100 Jahre Bauhaus und 200 Jahre Thonet

Frankenberger Möbelhersteller Thonet produziert Meilensteine der Designgeschichte

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Sie bogen heißes Holz: Viele Menschen fanden in der Frankenberger Möbelfabrik Thonet Arbeit und wurden selbst zu Fachleuten für Bugholztechnik. Ende der 1920er-Jahre wurden hier auch Stahlrohrmöbel produziert. 

In diesem Jahr begeht Deutschland das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum, der 1919 in Weimar gegründeten Hochschule für Gestaltung. Ein Name aus Frankenberg darf nicht fehlen: Thonet.

Der Möbelhersteller, eigentlich durch gebogenes Holz schon seit 1819 weltberühmt geworden, produziert heute noch in seinem Frankenberger Werk als Klassiker der 1920er-Jahre die ganz frühen, elegant geschwungenen Stahlrohrmöbel großer Bauhaus-Designer wie Mart Stam, Ludwig Mies van der Rohe oder Marcel Breuer.

„Die Nachfrage nach diesen Meilensteinen der Designgeschichte, auch das Medieninteresse an unserem Produktionsort Frankenberg ist durch das Bauhaus-Jubiläum jüngst enorm angestiegen“, freut sich Susanne Korn, Leiterin von Marketing und Kommunikation bei Thonet. Sowohl im Frankenberger Thonet-Museum wie auch in Spezialausstellungen mit dem aktuellen Stahlrohrmöbel-Programm für den Fachhandel weise das Werk auf die Zeitlosigkeit seiner Bauhaus-Klassiker hin.

So etwa auf Mies van der Rohes glamourös geschwungenen Freischwinger „S 33“ oder auch den „S 533F“, der zum Jubiläumsjahr in einer limitierten Edition unter Mitarbeit des Hamburger Designduos Besau/Marguerre neu aufgelegt worden ist. „Hier vereinen sich Funktionalität, Komfort und zeitlose Ästhetik, das sind Stühle, die Geschichte gemacht haben“, sagt die aus Frankenberg stammende Susanne Korn, die gleich nach dem Abitur an der Edertalschule ein Praktikum bei Thonet absolvierte, dann Industriedesign studierte und seit 1991 in der Firma arbeitet.

Die Frage des Dadaisten Kurt Schwitters „Warum vier Beine nehmen, wenn zwei ausreichen?“ löste in den 1920ern einen regelrechten Ideenwettbewerb unter den Möbelgestaltern aus. Die Revolution war: Man klaute dem Stuhl die beiden Hinterbeine und ließ die Sitzfläche auf Stahlrohr optisch in der Luft schweben.

Thonet arbeitete mit Lehrern des Bauhauses zusammen

War es nun der Holländer Mart Stam mit seinem sauberen, technischen Look des Stahlrohrmodells „S 33“ als Gegenentwurf zu den damals beliebten Biedermeierstühlen? Oder war es der ungarischstämmige Architekt Marcel Breuer, der schon 1925 das Prinzip des Freischwingers nutzte und vom „Sitzen wie auf federnden Luftsäulen“ träumte? Solche Ideen passten zu den schwebenden Balkonen des Bauhausgebäudes von Walter Gropius in Dessau oder zur Weißenhof-Siedlung in Stuttgart. Gerichte mussten später die Frage klären, wer den Freischwinger erfunden hatte.

Entscheidend für den heutigen Möbelindustrie-Standort Frankenberg aber ist: Thonet arbeitete eng mit den Lehrern des Bauhauses zusammen, sicherte sich die Rechte für die revolutionären „Freischwinger“ aus Stahlrohr und erwies sich ein zweites Mal als Meister der gebogenen Formen. In den 1930er-Jahren wurde das Unternehmen zum führenden Hersteller von Möbeln aus Stahlrohr.

Es war der frühere Firmenchef Georg Thonet (1909-2005), der in Frankenberg, dem einzigen Standort, der nach dem Krieg dem Unternehmen geblieben war, das Werk nach der Bombardierung aufbaute und neben den traditionellen Bugholz-Stühlen die Stahlmöbel-Produktion wieder vorantrieb. Persönlich suchte Georg Thonet im In- und Ausland nach letzten, erhalten geblieben Originalen der Thonet-Bauhaus-Ikonen und kaufte sie zurück - heute von jedermann zu bewundern im Frankenberger Thonet-Museum.

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