instrument, das in der Mitte seines Prospektes ein großes Kreuz trug.

„Bis zur Auflösung des Lagers 1947 war diese Orgel mit zwölf Registern und 502 Pfeifen in einer leeren Flugzeughalle bei Gottesdiensten und Konzerten in Gebrauch, dann brachten ihre Erbauer sie heimlich in die Kirche Sant’Agostino in Rimini, um sie vor dem möglichen Abtransport nach USA oder England zu bewahren“, berichtet Musikfreundin Schwab. Als diese Kirche 1962 teilweise ausbrannte, wurde das Instrument erheblich beschädigt.

Weil in Deutschland die Orgel das Instrument des Jahres 2021 war (HNA berichtete), wollte Andrea Schwab ihre spannende Spurensuche in Rimini in Erinnerung an ihren Großvater trotz Corona unbedingt im Sommer abschließen: Mehrmals fuhr sie vom Urlaubsort mit ihrer Tochter Emma (18) zur Kirche Sant’Agostino, befragte freundliche Nachbarn und einen Pfarrer, bis schließlich bei einem weiteren Anlauf eine Pfarr-Sekretärin für die beiden nordhessischen Besucherinnen einen schweren Holzschrank aufschloss und nun die Pfeifen der „Blechorgel von Rimini“ vor ihnen lagen: lieblos geschichtet, ungeordnet, Reste des einst stolzen Instruments, zurückgeworfen wieder in den Zustand des aus Konservendosen und Kekskanistern mühsamen gewonnenen Materials. „Das hat mich ganz stark berührt“, erzählt Andrea Schwab.

Einfachstes Material: Die noch vorhandenen Pfeifen der Blechorgel von Rimini, hier ein Labium, zeugen von Improvisationskunst der Erbauer.

„Offenbar haben die Menschen heute keinen Bezug mehr zur Geschichte dieses Instrumentes, mit dem die Gefangenen damals bei allem Lagerelend ihre Sehnsucht nach dem Schönen, Edlen auszudrücken versuchten“, bedauert Andrea Schwab.

Sie hat Kontakt aufgenommen mit dem in Horb am Neckar lebenden Organisten Michael Grüber, der sich mit einem Stiftungsverein um die Wiederherstellung der Orgel bemüht.

„Unser Traum ist es, dass die Riminiorgel wiederersteht als Erinnerung, Mahner und Symbol für den Frieden in Europa“, schreibt er auf seiner Homepage. rimini-orgel.de

Kekskanister, Benzinfässer, Draht und eine Lederhose 

Mit einem Anschlag am schwarzen Brett des Kriegsgefangenen-Lagers Bellaria bei Rimini warb im Juni 1945 der inhaftierte Orgelbauer Werner Renkewitz um Helfer für sein Projekt einer Lager-Orgel. Zwölf unterschiedliche Berufsangehörige kamen zusammen.
„Sie waren auf Materialien angewiesen, die sich im Lager fanden: 86 Kekskanister, 35 Verpackungskisten, acht Benzinfässer, 50 Meter Draht, zwei alte Fassreifen für Zungen und vierzig Portionen Öl der Zusatzverpflegung, die Mitgefangene für den Bau stifteten. Jegliche Fachunterlagen fehlten. Einzig war dem Orgelbauer das Maß der Pfeife ‚C’ bekannt. Alle übrigen Maße wurden nach dieser bekannten Größe umständlich errechnet. Zinn wurde durch Ablöten von Kanistern gewonnen.
Der Orgelbaumeister selbst vertauschte seine Uhr gegen Zigaretten, um mit diesen wieder eine Lederhose zu erhalten, deren Leder als Dichtungsmaterial für die Ventile dienen sollte“, heißt es in einem Zeitzeugenbericht.

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