Karriere, Cyberwar und Kampfeinsätze

Kommandeur Kotthoff muss Frankenberg spätestens 2019 verlassen

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Am Zaun der Burgwaldkaserne: Meik Kotthoff ist seit 2015 Kommandeur des Bataillons für Elektronische Kampfführung.

Frankenberg. Spätestens im März 2019 wird der Kommandeur der Burgwaldkaserne, Meik Kotthoff, den Standort Frankenberg verlassen. Wir haben mit Frankenbergs oberstem Soldaten gesprochen.

Im Laufe dieses Jahres falle die Entscheidung, wohin er wechseln wird, so der 47-Jährige Adorfer.

Ihren inneren Schrecken hat die Bundeswehr offenbar verloren. Es gibt keine Spind-Ordnung mehr. Der Umgangston ist moderat. Und der oberste Soldat der Frankenberger Kaserne, Meik Kotthoff (47), wirkt sympathisch und aufgeräumt. Man könnte sich fast vorstellen, unter seinem Kommando Deutschland zu „dienen“.

Wenn da nicht der äußere Schrecken wäre. Die Bundeswehr ist jetzt oft dabei auf den Kriegsschauplätzen der Welt. Auch Meik Kotthoff hat in Afghanistan Tod und Verwundung erlebt. „Das kann man entweder aushalten oder auch nicht“, sagt er lapidar. Manche drehen durch vor Angst – selbst nach der Rückkehr in die Heimat.

Der Oberstleutnant empfängt uns gut gelaunt in seinem Dienstzimmer: Von-der-Leyen-Foto an der Wand, deutsche und US-Flagge neben dem Fenster. Kotthoff, eher klein und kräftig, trägt einen Bart wie Jürgen von der Lippe zum grünen-gefleckten Kampfanzug, „Grünzeug“ nennen den die Soldaten.

Im Jahr 1990 nach Frankenberg

„Eigentlich wollte ich fliegen“, erzählt der gebürtige Korbacher. Leider ist er farbschwach („Rotschwäche“). Da das mit dem Fliegen nicht vereinbar war, kam er nach dem Abitur in Korbach 1990 zur elektronischen Kampfführung in Frankenberg.

Das sind die eher leisen Kämpfer. Radar überwachen, Funkverkehr des Gegners aufzeichnen oder stören. Hinzu kommt die Abwehr von immer mehr Attacken aus dem Internet. Stichwort Cyberwar. „Wir müssen die Informationstechnologie der Bundeswehr schützen“, erläutert Kotthoff. „Wir müssen in der Lage sein, gegen Hacker auch mal zurückzuschlagen.“

Im Kampfanzug: Meik Kotthoff empfängt den Besuch gut gelaunt in seinem Dienstzimmer in Frankenberg.

Neu sind zwei weitere Aufgabenfelder für die Computer-Spezialisten: In der „NATO-Speerspitze“, der schnellen Eingreiftruppe, sind die Frankenberger ab 2018 bis mindestens 2020 mit 60 Mann vertreten. Der Verband gehört dem neu aufgestellten Kommando Cyber- und Informationsraum an. „Das ist unsere höchste Führungsebene“, sagt der Oberstleutnant mit Stolz in der Stimme. „Ich unterstehe direkt einem Ein-Sterne-General.“

Der Beruf verlangt dem Uniformträger und seinen Angehörigen einiges ab. Zumal sich die Ausgangslage völlig verändert hat. Als sich Männer wie Meik Kotthoff zum Bund verpflichteten, gab es noch Wehrpflicht und kalten Krieg. An Auslandseinsätze war noch nicht zu denken.

„Wenn mir 1990 einer gesagt hätte, ich wäre am 8. Februar 2002 in Kabul“, sinniert Kotthoff, „ich hätte es nie geglaubt“. An diesem Tag begann sein erster Einsatz für die internationale Friedenstruppe ISAF in Afghanistan. Von Glück konnte der damalige Kompaniechef sprechen, dass sein zweiter Kabul-Einsatz erst Anfang August 2003 begann. 

Wenige Wochen zuvor, am 7. Juni 2003, erlebte die Bundeswehr die schwärzeste Stunde ihrer Friedenseinsätze: Ein Selbstmord-Attentäter ließ 150 Kilo Sprengstoff an einem Bus ihres Verbandes hochgehen. Vier tote und 29 verletzte Bundeswehr-Soldaten wurden beklagt. „Wir wollten dort eigentlich nur helfen“, sagt Kotthoff. „Aber unsere Einsätze entwickelten sich zu einem Kampf gegen die Taliban.“

Bis zu vier Monate dauerten seine bisher sechs Dienste im Ausland: vier Mal Afghanistan, außerdem Kosovo und Bosnien-Herzegowina. Nicht auszudenken, was seine Frau Margit für Ängste ausgestanden hat. „Sie muss sich immer wieder fragen: Kommt er wieder nach Hause?“ Kein schöner Gedanke. „Aber ich habe mich nun mal für diesen Beruf entschieden.“ 

Und streng genommen sei der Einsatz der Normalfall für den Soldaten. „Zur Zeit sitzen vier meiner Männer in Kundus. 10 bis 15 Soldaten aus Frankenberg sind ständig weltweit im Einsatz.“ Nicht immer werde er vor leichte Entscheidungen gestellt, deutet Kotthoff an. „Ich muss teilweise gegen meinen Willen Befehle erteilen.“

Trotzdem: „Der Beruf macht mir Spaß wie am ersten Tag“, sagt Frankenbergs oberster Soldat. „Man wächst da rein. Und vielleicht bekomme ich ja noch ein Sternchen mehr zum Oberst.“ Dafür muss er aber Frankenberg verlassen, spätestens im März 2019. Im Laufe dieses Jahres fällt die Entscheidung: Welche Funktion wird er künftig übernehmen? Und: Wer wird sein Nachfolger? „Vermutlich gehe ich in den Raum Köln/Bonn“, sagt er. Eine Rückkehr nach Frankenberg sei danach ausgeschlossen.

Fest steht bereits: Der Bart bleibt dran. Er ist so geschnitten, dass er problemlos in die ABC-Schutzmaske passt, sagt er. Auch als Vorgesetzter „sehe ich die Haar- und Bartordnung nicht mehr so eng“. Tätowierungen in Maßen lässt er durchgehen. Und der Führungston habe sich deutlich verändert. 

Und Meik Kotthoff würde sich wünschen, dass Soldaten wieder präsenter in der Öffentlichkeit wären. Kaum ein Bürger erkenne mehr den Dienstanzug mit seinen Schulterklappen. Einmal, so erinnert sich der Oberstleutnant, wurde er auf einem Bahnsteig für einen Schaffner gehalten und nach Auskunft gefragt.

Hintergrund: Meik Kotthoffs Karriere

Meik Kotthoff scheint seinen Aufstieg manchmal selbst kaum zu glauben. Vom Offiziersanwärter über Leutnant (1993), Oberleutnant (1996), Hauptmann (1999) und Major (2005) hat er es zum Oberstleutnant (2010) gebracht. Seit 2015 ist der 47-Jährige Kommandeur in Frankenberg. 

Dabei habe er vorher nur wenig gewusst von seinem Beruf, erzählt der Bataillonskommandeur. „Etwas mit Menschen“ wollte er arbeiten. Verantwortung für andere übernehmen. Schon der jugendliche Meik war Klassensprecher und Fußball-Kapitän. 

Den letzten Schliff in Menschenführung holte sich der Offizier während des Pädagogikstudiums an der Bundeswehr-Universität in Hamburg. Abschluss mit Diplom Ende 1997. Da war seine Tochter (heute 21) schon geboren. Der Sohn (19) kam im Jahr darauf zur Welt. Das Ehepaar Kotthoff beschloss, in Adorf sesshaft zu werden. Soweit das überhaupt geht in diesem Beruf. Einheiten und Dienstorte wechseln. Nur regelmäßige Versetzungen führen nach oben. Trotzdem kauften sie ein Haus in der Diemelsee-Gemeinde. Die Familie sollte wissen, wo sie hingehört. Der Soldat kam oft nur am Wochenende in die Heimat.

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