Elke Jeude-Vogler lebt mit schweren Beschwerden

Corona: Frankenbergerin infizierte sich im April 2020 und leidet an Long-Covid

Post-Covid: Die Frankenbergerin Elke Jeude-Vogler leidet auch 21 Monate nach einer Corona-Infektion an schlimmen Beschwerden. Abwechslung bringt Hund Toto in ihren von der Krankheit geprägten Alltag.
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Post-Covid: Die Frankenbergerin Elke Jeude-Vogler leidet auch 21 Monate nach einer Corona-Infektion an schlimmen Beschwerden. Abwechslung bringt Hund Toto in ihren von der Krankheit geprägten Alltag.

Das Coronavirus hat ihr ganzes Leben aus der Bahn geworfen. Die Frankenbergerin Elke Jeude-Vogler liebt ihren Beruf als OP-Schwester, war immer sportlich aktiv und voller Energie – bis sie sich im April 2020 mit dem Virus ansteckte.

Frankenberg – Die Zeit der akuten Infektion erlebte sie wie eine starke Erkältung. Die schlimmen Symptome wie anhaltende Müdigkeit und sogar Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit kamen erst später. Elke Jeude-Vogler leidet an den Langfolgen von Covid – auch Long- oder Post-Covid genannt (siehe Hintergrund unten).

Die heute 60-Jährige schildert unserer Zeitung von ihrem Krankheitsverlauf. Sie möchte damit vor dem Virus warnen und alle aufrufen, sich impfen zu lassen: „Wir alle tragen Verantwortung für uns und unsere Mitmenschen. Es gibt keine Alternative zum Impfen.“ Zum anderen möchte sie, dass die Öffentlichkeit mehr über mögliche Langzeitfolgen einer Covid-Infektion erfährt. „Betroffene trauen sich oft nicht, darüber zu sprechen“, sagt sie.

Infektion

Wo sich Elke Jeude-Vogler im April 2020 mit dem Virus angesteckt hat, das lasse sich nicht mit Sicherheit sagen. „Ich war auf jeden Fall sehr vorsichtig. Als OP-Schwester kenne ich mich aus mit Hygiene-Maßnahmen“, sagt sie. Sie trug schon gleich im März 2020, als das Virus begann, sich in Deutschland auszubreiten, auch beim Einkaufen einen Mund-Nasen-Schutz und mied Menschenansammlungen. Mitte April 2020 bekam sie Gliederschmerzen und war etwas matt. „Ich hatte weder Fieber noch Husten. Das waren damals die Hauptmerkmale für das Virus. Deshalb dachte ich, ich hätte nur eine Erkältung. Ich trug in der Klinik vorsichtshalber generell einen medizinischen Mundschutz und arbeitete nicht im OP“, schildert sie.

Erst einige Tage später verlor sie den Geschmacks- und Geruchssinn. „Da läuteten bei mir alle Alarmglocken. Mein Mann und ich blieben übers Wochenende von uns aus schon zuhause. Am Montag machte mein Hausarzt draußen im Hof einen PCR-Test. Am Dienstag bekam ich das Ergebnis: positiv.“ Sie war die erste Corona-Infizierte in der Frankenberger Hausarztpraxis. Der gesamte OP-Bereich in der Klinik wurde damals vorübergehend geschlossen.

Akute Erkrankung

Die akute Erkrankung verlief relativ mild. Die Viren hielten sich aber lange in ihrem Körper. „Sechs Wochen lang musste ich in häuslicher Quarantäne bleiben. Acht Mal musste ich zum PCR-Test nach Korbach fahren. Der fand damals noch im Auto an einem Container am Kreishaus statt“, schildert sie. Erst nach dem achten Test gab es Entwarnung, war sie nicht mehr infiziert. Angesteckt hatte sie glücklicherweise niemanden, weder Kollegen noch ihren Ehemann Harald Vogler, der selbst drei Wochen in häuslicher Quarantäne verbrachte, noch Tochter und Schwiegersohn, die sie kurz vor dem Test noch besucht hatten.

Wiedereingliederung

Nach neun Wochen begann die Zeit der beruflichen Wiedereingliederung mit einer auf vier Stunden angesetzten Arbeitszeit. „Ich freute mich, wieder arbeiten zu gehen. Ich bin mit Leib und Seele OP-Schwester“, sagt sie. Doch schon die rund 30 Kilometern lange Autofahrt zur Klinik strengte sie ungewöhnlich an. Am zweiten Arbeitstag wurde ihr am OP-Tisch plötzlich schwindlig. „Ich habe abgebaut und bin zusammengeklappt“, erinnert sie sich. Elke Jeude-Vogler wurde direkt vom OP in die Intensivstation der Klinik gebracht und auf Herz und Nieren untersucht. Doch es gab keine organisch relevanten Befunde. Und damit beginnt die eigentliche Leidensgeschichte.

Folgewirkungen

Elke Jeude-Vogler leidet bis heute an chronischer Erschöpfung. An manchen Tagen kann sie kaum aufstehen. Sie kann sich schlecht konzentrieren, vergisst schnell Dinge. Ein ständiger Druck lastet auf ihren Lungen. Und sie ist nervlich sehr angegriffen. Fragen wie „Was wird aus mir? Wie soll es weitergehen? Was kommt noch?“ lösen Angst aus.

Sie versuchte zunächst, mit Sport und Bewegung aus dem Loch herauszukommen. Schließlich führte sie bisher ein sehr aktives Leben. „Doch die Überlastung war genau das Falsche, wie sich später herausstellte“, sagt sie. Die Symptome wurden noch schlimmer: Krampfanfälle, die bis zu einer halben Stunde dauern und bis zur Bewusstlosigkeit führen können. Das erste Mal kam sogar der Notarzt.

Suche nach Hilfe

Zusammen mit ihrem Hausarzt sucht sie nach Hilfe. Im Frühjahr 2020 wusste man noch nicht viel über Langzeitwirkungen des Virus. Im November 2020 absolvierte sie eine Reha – in einer auf Atemwegserkrankungen spezialisierten Klinik. „Das betraf nur einen Aspekt meiner Beschwerden“, sagt sie.

Immerhin lernte die Frankenbergerin in der Reha weitere Post-Covid-Patienten kennen. Sie tauschen sich in einer Whats-App-Gruppe aus. Es kommen immer neue Betroffene dazu. „Es sind so viele Menschen. Und die Symptome, die sie schildern, sind sehr vielfältig“, sagt sie. Auch Tipps, was helfen könnte, werden ausgetauscht.

Weitere Schritte

Auch nach der Reha waren die Beschwerden nicht verschwunden. Tageweise lähmt sie die chronische Müdigkeit. Auch die Krampfanfälle kommen immer wieder. „Mit Hilfe einer Psychologin habe ich gelernt, besser damit umzugehen“, schildert Elke Jeude-Vogler. Sie wisse jetzt, es gehe wieder vorüber. Das nehme ihr etwas die Angst. Sie versuche, sich während der Anfälle abzulenken – etwa, indem sie einen Ball in der Hand zusammenpresst.

Woher Hilfe bekommen? Das ist die Frage. Es entstanden an Kliniken Post-Covid-Ambulanzen – zum Beispiel in Aachen und Lippstadt. Doch das war zu weit weg für eine ambulante Betreuung.

Dann eröffnete die Ambulanz in Marburg. Nach dreimonatiger Wartezeit wurde Elke Jeude-Vogler dort im Oktober 2021 angenommen. Nach einem Aufnahmegespräch folgten umfangreiche Tests. Erst wenn deren Ergebnisse feststehen, werde man sehen, welche Therapien in Frage kommen könnten.

„Familie und Freunde sind wichtig“

Elke Jeude-Vogler kann bis heute, 21 Monate nach ihrer Erkrankung, nicht arbeiten. Sie ist noch krankgeschrieben und kämpft um eine Erwerbsminderungsrente. „Ohne Hilfe des VdK würde ich das gar nicht hinbekommen“, beschreibt sie das schwierige Verfahren um die Anerkennung der Beschwerden.

„Am schlimmsten ist das Gefühl, dass man nicht ernstgenommen wird“, sagt Elke Jeude-Vogler. Auch sie selbst hatte nach ihrer Corona-Infektion im Frühjahr 2020 noch versucht, die ständige Müdigkeit mit Sport und Bewegung zu bekämpfen. Mittlerweile verstehe sie vom Chronischen Erschöpfungssyndrom (ME/CSF) betroffene Patienten. Sie hat deren kürzlich eingereichte Petition an den Deutschen Bundestag unterstützt. Darin fordern sie, das ME/CSF als Krankheit anerkannt wird, dass die Betroffenen eine angemessene Behandlung und Versorgung erhalten und ausreichend Investitionen für die Erforschung der Krankheit geleistet werden. „Ich bin in der glücklichen Lage, finanziell abgesichert zu sein“, sagt sie. Bei vielen anderen komme zu der Krankheit auch noch existenzbedrohende Situationen hinzu.

Und noch etwas Positives stellt die 60-jährige Frankenbergerin in den Mittelpunkt: Dass es viele Menschen in ihrem Umkreis gebe, die sie unterstützen – ob Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn. „Corona hat gezeigt, wie wichtige andere Menschen für uns sind“, sagt sie.

Ablenkung verschafft ihr auch Toto, der sechsmonatige Golden Retriever. Mit ihm geht sie täglich raus und besucht die Hundeschule. Das helfe, auf andere Gedanken zu kommen, auch wenn sie danach sehr müde sei.

Stichwort: Long- und Post-Covid

Normalerweise sind die Symptome einer Covid-19-Infektion nach vier Wochen abgeklungen. Wenn sie bis zwölf Wochen weiter bestehen, spricht man von Long-Covid, nach zwölf Wochen vom Post-Covid-19-Syndrom. Bei diesen beiden Formen können auch noch weitere, neue Symptome hinzukommen, erläuterte kürzlich Emad Sinai, Facharzt für Lungen- und Bronchialheilkunde am Kreiskrankenhaus Frankenberg, in einem öffentlichen Vortrag.

Die Ursache für Long- und Post-Covid sind seinen Angaben nach bislang nicht bekannt. Es gibt aber Erklärungen, dazu gehören: anhaltende Entzündungen einzelner Organe durch das Virus, erniedrigter Blut-Sauerstoff-Gehalt des Blutes (daher höhere Erschöpfbarkeit und längerer Heilungsprozess), überschießende oder zu schwache Reaktion des Immunsystems, weiter anhaltende Infektion, körperliche Folgen und psychische Belastungen durch einen schweren Krankheitsverlauf mit Krankenhausaufenthalt und Intensivmedizin, Verschlimmerung vorbestehender Erkrankungen.

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