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Bekannte Autorin Julia Franck las in Frankenberg aus „Welten Auseinander“

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Von: Martina Biedenbach

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Die Schriftstellerin Julia Franck las aus ihrem autobiografischen Roman „Welten Auseinander“.
Die Schriftstellerin Julia Franck las aus ihrem autobiografischen Roman „Welten Auseinander“. © Eva Maria Schmidt

Julia Franck, Trägerin des Deutschen Buchpreises 2007, las beim Literarischen Frühling in Waldeck-Frankenberg aus ihrem neuen autobiografisch geprägten Roman „Welten Auseinander“.

Frankenberg – Vor zehn Jahren las Julia Franck schon einmal beim Literarischen Frühling in Frankenberg – damals aus ihrem 2011 erschienenen Roman „Rücken an Rücken“. Danach dauerte es zehn Jahre bis zur Veröffentlichung ihres nächsten Buches, des Romans „Welten Auseinander“.

In dem autobiografischen Werk beschäftigt sich die 52-Jährige mit dem „Glutkern“ ihrer Erfahrungen als Kind und junge Frau, wie sie vor 140 Zuhörern in der Walkemühle in Frankenberg im Gespräch mit Festival-Leiterin Christiane Kohl erläuterte. Entstanden ist ein berührendes Buch über ihre unbehütete Kindheit mit vielen Brüchen, die 1970 in Ostberlin begann.

Die Mutter, die DDR-Schauspielerin Anna Franck, die insgesamt fünf Töchter von vier Männern hat, kommt mit sich selbst und der Erziehung der Kinder nicht klar. Weder von der gut situierten Urgroßmutter noch von der unempathischen Großmutter, der DDR-Bildhauerin Inge Hunzinger, noch von den Vätern kommt wesentliche Unterstützung. 1978, nach der Ausweisung vieler mit Anna Franck befreundeter DDR-Künstler, siedelt auch sie mit ihren damals vier Töchtern in den Westen über. Nach fast einem Jahr im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde zieht die Familie 1979 auf einen alten Bauernhof bei Rendsburg und lebt von Sozialhilfe. Die Mädchen sind auf sich selbst gestellt, machen den Haushalt, kümmern sich alleine um die Schule.

Als 13-Jährige hält Julia Franck die Verwahrlosung und ihre Scham darüber nicht mehr aus, wird krank und hat Todessehnsucht. Sie rettet sich, indem sie alleine nach West-Berlin geht, zunächst zu einem befreundeten Ehepaar, bis sie sich als Jugendliche mit Putz- und anderen Jobs selbst durchschlägt. Was ihr hilft zu überleben, ist das Tagebuchschreiben.

All das ahnt die Öffentlichkeit nicht, als die junge, fröhlich wirkende Schriftstellerin Julia Franck im Jahr 2000 mit dem Erzählband „Bauchlandung“ bekannt und 2007 mit dem Roman „Die Mittagsfrau“ weltberühmt wird.

Julia Franck schreibt ohne Anklage und ohne Selbstmitleid

Ohne Anklage oder Selbstmitleid schildert die Autorin ihre Kindheit – und mit warmer, weicher Stimme berichtet sie auch in Frankenberg offen von den Erlebnissen, die sie in zwei Psychoanalysen aufgearbeitet habe. Mit ihrer Mutter habe sie über alles gesprochen.

Die Autorin hat selbst zwei Kinder, 18 und 21 Jahre alt. Auch sie seien nicht zusammen mit dem Vater aufgewachsen. Aber es gebe gute Beziehungen zu ihm. Die Tradition der Verlassenheit, die sie selbst, ihre Mutter und die Großmutter erlebten, sei durchbrochen.

Die Beschäftigung mit dem „Glutkern“ ihrer eigenen Geschichte nennt die Autorin Autofiktion. Die Ereignisse seien biografisch. Fiktional sei die dramaturgische Darstellung. Immer wieder habe sie die Geschichte umgeschrieben, bis ihr Lektor sie im Herbst 2021 zur Veröffentlichung überreden konnte.

Eingebettet in den Roman ist die Liebesbeziehung der jungen Julia mit Stefan, einer großen Liebe und Seelenverwandtschaft. Stefan stirbt bei einem Fahrradunfall.

In der Geschichte der Familie Franck spiegelt sich auch deutsche Geschichte wider: die Verfolgung von Urgroßmutter und Großmutter durch die Nazis, das Leben in der DDR und BRD, was das Buch umso lesenswerter macht. Die Autorin verdient Hochachtung für dieses literarische Werk und dafür, wie sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat. (Von Martina Biedenbach)

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