Zum Tag der Deutschen Einheit

Lehrer-Interview: Die meisten Schüler wissen wenig über die DDR

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Behandeln die deutsche Einheit im Unterricht: Die Geschichtslehrer Timo Holland-Jopp, Kevin Kulss und Barbara Bonzel von der Frankenberger Burgwaldschule bereiten Schüler auf Exkursionen vor, die zum Beispiel nach Berlin führen, ins Grenzmuseum Schifflersgrund an der Werra und zum Grenzweg auf dem Brocken. Literatur, Schulbuch und Landkarte machen es den Schülern leichter, die Geschichte der DDR bis hin zur Wiedervereinigung zu verstehen. 

Frankenberg. Ab wann ist ein Ereignis Geschichte? Die Wiedervereinigung Deutschlands vor 25 Jahren ist Geschichte und damit Teil des Unterrichts an Schulen. 

Die Geschichtslehrer Kevin Kulss und Barbara Bonzel von der Burgwaldschule - Realschule in Frankenberg - erklären im Gespräch mit unserer Zeitung, welchen Stellenwert das Thema im Unterricht hat.

Der 3. Oktober ist der Tag der Deutschen Einheit. Inwiefern wird das Thema in der Schule behandelt?

Barbara Bonzel: Das wird in den Jahrgangsstufen neun und zehn behandelt.

Kevin Kulss: Das ist Teil der Fachschaft Geschichte, manchmal klingt das Thema auch in PoWi (Politik und Wirtschaft) an.

Seit wann ist das Bestandteil des Geschichtsunterrichts? 25 Jahre sind ja noch keine Ewigkeit.

Bonzel: Ich erinnere mich, dass die Wiedervereinigung 2008 im neuen Schulbuch thematisiert wurde.

Kulss: Am Anfang gab es immer eine aktuelle Unterrichtsstunde zum Tag der Deutschen Einheit in PoWi. Das ist aber merklich zurückgegangen.

Bonzel: In PoWi werden eher aktuelle Themen behandelt. Zurzeit überlagert das Flüchtlingsproblem alles andere. Dieses aktuelle Thema brennt den Schülern auf den Nägeln.

Kulss: Ja, das hat die deutsche Einheit dieses Jahr in den Schatten gestellt.

Bonzel: Trotzdem spielen die Teilung und Einheit Deutschlands und die DDR fächerübergreifend immer wieder eine Rolle. Im Dezember fahren wir mit Zehntklässlern zu einer Gedenkstätte in Torgau, wo „unangepasste“ Jugendliche inhaftiert und gequält wurden, und nach Leipzig auf den Spuren der Ereignisse von 1989 (Montagsdemonstrationen).

Welchen Stellenwert hat die Wiedervereinigung im Vergleich zu anderen Geschichtsthemen im Lehrplan?

Kulss: Als ich Schüler war, war der Nationalsozialismus in jeder Jahrgangsstufe präsent. Das ist heute nicht mehr so. Jetzt ist das ein Schwerpunktthema in Klasse zehn. Die Zeit im Unterricht ist zu knapp, um bis zur Wiedervereinigung Deutschlands die Geschichte zu vertiefen. Deshalb haben wir in der Fachschaft beschlossen, dass wir bei den frühen Themen Antike und Mittelalter kürzen müssen.

Bonzel: Die Geschichte geht schließlich weiter. Die jüngeren geschichtlichen Themen haben einen starken Bezug zu heute, und sie sind wichtig, um zu verstehen, warum es zu bestimmten Konflikten in der Welt gekommen ist.

Welches Vorwissen haben die Schüler in Bezug auf den 3. Oktober?

Bonzel: Einige haben Eltern oder Verwandte, die aus den neuen Bundesländern stammen. Sie wissen, dass es zwei deutsche Staaten und die Wiedervereinigung gab. Die meisten wissen aber wenig über die Zustände in der DDR und den Alltag damals.

Sind da auch die Eltern gefragt, Geschichte zuhause zu vermitteln?

Kulss: Die Eltern sollten generell zuhause über zeitgeschichtliche Themen sprechen. Das könnte mehr sein. Wir merken, dass nur wenige Schüler Nachrichten schauen und lesen. Vor zehn Jahren konnten wir noch erheblich mehr Wissen voraussetzen.

Bonzel: Es gibt sehr gute Filme wie „Das Leben der Anderen“ und die aktuelle TV-Serie „Weissensee“, die deutsche Geschichte vermitteln. Eltern können das zur Hilfe nehmen und mit den Kindern darüber sprechen. Es wäre wichtig, dass man zuhause gemeinsam seriöse Nachrichten schaut. Auf Tablets und Smartphones, die heute viele nutzen, gibt es für die Jugendlichen zu viel Ablenkung, und die Allgemeinbildung leidet darunter.

Wie sind denn der Bezug und das Interesse der Schüler am Thema Wiedervereinigung? Sie haben das ja nicht mehr erlebt.

Kulss: Sie kennen die Ausdrücke Neue Bundesländer, Ossi, Wessi und Dunkeldeutschland nicht mehr. Das ist positiv, weil sie Unterschiede zwischen den ehemaligen beiden Teilen nicht so sehen. Was ich als Nachteil betrachte, ist, dass für die meisten Freiheit selbstverständlich geworden ist und sie nicht zu schätzen wissen, was mit der Wiedervereinigung errungen wurde.

Bonzel: Vielen ist gar nicht klar, dass die DDR eine Diktatur war. Das ist dann Thema im Unterricht und wird besonders bei unseren Exkursionen deutlich. Fahrten an die ehemalige Grenze und zu Gedenkstätten sind für die Kinder anschaulicher als die Theorie im Schulbuch. Bei der Wiedervereinigung gibt es den Vorteil, dass es Zeitzeugen gibt, die authentisch erzählen können.

Mehr zum dem Thema und weitere Geschichten über die Deutsche Einheit aus Frankenberger Sicht lesen Sie in der gedruckten Samstagsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

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