Praxen bleiben unbesetzt

Keine Nachfolger: Hausärzte-Mangel im Frankenberger Land verschärft sich

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Dr. Ralf Engelhard, Sprecher der niedergelassenen Ärzte im Raum Frankenberg,mit Arzthelferin Sandra Knieling, die als nichtärzliche Praxisassistentin auch Hausbesuche bei Patienen macht.

Frankenberg/Allendorf. Der Hausarztmangel mach sich im Frankenberger Land immer bemerkbarer.

In Frankenberg ist der Allgemeinarzt Dr. Gerd Freytag in den Ruhestand gegangen. In Allendorf-Eder schließt zum Ende des Monats die Zweitpraxis des Internisten Stephan Eisfeld. Er konzentriert sich künftig auf seine Praxis in Frankenberg.

Ein Nachfolger für den 67-jährigen Freytag, der pro Quartal zirka 1500 Menschen behandelt hat, ist trotz intensiver Suche nicht in Sicht. Freytag arbeitete in einer Gemeinschaftspraxis mit Dr. Hans-Jürgen Otto, der die große Praxis allein weiterführen will. Doch auch Dr. Otto ist bereits Anfang 60.

Unterversorgung im oberen Edertal

„Derzeit reichen die Kapazitäten der niedergelassenen Hausärzte im Raum Frankenberg noch aus, um die Patienten zu versorgen“, sagt Dr. Ralf Engelhard, Sprecher der Hausärzte in diesem Bereich, und verweist auf entsprechende Berechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung. „Aber zahlreiche noch praktizierende Hausärzte sind bereits älter als 65 Jahre. Wenn diese ihre Praxen in den nächsten Jahren aufgeben, wird sich die Situation verschärfen“, sagt Engehard.

Bereits eine Unterversorgung an Hausärzten besteht im Oberen Edertal. Derzeit könnten sich dort vier zusätzliche Hausärzte niederlassen, erläutert Petra Bendrich von der KV – und sie können dafür Fördergelder erhalten. Im Raum Biedenkopf könnten sogar 5,5 Praxen hinzukommen.

„In ganz Hessen fehlen bereits 170 Hausärzte“, sagt sie. Die Gründe dafür seien vielfältig: „Junge Mediziner wünschen sich wirtschaftlich attraktive Rahmenbedingungen, fühlen sich von Regressen bedroht und verlangen eine vernünftige Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Und da deshalb die Teilzeitbeschäftigung bei Nachwuchsärzten steigt, wird sich das Problem des Ärztemangels weiter verschärfen.“ 

Frust bei den Hausärzten in Frankenberg

Der Frust bei Hausärzten wie Dr. Freytag und Stephan Eisfeld, die für die Praxis in Frankenberg beziehungsweise für die Zweitpraxis in Allendorf/Eder keine Nachfolger finden, ist groß. Vor dem drohenden Ärztemangel warnt Dr. Freytag schon seit zehn Jahren, hielt Vorträge und unterstützte das Projekt „Landarzt werden“ von Landkreis Waldeck-Frankenberg und Uni Marburg.

 „Seit Jahren habe ich mich um das Thema gekümmert und bin auch persönlich von dieser Entwicklung und der Nichtbeachtung der kommenden Probleme sehr enttäuscht“, schreibt er in einem Brief, in dem er sich von seinen Patienten verabschiedet. 

Stephan Eisfeld sieht einen Grund für fehlende Hausärzte im Gesundheitssystem: „Politik, Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigung und Landesärztekammer arbeiten nicht richtig zusammen“, sagt er. Ärztinnen mit Kindern, die in Teilzeit arbeiteten, würden diskriminiert. Die sonst fünfjährige Facharztausbildung verdopple sich auf zehn Jahre, wenn man eine 50-Prozent-Stelle inne habe. 

Eisfeld: „Andere Landesärztekammern ermöglichen eine schnellere Facharztausbildung.“ In Westfalen-Lippe etwa könnte er sich durch seine hausärztliche Tätigkeit zusätzlich für das Fach Allgemeinmedizin qualifizieren. „In Hessen müsste ich meine Praxis dafür zwei Jahren schließen.“

Die Facharztausbildung müsse elternfreundlicher gestaltet werden, fordert auch Dr. Ralf Engelhard, Sprecher der Ärzte im Raum Frankenberg. Denn die Zahl der Medizinstudenten sei höher als vor 25 Jahren. Aber es sind mehr Frauen unter ihnen. Wegen der langen Ausbildungszeiten bei Elternzeit suchten sie sich Stellen in der Industrie, in Gesundheitsämtern oder anderen Verwaltungen. 

Da der Hausärztemangel schon länger absehbar war, hätte die Politik schon früher Gegenmaßnahmen ergreifen müssen, sagt Engelhard. Eine Initiative wie jetzt die Einführung einer Landarztquote in Nordrhein-Westfalen mit speziellen Studienplätzen für Studenten, die bereit sind, Landarzt zu werden, sei zwar zu begrüßen, greife aber wegen der langen Ausbildungszeit niedergelassener Ärzte frühestens in zwölf Jahren.

Spahn-Vorschlag hilft nicht

 Über die aktuelle Forderung von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass eine Praxis mindestens 25 Stunden in der Woche geöffnet sein soll, kann Engelhard nur müde lächeln. In der Gemeinschaftspraxis mit Dr. Christopher Wihl komme man über 50 Stunden.

 Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen sieht einen Grund für den Ärztemangel in der unter dem damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer eingeführten Bedarfsplanung für Ärzte. Sprecherin Petra Bendrich: „Sie war in erster Linie ein Instrument, um Niederlassungen zu verhindern. Hätten wir heute die Ärzte, die damals abgewandert sind, hätten wir keinen solchen Haus- und Fachärztemangel.“

Hintergrund: Hausarztmangel

Laut Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV) ist für 1671 Patienten ein Hausarzt vorgesehen. Im Planungsbereich Frankenberg gibt es laut KV derzeit 21 Hausärzte mit 20,5 Praxen (Versorgungsaufträgen): Frankenberg (neun Praxen), Frankenau (2), Burgwald, (2) Rosenthal (3), Gemünden (3), Haina (1,5 - der Löhlbacher Arzt Dr. Keute hat eine halbe Praxis). Damit liege der Versorgunggrad derzeit bei knapp über 100 Prozent.

Im Planungsbereich Allendorf / Battenberg gab es zum 1. Juli 2018 sechs Hausärzte mit je einem vollen Versorgungsauftrag: fünf in Battenberg, einer in Allendorf. Das bedeutet laut KV einen Versorgungsgrad von 73,45 Prozent. Allerdings kommen die hausärztlichen Zweitpraxen in Battenberg, Hatzfeld, Bromskirchen und die von Stephan Eisfeld in Allendorf, die geschlossen wird, hinzu. 

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