Pandemie im Vergleich mit Coronavirus

Die „Spanische Grippe“ von 1918/19 wütete auch im Frankenberger Land

+
Polizisten mit Mundschutz in Seattle: Als die „Spanische Grippe“ 1918 in Amerika auftrat, war sie für Ärzt e und Betroffene so unbekannt und unheimlich wie anfangs das Coronavirus. Die Behörden reagierten wie heute zunächst mit nicht-medizinischen Schutzmaßnahmen. 

Frankenberg. In der derzeitigen Coronakrise erinnern wir in unserer Serie "Blick zurück" an die  große Pandemie vor gut 100 Jahren: die "Spanischer Grippe". 

Herbst 1918. Die anfängliche Kriegsbegeisterung war längst verflogen. Nicht nur die deutschen Soldaten fühlten sich vollkommen ermattet, zermürbt und kriegsmüde, auch die von Hunger und Entbehrung ausgelaugten Menschen an der „Heimatfront“. Im Frankenberger Land mehrten sich die Nachrichten vom Tod junger Männer, die noch sinnlos geopfert wurden. Sie starben aber vielfach nicht mehr durch Waffengewalt den „Heldentod“, wie es hieß, sondern vom Fieber geschüttelt im Schlamm der Schützengräben und in Massen-Behelfslazaretten.

Mit ihrem Eintritt in den Ersten Weltkrieg hatten die USA zwar die Wende erreicht. Aber ihre Soldaten schleppten – wahrscheinlich aus einem US-Camp in Kansas – den Erreger einer bis dahin unbekannten Grippeinfektion nach Europa, der sich zunächst in der französischen, dann in der deutschen Armee und weiter über die ganze Welt mit etwa 50 Millionen Opfern ausbreitete. Das sind mehr Tote, als der Erste Weltkrieg insgesamt gefordert hatte. Mehr als zehn Prozent der deutschen Soldaten starben an die Pandemie.

„Heimtückische Krankheit“: In den meisten Todesanzeigen junger Soldaten wurde die „Spanische Krankheit“ nicht oder nur umschreibend erwähnt. Der 18-jährige Frankenberger Seminarist Eckhardt Stender hätte das Kriegsende ohne die Pandemie vermutlich erlebt.

Während in Deutschland unter Kriegszensur bis 1. November 1918 nur sehr zögernd über diese „harmlose Influenza“ berichtet wurde, kamen die ersten offenen Nachrichten aus dem neutralen Spanien mit seiner relativ liberalen Zensur. Die Nachrichtenagentur Reuters verriet am 27. Mai 1918 sogar, dass der spanische König Alfons XIII. erkrankt sei. Die internationale Presse gebrauchte ab Ende Juni 1918 für die Seuche zunehmend die Bezeichnung „Spanische Grippe“, was zudem von einigen kriegsführenden Regierungen gefördert wurde, um die tatsächliche Verbreitung zu vertuschen.

Risiko heruntergespielt

Auch in Frankenberg, wo im Frühjahr 1918 erste Erkrankungen der Spanischen Grippe auftraten, wurde nur sehr spärlich von ihr berichtet. Erst im Juli 1918 tauchte in der Frankenberger Zeitung das Wort von einer „Influenzaepidemie“ auf, „spanische Krankheit“ genannt. Aber, und hier lassen sich nun bekannte Parallelen zur aktuellen Corona-Pandemie beobachten, auch hier wurde das Risiko des lebensgefährlichen Erregers erst einmal heruntergespielt. 

Ursachen seien angesichts der „wechselvollen Witterung dieses Sommers“ die üblichen „Schnupfen und Katarrhe“. „Im übrigen liegt jedoch kein Grund zu ernster Beunruhigung vor, denn die Anzahl der Erkrankungen ist nicht größer als in anderen vorwiegend nassen Jahren auch,“ hieß es in der Meldung. Der aus Frankenberg stammende, besonders vertrauenswürdige jüdische Dr. Theodor Heinemann, Kreisarzt von Kassel, meinte auch: Die jetzt eingetretene sommerliche Temperatur werde die Epidemie rasch einschränken.

Nach der ersten relativ milden Welle der Pandemie erreichte im Oktober 1918 unsere Region eine zweite, die sich für besonders betroffene Orte als katastrophal auswirkte und ganze Familien auslöschte. In den Sterberegistern sucht man den Begriff „Spanische Grippe“ allerdings zumeist vergebens.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.