Menschenversuche mit Tuberkulose

Nachforschungen belasten Frankenberger SS-Arzt Dr. Loderhose

Dr. August Loderhose: Das Foto stammt aus dem Jahr 1968.

Frankenberg. Der Frankenberger Internist und Lungenfacharzt Dr. August Loderhose (1908-1982) war nicht nur ein hoch dekoriertes, zugleich intern wegen „Charakterschwäche“ aktenkundiges Mitglied der Waffen-SS, sondern er war auch im NS-Konzentrationslager Sachsenhausen beteiligt, als an Häftlingen Menschenversuche mit Tuberkulose vorgenommen wurden.

Für den Berliner Politologen Manfred Jambroschek, der dazu Unterlagen im Bundesarchiv Berlin sowie Untersuchungen der Medizinhistorikerin Dr. Christine Wolters (Universität Hannover) heranzog, ist es deshalb unvertretbar, dass in Frankenberg weiterhin eine Straße an diesen Täter erinnern darf.

Mit Straßennamen will eine Stadt verdiente Bürger oder große Persönlichkeiten der Zeitgeschichte ehren. Darum widmete Frankenberg im Mai 1982 dem „Facharzt für innere Krankheiten in Frankenberg 1948- 1976“, so das Schild, die „Dr.-Loderhose-Straße“ im Neubaugebiet Umkreis. Würdigen wollte man damit nicht nur, dass August Loderhose „sich als Mensch, Arzt und Soldat außerordentlich bewährte und hoch dekoriert wurde“, sondern dass er später auch von seinen Frankenberger Patienten „als ein Mensch, der unter einer rauhen Schale Herzlichkeit und urwüchsigen Humor verbarg“ geschätzt war.

Straßenschild am Sauren Morgen: Die Inschrift erwähnt nur die Nachkriegsjahre des Dr. Loderhose. Foto:  Völker

Neuere Forschungen in Berlin zeigen, dass das Lebensbild dieses aus Frankenberg stammenden Mediziners ganz dunkle Flecken hat. Der Politologe und pensionierte Gymnasiallehrer Manfred Jambroschek, ehemaliger Edertalschüler, stieß auf Loderhose, als er sich in der Kinemathek des Berliner Filmmuseums noch einmal die sozialkritische NDR-Dokumentation von Theo Gallehr (1929-2001) „Der deutsche Kleinstädter“ ansah.

Dieser Film von 1968, der später mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, sorgte damals bundesweit für heftige Reaktionen. Man hatte einen werbewirksamen Heimatfilm erwartet und fühlte sich nun plötzlich diffamiert (Landrat Kohl: „Hinterhältiges Machwerk!“). Das Frankenberger Stadtarchiv bewahrt dazu noch sämtliche Zuschauer- und Leserbriefe auf.

Manfred Jambroschek gehörte zu den Abiturienten, die im Film ihre Kritik an den kleinstädtischen Eliten Frankenbergs und ihrem mangelnden Verständnis für eine politisch aufbegehrende Jugend geäußert hatten. Die Jugendlichen „sollen sich nicht mit Politik befassen oder sonstigem Schiss“, riet in einer Stammtisch-Szene Dr. August Loderhose. „Die Nazi-Vergangenheit einiger städtischer Wortführer und Mandatsträger ist damals völlig totgeschwiegen worden", sagt Jambroschek.

Umso entsetzter war er, als er jetzt in dem neuen Buch der Medizinhistorikerin Dr. Christine Wolters über „Tuberkulose und Menschenversuche im Nationalsozialismus“ auf August Loderhose als beteiligtem SS-Arzt im KZ Sachsenhausen stieß. Im Bundesarchiv studierte er die Akten des am 31. Januar 1908 in Frankenberg geborenen Mediziners, der seit 1. März 1933 Mitglied der NSDAP war, seit 1. Juni 1933 der SS angehörte und ab 1940 als mehrfach ausgezeichneter Truppenarzt der berüchtigten SS-Division Wiking angehört hat. Ein SS-Feldgericht warf dem SS-Hauptsturmführer Loderhose am 27. September 1944 die Vergewaltigung einer estnischen Krankenschwester vor, die daraufhin einen Selbstmordversuch unternahm.

„Freiwillig als SS-Arzt im KZ zu arbeiten, war immer auch eine positive Stellungnahme für das System. Schon das würde in meinen Augen August Loderhose disqualifizieren, wenn es um die Ehrung durch eine Straßenbenennung geht“, erklärte die Medizinhistorikern Dr. Christine Wolters.

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