Mit Vorwäldern auf Schadflächen Zeit gewinnen

Forstamt Frankenberg sät Bäume mitten im Winter

Eberschensaat bei Burg Hessenstein: (von links): Förster Peter Frese und die Forstwirte Burkhard Rößner (Immighausen) und Uwe Bertram (Altenlotheim) bringen Vogelbeersamen in die unter dem Schnee nicht gefrorene Erde. Unter dem Schutz der schnellwachsenden Baumart soll ein neuer Wald entstehen.
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Eberschensaat bei Burg Hessenstein: (von links): Förster Peter Frese und die Forstwirte Burkhard Rößner (Immighausen) und Uwe Bertram (Altenlotheim) bringen Vogelbeersamen in die unter dem Schnee nicht gefrorene Erde. Unter dem Schutz der schnellwachsenden Baumart soll ein neuer Wald entstehen.

Dürre und Borkenkäfer haben im Forstamt Frankenberg-Vöhl 1400 Hektar Kahlflächen verursacht. Die müssen schnell wieder bewaldet werden. Dabei setzt das Forstamt auch auf Schneesaat, Pionierbäume und Vorwälder.

Frankenberg/Vöhl – Forstwirt Burkhard Rößner entfernt bei minus 15 Grad mit der Pflanzhacke den Schnee. Die Erde darunter ist aufgrund der dicken Schneedecke nicht gefroren. So kann er den humushaltigen Oberboden leicht freilegen. Sein Kollege Uwe Bertram streut aus einer Flasche, deren Deckel kleine Löcher hat, Ebereschensamen darauf. Zirka 100 Samen auf eine DIN-A-4-Blatt große Fläche. Die Körnchen werden angetreten – und fertig ist die Saat der Ebereschen – vielen als Vogelbeere bekannt.

Im Abstand von drei Metern wiederholen die Forstwirte das Prozedere hier, auf der zirka 12 000 Quadratmeter großen Schadfläche an einem Waldweg nahe der Burg Hessenstein, wo Fichten und Buchen aufgrund von Hitze, Trockenheit und Schädlingen eingegangen sind. „Schon im Frühjahr werden die Samen keimen“, sagt Förster Peter Frese, der seit Januar im Revier Buchenberg des Forstamts Frankenberg-Vöhl tätig ist. Grund für seinen Optimismus ist die hohe Keimfähigkeit der Baumart, die bei 99 Prozent liegt. Zudem widerstehen Ebereschen gut Frost und Hitze.

Der Förster will hier aber keinen Ebereschenwald anlegen. Die schnell wachsende Baumart, die in wenigen Jahren schon zwei, drei Meter hoch sein und nach vier, fünf Jahren Blüten und leuchtend orange Früchte ansetzen wird, soll als Pionierbaum für einen Vorwald dienen.

„Wir säen die Vorwälder um Zeit zu gewinnen“, erklärt Frese. Wegen Dürre und Schädlingen sind im Forstamt rund 1400 Hektar Schadflächen entstanden. Sie wiederaufzuforsten ist eine Mammutaufgabe, die viele Jahre in Anspruch nehmen wird (Hintergrund). Und es gibt nicht genug Jungpflanzen, die zudem sehr teuer sind. Deshalb setzt das Forstamt auch auf Vorwälder.

Dazu erläutert der Förster: Pionierbäume wie Eberesche – oder Birke (Bericht unten) – verhindern die Vergrasung der Flächen und dass sich zum Beispiel Brombeeren breit machen. Weniger Gras bedeutet weniger Mäuse. Pionierbäume spenden nachwachsenden Bäumen Schatten, schützen sie vor Frost, Hitze und Wind, sorgen dafür, dass der Boden weniger austrocknet und dass er Nährstoffe erhält.

„Die Eberesche eignet sich dafür gut und sie ist ökologisch sehr wertvoll. Sie bietet Lebensraum und ist Futterpflanze für Insekten und Vögel. Die Laubzersetzung fördert optimale Humusbildung“, erklärt Frese.

Im Schutz der Pionierbäume sollen die gewünschten Dauerwald- oder Klimax-Baumarten wachsen – zum Beispiel Eiche, Buche, Lärche, Tanne oder Douglasie. Wind und Vögel können über einen Zeitraum von zirka zehn Jahren Samen eintragen und so zur Naturverjüngung beitragen. Durch Pflege sollen die gewünschten Baumarten gefördert werden und eventuell auch weitere Arten angesät oder gepflanzt werden. Denn Arten wie Eiche und Buchen können ihren Samen nur im direkten Umfeld verbreiten. Ziel ist ein Mischwald mit verschiedenen Baumarten, die Klimawandel und Schädlingen besser standhalten.

Größere Pflanzkulturen werden vorwiegend auf nährstoffreichen Böden getätigt. In Freses 1650 Hektar umfassendem Revier, das von Thalitter bis Altenlotheim reicht, überwiegen aber nährstoffarme Böden. Deshalb arbeitet er hier vor allem mit der Ansaat von Vorwäldern. An vielen Stellen lässt der Förster zudem auch die abgestorbenen Fichten im Wald stehen. Denn bei ihrer Zersetzung werden Nähstoffe frei. „Da, wo es die Verkehrssicherheit erfordert, also insbesondere an Straßen und Wegen, werden die Fichten natürlich weggenommen“, sagt er.

Birkensamen einfach auf Schnee gestreut

Sebastian Renziehausen-Philipps (29), stellvertretender Leiter des Reviers Bromskirchen, setzt bei der Wiederbewaldung von Kahlflächen unter anderem auf die schnell wachsende, anspruchslose Birke. Ähnlich wie bei der Eberesche soll die Birke einen schnellen Vorwald bilden. Denn sonst würden Gras oder Holunder sich ausbreiten, die Ansamung von Waldbäumen behindern und viel vom ohnehin knappen Wasser aufnehmen.

Relativ einfach ist die Saat von Birken. Man muss den Samen nur auf dem Schnee verteilen, wie Sebastian Renziehausen-Philipps vom Revier Bromskirchen hier auf einer Schadfläche bei Neuludwigsdorf demonstriert.

Forstamtsleiter Andreas Schmitt unterstützt die Revierleiter bei der Anlage von Vorwäldern: „So kann Zeit gewonnen und die Biodiversität gesteigert werden.“

Weil die Birke sich auf nahezu allen Böden vermehrt, und ein schnelles Jugendwachstum hat, gilt sie als Pionierbaumart schlechthin. Der reichliche Schneefall Mitte des Monats kam Renziehausen-Philipps gerade recht. Birkensamen wird einfach auf den Schnee gestreut. „Der Frost fördert die Keimfähigkeit“, sagt der Forstassistent, der sich bei der Projektarbeit im Vorbereitungsdienst mit der Baumart und der lange nicht praktizierten Saatmethode beschäftigt hatte.

Auf vier Hektar haben Forstwirte bei Neuludwigsdorf Birkensamen ausgebracht. Diese Saatmethode der Birke koste mit Arbeitszeit 1000 Euro pro Hektar. Die Anpflanzung einer Eichenkultur im Vergleich würde 13 000 Euro pro Hektar kosten, so Renziehausen-Philipps. Zudem könne das Birkenholz des Vorwaldes später insbesondere als Brennholz genutzt werden.

Von Martina Biedenbach

Mammutaufgabe Wiedebewaldung

Das Forstamt Frankenberg-Vöhl betreut eine Fläche von 23 000 Hektar Wald. Davon sind aufgrund von Dürre und Schädlingen 1400 Hektar Schadflächen (fast 2000 Fußballfelder) entstanden. Im Jahr 2020 wurden 140 000 Bäume auf zirka 60 Hektar gepflanzt und 8 Hektar Eichen gesät.

Wegen der enormen Schadflächen, die in ganz Deutschland und darüberhinaus entstanden sind, und der – aufgrund hoher Schädlings-Populationen (insbesondere Borkenkäfer) – zu erwartenden weiteren Schadflächen wird es über Jahre nicht genug Setzlinge für eine Wiederbewaldung geben. Da das Angebot knapp ist, sind Jungpflanzen zudem teuer.

Das Forstamt will deshalb noch mehr mit der Natur arbeiten, zum Beispiel mit dem Anlegen von Ebereschen- und Birken-Vorwäldern und mit Naturverjüngung.

Die Schadflächen wiederzubewalden, ist ein wichtiges Ziel. Denn der Wald bindet Kohlendioxid aus der Luft, gehört zum Landschaftsbild für unsere waldtyische Region und hat Freizeit- und Erholungswert für die Menschen. Nicht zuletzt soll mit der Wiederbewaldung auch für Nachhaltigkeit gesorgt werden, denn auch zukünftige Generationen benötigen Holz, erläutert Förster Peter Frese.

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