Staatsarchiv zeigt Ausstellung

„Monuments Men“ in Marburg: Kunst, die den Krieg überlebte

Versprengte Kunstschätze aus ganz Deutschland: Kurator Marco Rasch präsentierte einige berühmte Beispiele der 1945 in Marburg im „Central Collecting Point“ gesicherten Kulturgüter bei der virtuellen Eröffnung der Ausstellung. Alle diese Werke wurden damals verzeichnet, teilweise restauriert und vor Rückgabe vom Bildarchiv
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Versprengte Kunstschätze aus ganz Deutschland: Kurator Marco Rasch präsentierte einige berühmte Beispiele der 1945 in Marburg im „Central Collecting Point“ gesicherten Kulturgüter bei der virtuellen Eröffnung der Ausstellung. Alle diese Werke wurden damals verzeichnet, teilweise restauriert und vor Rückgabe vom Bildarchiv

Eine Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv in Marburg dokumentiert, wie die US-Siegermacht 1945 nach Kriegsende in Marburg das Preußische Staatsarchivgebäude als Sammelstelle, „Central Collecting Point“ einrichtete, tausende von geborgenen Kunstobjekten und Raubgut zusammentrug und schützte.

Marburg/Bad Wildungen – In Kriegen werden seit Jahrhunderten nicht nur Menschen getötet, sondern auch ihre Kulturgüter vernichtet, geschändet oder geraubt. Das konnte selbst die „Haager Landkriegsordnung“ von 1899, seitdem immer wieder modifiziert und seit 1954 mit Konvention zum Schutz des Kulturguts, bis heute nie gänzlich verhindern. Danach muss der Feind bei der Besetzung eines Landes für die Erhaltung dieser Objekte sorgen.

Entsprechend handelte auch die US-Siegermacht, die 1945 zwei Monate nach Kriegsende in Marburg das 1938 neu erbaute Preußische Staatsarchivgebäude als Sammelstelle, „Central Collecting Point“ einrichtete, tausende von geborgenen Kunstobjekten und Raubgut zusammentrug und schützte. Darüber berichtet derzeit eine Ausstellung im Hessischen Staatsarchiv in Marburg.

Unter Aufsicht entladen: Fast täglich trafen 1945/46 am Marburger Staatsarchiv Bilder, Skulpturen oder andere wertvolle Kulturgüter ein. Von Marburg aus inspizierten die US-Kunstoffiziere Bergwerke, Bunker und Stollen, in denen teilweise auch Raubkunst aus jüdischem Eigentum eingelagert worden war.

Das nationalsozialistische Regime hatte während des Zweiten Weltkriegs mit rasch steigender Destruktionskraft der Luftangriffe bereits umfangreiche Maßnahmen für den Kunstschutz getroffen und Kunstgüter aus den Städten abtransportiert. So wurden unter vielen anderen Kulturgütern aus Marburg der Elisabethschrein nach Kloster Haina, die Kunstwerke der Elisabethkirche (ebenso wie die Glasfenster der Frankenberger Liebfrauenkirche) in den Bunker Breiter Hagen nach Bad Wildungen gebracht.

Dem dortigen Druckereibesitzer Felix Pusch übertrug man am 15. Februar 1943 mit Schlüsselübergabe die Aufsicht, wie ein Dokument in der Ausstellung zeigt. Wertvolle Archivurkunden wurden ebenfalls in Bad Wildungen sowie in Bergwerksstollen bei Helmstedt oder Dorndorf eingelagert.

Es gab relativ wenige Schäden an diesem Archivgut, aber auch Vorfälle wie diesen: „Es fielen Akten aus dem Politischen Archiv Landgraf Philipps des Großmütigen im Dezember 1944 vom Lastwagen, als sie von Bad Wildungen nach Grasleben transportiert wurden. Man fand sie im Februar 1945 im Straßengraben wieder“, bemerkt Dr. Katrin Marx-Jaskulski, die diesen Teil der Ausstellung betreute.

Felix Pusch in Bad Wildungen als „Bunkerwart“: Er war dort am Februar 1943 für die im Bunker am Breiter Hagen eingelagerten Kunstschätze aus der Region verantwortlich, wie dieses Schriftstück in der Ausstellung berichtet.

In den USA befürchteten Kunsthistoriker schon frühzeitig, dass das europäische Kulturerbe durch die massiven Kriegshandlungen stark leiden könnte. Man setzte Kunstschutz-Kommissionen ein, die auch dem von den Alliierten beobachteten groß angelegten Kunstraub durch den Einsatzstab NS-Reichsleiter Rosenberg nachgingen.

Unmittelbar mit den Frontlinien der vorrückenden US-Armee folgten ausgebildete Kunstschutz-Offiziere, gern „Monuments Men“ genannt, die zielstrebig in der Trümmerlandschaft Deutschland gefährdete, versteckte oder geraubte Kunstgüter aufspürten. Den beiden Kunstschutz-Offizieren George Stour und Walker Hancock erschien die Universitätsstadt Marburg mit den Denkmälern Landgrafenschloss, Elisabethkirche und von Bomben nur leicht beschädigtem Staatsarchiv, dazu erfahrenen Denkmalpflegern wie Friedrich Bleibaum oder Bildarchivleiter Richard Hamann als idealer Ort für einen „Central Collecting Point“ für gerettete Kunstschätze. Schon im Mai 1945 trafen die ersten Objekte in Marburg ein.

Im Marburger Sammelpunkt, der als Vorbild für weitere in Wiesbaden und München fungierte, wurden die Kunstgegenstände katalogisiert, wenn nötig restauriert und mit vielen tausend Fotos dokumentiert. Wertvollste Gemälde durften von erlesenem Marburger Publikum bereits bei kleinen Ausstellungen besichtigt werden.

„Die Arbeit der ‚Monuments Men’, des Personals im Bildarchiv Foto Marburg und im Staatsarchiv Marburg 1945/46 war unter den gegebenen Zeitumständen in der Bilanz eine Erfolgsgeschichte“, erklärten Prof. Dr. Hubert Locher und Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß zur Ausstellung. „Es ist unser gesellschaftlicher Auftrag, uns unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen ebenso engagiert für den Kulturschutz einzusetzen, wo immer Kulturgut gefährdet ist.“

Geschichte mit George Clooney verfilmt

Der Einsatz der Kunstschutz-Offiziere, „Monuments Men“ genannt, wurde auch verfilmt. „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“ (Originaltitel „The Monuments Men“) ist ein deutsch-amerikanischer Spielfilm, der am 4. Februar 2014 seine Premiere hatte. Regie führte George Clooney, der auch die Hauptrolle übernahm. Weitere namhafte Schauspieler wie Matt Damon, Bill Murray, John Goodman, Bob Balaban, Cate Blanchett oder Justus von Dohnányi wirkten mit. jun Quelle: Wikipedia

Begleitband und digitale Ausstellung

Zur Ausstellung „Das Marburger Staatsarchiv als Central Collecting Point“ ist unter diesem Titel von Eva Bender und Marco Rasch ein 96-seitiger Begleitband mit Beiträgen von Tanja Bernsau, Susanne Dörler, Sonja Feßel, Iris Lauterbach und Katrin Marx-Jaskulski erschienen. Er ist erhältlich im Staatsarchiv oder im Buchhandel, ISBN 978-3-88964-224-0, zum Preis von 10 Euro. Die Ausstellung ist im Foyer des Staatsarchivs bis zum 12. September, soweit wegen der Pandemie möglich, geöffnet, oder in digitaler Form „Monuments Men in Marburg“ zu sehen. landesarchiv.hessen.de/ausstellung_monuments-men

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