"Thalia" seit 1919 ein Familienbetrieb - Gebäude  an Investor verkauft

Frankenberger Kino schließt für immer - Säle werden zu Wohnungen

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Mehr als 30 Jahre lang führte Wilhelm Ortwein das Thalia-Kino. Nun zeigte er dort den letzten Film.

Frankenberg. Das Frankenberger Thalia-Kino ist Geschichte: Am Sonntag lief dort der letzte Film. „Das Gebäude ist verkauft“, berichtete Betreiber Wilhelm Ortwein der HNA.

Ortwein führte das Kino in Frankenberg in dritter Generation. Er hatte sich bewusst für einen leisen Abschied entschieden. Einige Teile des Kinos sind bereits abgebaut, weitere werden in den nächsten Tagen verschwinden. Demnächst werden im Thalia die Bauarbeiter anrücken. „Nach den Vorstellungen des Investors sollen in dem bisherigen Kino-Gebäude Wohnungen entstehen“, berichtete Ortswein.

Mit dem Frankenberger Kino verschwindet eines der letzten Kinos aus dem Landkreis. Die Kreisstadt Korbach war schon seit mehr als vier Jahren ohne eigenes Kino – dort wurde aber bereits ein neues gebaut, Eröffnung soll im Herbst sein. Bereits 2011 hatte sich der Betreiber, der bis 2013 das Korbacher Kino geführt hatte, vom Kino in Bad Arolsen getrennt. Das Astoria-Kino in Bad Wildungen war bereits 1985 geschlossen worden. Damit gibt es aktuell nur ein Kino in Waldeck-Frankenberg: in Willingen im „Haus des Gastes“ neben dem Lagunenbad.

Das Gebäude wurde Ende Juli an einen Investor verkauft. Demnächst sollen dort Wohnungen entstehen.

Bei Wilhelm Ortwein ist nach all’ den Jahren Kino- und Filmgeschichte ein Stück Wehmut dabei: „Wir haben immer viel Herzblut in das Unternehmen gesteckt“ – die Entscheidung sei aber hauptsächlich aus Alters- und Gesundheitsgründen gefallen. Außerdem habe sich für das Kino kein Nachfolger gefunden: „Wir hatten drei Jahre lang vergeblich gesucht“, sagt Ortwein gestern. Verhandlungen mit mehreren Interessenten seien aus verschiedenen Gründen aber nicht zum gewünschten Erfolg gekommen.

„Für den Standort Frankenberg haben wir über all die Jahre mit viel Engagement und Liebe gekämpft“, sagte Ortwein. Und es sei nicht immer leicht gewesen, Startfilme oder Filme im Fokus der Besucher, zu bekommen. „Oft ist uns das aber gelungen.“ 

„Sonnenlichtspiele“ – so hieß 1919 das erste Kino der Familie Ortwein am Frankenberger Obermarkt. 1954 wurde dann das Thalia-Kino in der Straße Am Hain gebaut. Knapp 100 Jahre dauerte die Kino-Geschichte des Familienbetriebs, in den vergangenen zehn Jahrzehnten wurden rund 15.000 Filme gezeigt  Nun hat Kino-Chef Wilhelm Ortwein ganz leise Servus gesagt – der 63-Jährige führte das Kino in dritter Generation. 

Am Sonntagabend lief im traditionsreichen Thalia der letzte Film: „Mamma mia 2“ – der Streifen basiert auf den Liedern der schwedischen Popgruppe Abba. Dann fiel der letzte Vorhang. Für immer. 

Bis zur letzten Sekunde war Ortwein in dem Kino als Betreiber selbst tätig. „So etwas gibt es in ganz Hessen kaum noch ein zweites Mal“, sagt der langjährige Kino-Chef. 1985 hatte er die Leitung des Thalia-Kino-Treffs von seinem Vater Heinz Ortwein übernommen: „Das waren ganz spannende und sehr interessante Jahre.“ Gerne denkt er auch an Besuche großer Stars in seinem Haus zurück – etwa von Mario Adorf und Iris Berben und von Regisseur Joachim Masannek. Sein Dank gilt allen Menschen, die sein Kino immer unterstützt haben – unter anderem durch Projekte wie den Literarischen Frühling, die Schulkinowochen oder die Familienstadt mit Zukunft.

Hintergrund

Schon 1919 gründete Wilhelm Ortwein, der Großvater des langjährigen Thalia-Chefs Wilhelm Ortwein, im Saal des „Hotels zur Sonne“ am Obermarkt 1-5 die „Sonnenlichtspiele“. 1954 baute Vater Heinz Ortwein das „Thalia-Kino“ Am Hain mit 500 Sitzplätzen. Mit dem Umbau zum Programm-Kino in drei Sälen reagierte 1978 die Familie Ortwein auf die veränderte Kino-Landschaft. Und auch in den 1990er-Jahren, als die ersten Multiplex-Kinos in den Großstädten auftauchten, wurde ständig weiter in das Thalia-Kino investiert. 

Heinz Ortwein führte das Kino von 1954 bis 1985, dann übergab er es an seinen Sohn Wilhelm. Damit wurde das Kino zuletzt in dritter Generation geführt. 

Am 29. Juli lief im Thalia-Kino nun der letzte Streifen – das Gebäude wird von einem Investor demnächst in Wohnungen umgebaut.

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