„Das geht ganz schön an die Substanz“

Pflegekräfte berichten über herausfordende Arbeit auf der Corona-Isolierstation der Kreisklinik Frankenberg

Auf der Covid-Isolierstation des Kreiskrankenhauses Frankenberg: Stellvertretend für ein 21-köpfiges Pflegeteam berichten (von links): Assistenzärztin Juana Martinez Zarama, Denise Harbecke, Linda Voege, Katja Hormel, Antje Friedrich, Melina Isenberg und Laura Diener.
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Auf der Covid-Isolierstation des Kreiskrankenhauses Frankenberg: Stellvertretend für ein 21-köpfiges Pflegeteam berichten (von links): Assistenzärztin Juana Martinez Zarama, Denise Harbecke, Linda Voege, Katja Hormel, Antje Friedrich, Melina Isenberg und Laura Diener.

Die Zahl der Corona-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden, steigt ständig. Pflegekräfte der Kreisklinik Frankenberg beschreiben ihre Arbeit auf der Isolierstation.

Frankenberg – Im Kreiskrankenhaus Frankenberg werden die meisten Covid-19-Patienten auf der Isolierstation aufgenommen und behandelt. Es ist eine umgestaltete Normalstation. Von ihrem Arbeitsalltag auf dieser Isolierstation, bei der vieles ganz anders als sonst ist, berichten einige Gesundheits- und Krankenpflegerinnen stellvertretend für alle 21 Kollegen der Station:

Arbeitsalltag

Wird eine neuer Covid-Patient eingeliefert, der sich in einem akuten Zustand befindet, ist meist eine Pflegekraft ein bis zwei Stunden mit der Aufnahme und Untersuchungen beschäftigt. Unter anderem werden ein Covid-Abstrich gemacht, die Sauerstoffsättigung geprüft, Blut abgenommen und ein EKG geschrieben. Dann entscheidet der Arzt, ob der Patient intensivpflichtig ist, auf der Station verbleibt oder weiterverlegt werden muss.

Die Arbeit ist ganz anders als auf einer Normalstation. Da der Verlauf von Covid-19 nicht voraussehbar ist, wissen die Pflegekräfte beim Betreten des Isolierzimmers nie, was sie genau erwartet, in welchem Zustand sich der Patienten befindet.

Sie müssen Schutzbekleidung anlegen. „Wir können nicht einfach alle zehn Minuten in ein Zimmer eines Covid-Patienten gehen. Wir müssen vorher immer die Schutzausrüstung anlegen, überlegen, ob man alles dabei hat. Liegt bei dem Patienten noch kein Testergebnis vor, halten wir die Schutzmaßnahmen genauso ein, als wäre es ein positiv getesteter Patient. Um uns und die Erkrankten zu schützen, müssen wir uns bei jedem Zimmerwechsel neu einkleiden.“

Hinzu kommt der Austausch mit den Angehörigen. „Da keine Besuche erlaubt sind, geben wir vermehrt am Telefon über den Gesundheitszustand Auskunft und leisten auch Beistand. Für die Familien ist es natürlich auch schwer, mit ihren Angehörigen nicht persönlich kommunizieren oder sich nicht von ihnen verabschieden zu können. In einer palliativen Situation unter Pandemiebedingungen gilt, im Einzelfall die Gespräche der beteiligten Personen und die Schutzmaßnahmen in Einklang zu bringen. Unterstützt werden wir von unserer Seelsorgerin, die uns enorm viel Arbeit abnimmt.“

Patienten

Unter den Patienten sind alle Altersgruppen vertreten. Hauptsächlich sind es derzeit Ältere aus stationären Pflegeeinrichtungen, die neben ihrer Covid-Erkrankung auch pflegebedürftig sind. Die Pflegekräfte beobachten, dass sich innerhalb einer Woche in vielen Fällen abzeichnet, in welche Richtung die Krankheit verläuft. Sie erleben, dass es, egal in welchem Alter die Patienten sind, schnell zu einem akuten Krankheitsverlauf kommen kann. „Den größten Teil unserer Patienten können wir zum Glück nach mehreren Wochen mit einem deutlich besseren Allgemeinzustand wieder entlassen.“

Bei vielen älteren Patienten kann im Vorfeld mit Angehörigen oder den Pflegeeinrichtungen abgeklärt werden, ob eine Patientenverfügung vorliegt. Daraus kann entnommen werden, ob bei einer Verschlechterung eine Beatmung, eine Verlegung auf die Intensivstation oder der Verbleib auf der Station in einer Palliativsituation gewünscht oder abgelehnt wird.

„Immer wieder war es so, dass sich der Gesundheitszustand innerhalb einer Stunde dramatisch verschlechtert hat und eine Verlegung auf die Intensivstation erforderlich war. Das ist für uns hier auf der Isolierstation stets eine große Herausforderung, diese kritische Situation frühzeitig zu erkennen und schnell zu handeln.“

Intensivstation

Es gab Wochen, in denen kein Tag verging, an dem nicht ein Patient auf die Intensivstation verlegt werden musste. Wie lange die Verweildauer dort ist, kann pauschal nicht gesagt werden. Entweder sind es schwere Verläufe, die weiterverlegt werden mussten, oder es entstehen auch palliative Situationen. „In dieser Phase unterstützt uns unsere Seelsorgerin ebenfalls.“

Bei einem positiven Verlauf nach einer Intensivbehandlung werden die Patienten wieder auf die Isolierstation zurückverlegt, bevor sie nach Hause entlassen werden. Unabhängig vom Alter könne ein Großteil der Patienten nur mit einer Sauerstofftherapie nach Hause entlassen werden.  

Nach der Arbeit: Maske ab, durchatmen und ausruhen

Wie die Pflegekräfte der Isolierstation mit der Belastung umgehen und was sie sich für die Zukunft wünschen, das beschreiben sie hier im Interview:

Wie gehen Sie als Pflegekräfte nach Schicht auf der Isolierstation nach Hause?

Vom Tragen der Schutzkleidung sind wir durchgeschwitzt und gehen erst mal unter die Dusche, dann aufs Sofa entspannen, weil wir erschöpft sind. Wir sind froh, dass das öffentliche Leben runtergefahren ist und wir draußen nichts verpassen.

Was belastet Sie an Ihrer Aufgabe besonders?

Wir sind aus unserem Alltag auf der Normalstation vor der Pandemie einiges gewohnt, jetzt erleben wir die Belastung nur anders. Die volle Schutzkleidung anzuhaben, ist anstrengend. Wir schwitzen nicht nur sehr, durch die FFP2-Masken und Schutzbrillen kann es zu Druckstellen und Allergien kommen. Wir tragen die FFP2-Masken auch auf den Stationszimmern, also den ganzen Tag. Zu den Pausen geben die Vorschriften Maskenpausen vor, die aber nicht immer umsetzbar sind. Das Schönste ist, zum Feierabend an der frischen Luft tief durchzuatmen. Zum Glück gibt es keine Engpässe mehr bei der Schutzausrüstung wie noch im Frühjahr.

Wie ist es mit der psychischen Belastung?

Sie ist nicht zu unterschätzen. Manche Patienten betreuen wir mehrere Wochen und sind die einzigen Menschen, mit denen sie sich austauschen können. Hier bauen sich Bindungen auf und wir sind für die Angehörigen das einzige Bindeglied zu ihrem Familienmitglied. Wir sind bei Palliativsituationen dabei und halten beim Sterbeprozess die Hand des Patienten.

Wie verarbeiten Sie Sterbefälle?

Der Zusammenhalt untereinander und das Hand-in-Hand-Arbeiten helfen über vieles hinweg. Wir sprechen über viele Situationen. Wir arbeiten auf einer sehr freundschaftlichen und respektvollen Ebene miteinander und sind unser Halt hier. Keiner von uns hat je das Mitgefühl verloren. Unsere Patienten stehen im Mittelpunkt. Auch unsere Stationssekretärin, die jetzt bei uns auf der Station arbeitet, ist uns eine große Stütze. Natürlich sprechen wir auch mit unseren Familienangehörigen. Wer nicht in diesem Beruf arbeitet, kann vermutlich nur schwer nachvollziehen, was wir hier täglich leisten.

Worauf sind Sie stolz?

Dass wir als Team noch mal mehr zusammengewachsen sind und dass sich noch kein Mitarbeiter auf unserer Station angesteckt hat. Wir werden regelmäßig getestet. Das gibt uns ein Stückchen mehr Sicherheit im Umgang untereinander sowie mit der eigenen Familie zu Hause.

Was sind die positiven Momente in Ihrer Arbeit?

Wenn ein Patient nach langem Aufenthalt auf unserer und auf der Intensivstation endlich negativ getestet wird und nach Hause gehen kann. Die Reaktion der uns anvertrauten Personen mitzuerleben, entschädigt für sehr viel Leid, was wir hier sehen, und schweißt als Team nochmal mehr zusammen.

Was ist Ihr Wunsch für die kommende Zeit?

Wir wünschen, dass sich alle Menschen an die Corona-Regeln halten, um die Infektionskette endlich zu unterbrechen. Auch uns jungen Mitarbeitern geht das ganz schön an die Substanz. Natürlich können wir verstehen, dass man gerne Freunde treffen und an Weihnachten gemeinsam Geschenke austauschen möchte. Aber jedes falsche Handeln oder einen Kontakt zu viel müssen wir am Ende hier wieder gutmachen. Da wünschen wir uns auch manchmal einfach ein bisschen mehr Wertschätzung für unsere Arbeit. Von Martina Biedenbach

Covid-Patienten im Kreiskrankenhaus

Die Corona-Isolierstation im Kreiskrankenhaus Frankenberg war am Mittwoch (14.30 Uhr) mit 14 Patienten belegt. Auf der Intensivstation befanden sich zwei Covid-Patienten, ein Patient wurde invasiv beatmet. Das teilt Kliniksprecherin Julia Weiss mit.

Am Vortrag war die Isolierstation mit 16 Betten belegt. Die Normalbelegung liegt dort bei 14 Patienten. Mehr als 16 sollten es wegen der hohen hygienischen Auflagen nicht sein. Bei entsprechender Personalausstattung könnte die Klinik weitere Isolierzimmer zur Verfügung stellen und theoretisch 30 Covid-Patienten versorgen.

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