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Früherer Röddenauer Pfarrer gießt aus Wachsresten farbenfrohe Kerzen

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Von: Karl-Hermann Völker

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Der pensionierte Röddenauer Pfarrer Heinrich Jammer gießt Kerzen aus Wachsresten.
Der pensionierte Röddenauer Pfarrer Heinrich Jammer gießt Kerzen aus Wachsresten. © Völker, Karl-Hermann

Der frühere Pfarrer in Röddenau, Heinrich, Jammer macht aus altem Wachs farbenfrohe Kerzen.

Röddenau – Der Schein von Kerzen spielt in den zwölf heiligen Nächten zwischen Weihnachten und dem Fest der Heiligen Drei Könige am 6. Januar, den Rauhnächten, im christlichen Brauchtum eine wichtige Rolle. Nach den dunkelsten Tagen des Winters findet mit der Ankunft des Gotteskindes auch eine „Wiedergeburt des Lichts“ statt, und nach katholischer Tradition endet auch erst zu Mariä Lichtmess am 2. Februar die Weihnachtszeit mit Kerzenweihe und Lichterprozessionen.

Für den pensionierten Pfarrer Heinrich Jammer in Röddenau, der im Ruhestand zu Kerzen und ihrer Symbolik ein ganz besonders Verhältnis gefunden hat, ist jetzt allerdings gerade Ruhezeit. Er wartet auf Frost.

Warum? Nur dann kann er in seiner Kellerwerkstatt seine wunderbaren, farbigen Schichtkerzen gießen, die bevorzugt nachts im Freien bei Minustemperaturen schnell genug aushärten. „Es ist also derzeit viel zu mild. Selbst hier schlägt der Klimawandel durch“, sagt Heinrich Jammer.

Vorsicht, heiß und flüssig: In leere, 28 Millimeter starke Spritzenhülsen aus dem Medizinbereich, aufgehängt in einem speziellen Gestell, gießt Heinrich Jammer in seiner Manufaktur das flüssige Kerzenwachs. Zum Schmelzen dienen zwei ausgemusterte Küchenherde.
Vorsicht, heiß und flüssig: In leere, 28 Millimeter starke Spritzenhülsen aus dem Medizinbereich, aufgehängt in einem speziellen Gestell, gießt Heinrich Jammer in seiner Manufaktur das flüssige Kerzenwachs. Zum Schmelzen dienen zwei ausgemusterte Küchenherde. © Völker, Karl-Hermann

Doch zum Glück ist sein Lager mit neuen Kerzen, die er grundsätzlich verschenkt oder gegen Spenden für Hilfsprojekte abgibt, reich gefüllt. Und fast jeden Tag erhält er ganze Taschen voller Kerzen- und Wachsreste als Nachschub – alle kennen mittlerweile das Hobby des engagierten Pensionärs.

Wie er dazu kam

Wie er dazu kam: „Ich habe schon während meiner theologischen Ausbildung erfahren, dass man Menschen nicht allein mit Worten, sondern auch mit Symbolen, also über ganz andere Ebenen als Gehör und Verstand, erreichen kann“, erzählt der Seelsorger. Jammer beobachtete, wie persönlich zugedachte Tauf- oder Kommunionskerzen Verbundenheit und Licht in das Leben von Menschen brachten. Während seiner Dienstzeit als Ortspfarrer in Röddenau und Haine zwischen 1988 und 2009 führte er auch eine Konfirmandenkerze ein, die von den Jugendlichen später mit Rohling und Zierwachs selbst gestaltet wurde. „Wenn sie beim Gottesdienst auf dem Altar brannte, bedeutete dies: Ich bin hier!“ Auch Brautpaaren bot der Geistliche persönlich gewidmete Kerzen an.

Irgendwann in einem Winter hat es bei ihm mit der Kerzenproduktion angefangen. 200 oder 400 „upcykelte“ Lichter, wie modern die Wiederverwendung von Abfallprodukten heißt, mögen es gewesen sein.

2006 baute der handwerklich geschickte Pfarrer eine eigene Halterung, in die er eine große Zahl von leeren Hülsen ehemals medizinischer Spritzen einhängte. Er kaufte spezielle Dochte und startete mit der Produktion seiner mehrfarbigen Schichtkerzen. „Seit ersten Aufzeichnungen 2016 habe ich inzwischen mehr als 10 000 Kerzen gegossen“, stellte Jammer fest.

Farben des Regenbogens

Es sind die Farben des Regenbogens, in denen seine Wachsschichten verlaufen, jede Kerze ein Unikat. „Zuerst kriegen diejenigen welche geschenkt, die mir ihre Wachsreste bringen“, schmunzelt der Pfarrer. Er tauschte vor dem Frankenberger dm-Markt seine Produkte gegen Altwachs – und bekam an drei Nachmittagen zwei Zentner gebracht. Jedes Frühjahr macht Heinrich Jammer eine Kerzenaktion zugunsten der Jugendarbeit im Kirchspiel Röddenau, in den Vorweihnachtstagen verteilte er wieder viele bei der Tafel Frankenberg. Mit einer speziellen gelb-blauen Ukraine-Kerze erlöste er 600 Euro an Spenden für vom Putin-Krieg betroffene Menschen. Während der Corona-Zeit, als keine Gottesdienste stattfanden, hielt er sich an vielen Tagen in seinen alten Dorfkirchen auf und verschenkte Besuchern mit Kerzen ein Stück Hoffnung. Dazu gibt er auch monatliche Rundbriefe heraus.

„Ich habe noch ganz viele Kerzen. Ja, es ist anstrengend. Aber ich finde, mein Hobby ist sinnvoll, und ich mache es noch, solange ich kann“, verspricht der 75-Jährige.

Info: Jeder, der Wachsreste gesammelt hat, kann sie weiterhin bei ihm und seiner Frau Uta ankündigen (Tel. 0 64 51/ 24 790) oder in der Feldstraße 14 einfach vor die Tür stellen.

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