Husaren, Butzemänner und Tamboure

Frankenberger Maizug vor Pfingsten fällt erneut aus - So war es früher

1907: Mit Tressen und Pickelhauben ließen sich diese Bürgersöhne nach dem Ausmarsch fotografieren.
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1907: Mit Tressen und Pickelhauben ließen sich diese Bürgersöhne nach dem Ausmarsch fotografieren.

Der Maizug in den Listenbach, für Generationen von Frankenberger Kindern herausragendes Erlebnis im Grundschulalter, wird heute wegen der Corona-Pandemie zum zweiten Mal ausfallen. Für uns ist dies Anlass zu einem Rückblick.

Frankenberg – Heute wären sie wieder unterwegs: die kleinen Soldaten mit Husarenuniformen und Pickelhelmen, die Landsknechte und Butzemänner, die Marienkäfer und Blütenträger. Für viele Generationen war der Maizug, mit dem die Schulkinder den Auszug der Stadtbürger in den Listenbach begleiteten, am Freitag vor Pfingsten ein Höhepunkt des Jahres. Aber wegen Corona wird er, ebenso wie der sich früher daran anschließende Pfingstmarkt, ein zweites Mal ausfallen.

2016: In den letzten Jahrzehnten nahmen die Frankenberger Grundschulen neue Motive in den früher traditionell von Uniformen bestimmten Maizug auf. Diese fröhlichen Mädchen mit bunten Bändern und Fliedersträußen warteten im Mai 2016 auf dem Frankenberger Burgberg zum Marsch durch die Stadt.

Was bleibt, sind Erinnerungen, viele alte Fotos, die uns HNA-Leser zur Verfügung stellten, und historische Berichte, vor allem: die Hoffnung auf ein Weiterleben des alten Frühlingsbrauchs im kommenden Jahr.

Das tief verwurzelte Pfingstritual war so weit über Frankenberg hinaus bekannt, dass es 1904 Carl Heßler sogar in seine „Hessische Landes- und Volkskunde“ aufnahm. Er berichtete vom Einholen der „Maibüsche aus der städtischen Waldung“, mit denen Kirchen und Häuser zu Pfingsten geschmückt wurden, und von dem Zug der „Schulknaben der Stadt, zum Teil uniformiert, durchweg aber mit Säbeln bewaffnet“, von „Trommelschall und Janitscharen-Musik“.

1952: Als HNA-Leser Heinz Riehl (links) mitmarschierte, standen am Untermarkt noch Wegweiser zur Bundesstraße.

Der Weißgerber und Salzfaktor Julius Schwaner (Jahrgang 1832) beschrieb 1913 in seinen Kindheitserinnerungen den genauen Tagesablauf vom „Reveilleschlag“ der jungen Trommler morgens um 4 Uhr am Rathaus, den Musikständchen an den Häusern ab 7 Uhr bis zum Abmarsch um 9 Uhr: „Der von den Herren Lehrer zuvor geordnete Zug setzte sich wie folgt zusammen: an der Spitze zwei, auch drei Sappeure, die Tamboure, die städtische Musikkapelle, dann kamen die kleinsten Knaben mit Papierfähnchen, Papierschärpen und Bändern.“ Die Schüler der Mittelstufe „trugen meistens noch die alten Hirschfänger von den ehemaligen Schützen, ferner Dreimast mit Federbusch, sowie Schärpen“.

1998: Die bunten Trommeln und Baretts der Landsknechte bestimmten in der Steingasse das Bild des Zugs.

Uniformen von Husaren, Dragonern, Landsknechtsmäntel, Ritterrüstungen, preußische Pickelhauben, Feuerwehrjacken – mit wechselnden Zeitläufen änderte sich das Bild der Frankenberger Kindersoldaten beim Maizug bis heute ständig. Die Stadtschule (Ortenbergschule) bewahrte solche Kostüme auf, die neuen Grundschulen brachten in jüngster Zeit zudem mit reinen Frühlingsmotiven, Käfer- und Vogelmasken neue Elemente in das Brauchtum ein.

Geheimniskrämerei und Fehldeutungen haben im 20. Jahrhundert das Brauchtum um den Frankenberger Pfingstausmarsch in den Listenbach begleitet. Da war vom „Opferschmaus“ an vorchristlichen Kultstätten („Hexentanzplatz“) die Rede, oder von schwarzen Butzemännern, die ähnlich den alpenländischen „Perchten“ der Frühlingsgöttin Freya huldigen. Es entwickelte sich sogar ein Narrativ von Frankenberger Kindersoldaten, die angeblich im Mittelalter auf den Mauerzinnen den Belagerern eine gut bewachte Stadt vorgetäuscht hätten. Neuere Forschungen ergaben jedoch, dass im Maizug nichts anderes als eine alte Schützen- und Grenzzugstradition der Stadt fortlebt – der Listenbach war schon immer einer der beliebten Frühstückplätze bei diesen Grenzzügen.

2015: Als Butzemann mit geschwärztem Gesicht, Blumen am Hut und Lederschürze bewachte Patrick Spors den Maizug.

Karussells auf dem Obermarkt

Auch der Zweite Weltkrieg hatte eine Pause im jahrhundertealten Brauchtum von Pfingstmarkt und Maizug erzwungen. Deshalb ist es erstaunlich, dass bereits im Nachkriegsjahr 1946 erstmals wieder eine „Pfingstschaumesse“ stattfand. „Jung und Alt strömte in hellen Scharen zur Bleiche“, berichteten die „Hessischen Nachrichten“, Vorläufer der HNA, am 18. Juni 1946.

Woran sich aber heute kaum noch jemand erinnern kann: 1953 beschloss man, den Frankenberger Pfingstmarkt auf dem Obermarkt von Pfingstfreitag bis -dienstag zu feiern. Künftig standen also Karussells und Buden an den Fachwerkhäusern rund um das zehntürmige Rathaus. Auch der Maizug bewegte sich über diesen „Festplatz“. Ein gelungener „Heimatabend“ mit örtlichen Vereinen unterstrich noch 1961 den lokalen Charakter des Festes.

Doch mit wachsender Größe der Fahrgeschäfte und Lautsprecherlärm regte sich der Protest der Anwohner. Lehrer August Gercke sandte der Frankenberger Zeitung ein Foto von einem Zeltdach, das sein Wohnzimmerfenster verstellte, und klagte „über den nervenaufreibenden Lärm“ des Autoscooters, den er alljährlich an fünf Tagen vor dem Haus zu erdulden hätte. Abends seien manchmal erst ab 1 Uhr die Lautsprecher abgedreht worden statt wie vereinbart um 22 Uhr. Am 2. Pfingsttag habe er wegen eines Herzanfalls „ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen“.

Die Stadt Frankenberg reagierte. Im darauffolgenden Jahr 1962 wurde der Pfingstmarkt auf die Bleiche verlegt, wo er sich in den Folgejahren zur Kleinen Wehrweide hin ständig vergrößerte. Schon 1965 präsentierten sich dort Landwirtschaft, Handel, Handwerk und Industrie auf einer Fläche von 5000 Quadratmetern. Die Erfolgsgeschichte des Frankenberger Pfingstmarktes mit vielen tausend Besuchern und einem Unterhaltungspark der Superlative begann.

Von Karl-Hermann Völker

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