Den Tod in Kauf genommen

Nach Messerstich in Frankenberg: 22-Jähriger erhält Bewährungsstrafe 

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Tatort: Hier in der unteren Fußgängerzone in Frankenberg fand inder Nacht zum 1. Mai 2016 der Streit statt.

Ein 22-jähriger Marburger ist vom Landgericht Marburg wegen versuchten Totschlags zu einer zweijährigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden.

Er hat in der Nacht zum 1. Mai 2016 in der Frankenberger Fußgängerzone einen Mann mit einem Küchenmesser lebensgefährlich verletzt. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.

Einig waren sich alle Beteiligten am Ende des mehrtägigen Prozesses, dass bei dem damals 20-Jährigen als Heranwachsendem auf Empfehlung der Jugendgerichtshilfe noch Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen kann.

Das war passiert

Einigkeit herrschte weitgehend auch darüber, was seinerzeit passiert ist. So stand letztlich auch für die große Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Thomas Wolf fest, dass der Angeklagte zusammen mit Freunden in seiner damaligen Wohnung in der Fußgängerzone gefeiert hat, als eine Gruppe von Menschen an dem Haus vorbei kam. Weil der Angeklagte das Fenster aufgemacht habe, um zu lüften, sei diese auf ihn aufmerksam geworden.

Jemand, wahrscheinlich das spätere Opfer, so Wolf habe sicher auch das Wort „Nigger“ gerufen, was den dunkelhäutigen jungen Mann zu Recht geärgert habe. Dann sei er der Aufforderung, nach unten zu kommen, nachgekommen, nachdem er sich mit einem Küchenmesser mit etwa 15 Zentimeter Klingenlänge bewaffnet hatte – wegen der Überzahl, wie er selbst sagte.

Am letzten Verhandlungstag war noch ein Zeuge per Videokonferenz aus Polen vernommen worden, der damals dabei war. Er bestätigte, dass der Geschädigte nach einem kurzen verbalen Disput dem Angeklagten einen Kopfstoß versetzt habe, der daraufhin sofort zustach.

Das Urteil

Bei der strafrechtlichen Bewertung gingen die Meinungen weit auseinander. Staatsanwalt Nicolai Wolf forderte drei Jahre wegen versuchten Totschlags, Verteidiger Sascha Marks Freispruch wegen Notwehr. Die Kammer vertrat letztlich die Auffassung der Anklage. Zwar sei die Provokation aus der Gruppe auf der Straße ausgegangen, was neben der Alkoholisierung des Mannes im relativ milden Strafmaß auch Niederklang fand, jedoch hätte der Marburger trotz des rechtswidrigen Angriffs durch den Kopfstoß nicht derart das Leben bedrohend reagieren dürfen. Vergeblich wies Marks darauf hin, dass sich die beiden sehr nahe gegenüberstanden, dass ein gezielter Stich gar nicht möglich gewesen sei.

Die Begründung

Auch vom Gesetz vorgesehene Strafbefreiung durch Angst, Furcht oder Schrecken, die Marks ins Feld führte, könne keine Rede sein, so Wolf. „Er hat selbst gesagt, so etwas darf ich nicht auf mir sitzen lassen“, er habe also gewusst, was ihn unten erwartet.

In jedem Fall, so der Richter, liege eine bedingte Tötungsabsicht vor, auch wenn der Angeklagte den Kontrahenten nicht bewusst töten wollte, so habe er dessen Tod durch den Stich in den Oberkörper doch billigend in Kauf genommen.

Bewährung sei bei den zwei Jahren möglich, befand das Gericht. Der junge Mann sei nicht einschlägig aufgefallen und auch nach der Tat habe der Marburger mit Ausbildung und Beziehung ein ganz normales Leben geführt, so Wolf. „Deshalb kann es keine Frage geben, ob die Kriminalprognose günstig ist.“ 

Von Heiko Krause

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