Feuerball über Schreufa: Lehrer Liese beobachtete 1916 den Meteoriten

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Vier Seiten Handschrift von Alfred Wegener: In Schreufa bewahrt Karl-Heinz Hartmann einen der ganz seltenen Privatbriefe des bedeutenden Geowissenschaftlers (im Bild links) auf, der mit Lehrer Conrad Liese korrespondierte.  

Schreufa. Als am 3. April 1916 über Schreufa „plötzlich ein Donnern wie bei einem Nahgewitter" zu hören war, dachten die meisten Einwohner zunächst an ein Kriegsflugzeug.

Nur der naturwissenschaftlich vielseitig interessierte Dorflehrer Conrad Liese wusste sofort, was da als „zickzackförmige Dampfwolke" über den Himmel raste: ein Meteorit, der bei seinem Eintauchen in die Erdatmosphäre verglühte und irgendwo niederschlagen würde.

Dass der Lehrer mit seiner Beobachtung und dem daraus folgenden Briefwechsel mit dem berühmten Geowissenschaftler und Polarforscher Prof. Dr. Alfred Wegener (1880-1930) einmal in die wissenschaftliche Literatur eingehen würde, ahnte in Schreufa niemand.

Am vergangenen Wochenende, 100 Jahre danach, wurden die Mitglieder des Vereins „Wettermuseum Alte Schule“ und alle interessierten Bürger Schreufas an dieses Ereignis erinnert, als die HNA in ihrer Beilage „Sonntagszeit“ dem „Brocken aus dem All“, später „Treysaer Meteorit“ genannt, eine ganze Seite widmete. Lehrer Conrad Liese war es nämlich, der dem Forscher Alfred Wegener zusammen mit zahlreichen anderen Beobachtern zwischen Marburg und Waldeck so entscheidende Daten liefern konnte, dass erstmals der Einschlagsort eines Meteoriten auf der Erde mit einer Abweichung von nur einem Kilometer berechnet werden konnte - damals eine Sensation.

Conrad Lieses sorgfältige Wetterbeobachtungen wie auch überhaupt sein pädagogisches Wirken in Schreufa will das kürzlich eröffnete Wettermuseum besonders würdigen. Nachdem vor zehn Jahren Rektor a. D. Karl-Heinz Hartmann bei dem Enkelsohn Horst Liese einen vierseitigen Originalbrief von Alfred Wegener an Conrad Liese entdeckt hatte, war klar, dass zumindest eine Kopie dieses Dokuments in Schreufa verbleiben müsste. Wegener beschreibt darin im Oktober 1916 dem Lehrer („Sehr geehrter Herr!“) eine Methode, wie er mit Hilfe einer Bohnenstange, Fixpunkten am Horizont und einem Schattenwinkel fotografisch den Eintauchort des Meteoriten genauer berechnen könnte.

Der damalige Militärmeteorologe Wegener ermittelte aus seinen gesammelten Beobachterdaten den „Hemmpunkt“, den Einschlagsort und die Einschlagtiefe des mit 19,8 Kilometern pro Sekunde rasenden Meteoriten: 1,50 Meter. Revierförster Huppmann, der schließlich den Fund des 63 Kilogramm schweren Nickeleisen-Brockens in Rommershausen bei Treysa im März 1917 meldete, legte ihn in 1,60 Meter Tiefe frei - Wegener hatte genau gerechnet. 300 Reichsmark Finderlohn waren ausgelobt worden.

„Es ist aus heutiger Sicht hoch beachtlich, dass Alfred Wegener, der als Geophysiker schon früh die Grundlage für das Modell der Kontinentalplatten-Verschiebung gelegt hat, damals mehrfach mit einem unbekannten Dorfschullehrer in Schreufa korrespondierte“, sagt Karl-Heinz Hartmann.

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- Brocken aus dem All - der Meteorit von Treysa stürzte vor 100 Jahren auf die Erde

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