Nur ein Klingeln entfernt

Telefonseelsorge Marburg/Frankenberg sucht ehrenamtliche Mitarbeiter

Neue Besetzung: Trägervereinsvorsitzender Harald Henkel (Frankenberg) und Geschäftsführerin Doris Möser-Schmidt (Marburg) von der Telefonseelsorge Marburg, die auch für das Frankenberger Land zuständig ist.
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Neue Besetzung: Trägervereinsvorsitzender Harald Henkel (Frankenberg) und Geschäftsführerin Doris Möser-Schmidt (Marburg) von der Telefonseelsorge Marburg, die auch für das Frankenberger Land zuständig ist.

Die Telefonseelsorge Marburg, die auch für das Frankenberger Land zuständig ist, sucht freiwillige Mitarbeiter. 2000 Anrufe erreichen sie im Monat.

Waldeck-Frankenberg – „Niemand kann die Welt verändern, aber in einem Telefonat kann unglaublich viel passieren“, sagt Doris Möser-Schmidt. Die Psychologin aus Marburg weiß, wovon sie spricht, denn sie leitet bereits seit 2002 die Ausbildungsgruppe bei der Telefonseelsorge Marburg und ist jetzt dort die neue Geschäftsführerin.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Harald Henkel (Frankenberg), dem Ersten Vorsitzenden des Trägervereins der Telefonseelsorge Marburg und in dieser Funktion ebenfalls neu im Amt, möchte sie nicht nur Menschen mit Problemen ermutigen, anzurufen und das kostenlose, niedrigschwellige Angebot anzunehmen. Das neue „Führungsduo“ möchte auch weitere Mitarbeiter werben, die – nach entsprechender Schulung – bereit sind, sich ehrenamtlich in der Telefonseelsorge zu engagieren.

„Wir haben zirka 40 Mitarbeiter, brauchen aber eigentlich doppelt so viele“, sagt Doris Möser-Schmidt. Bei rund 2000 Anrufen im Monat sei es eine Herausforderung, die Dienste, die rund um die Uhr, sieben Tage die Woche gehen, zu bewältigen, sagt die 59-Jährige.

„Wir können nur 30 Prozent der Anrufe abdecken“, ergänzt Harald Henkel, „wenn bei uns besetzt ist, wird der Anrufer aber automatisch an eine andere freie Stelle der Telefonseelsorge weitergeleitet.“ Zuständig ist die Telefonseelsorge Marburg unter anderem für alle Kunden, deren telefonische Vorwahl mit der Ziffernfolge 0645 beginnt. Abgedeckt wird das Gebiet Frankenberg, Marburg und Schwalmstadt.

„Wir sind nur ein Klingeln entfernt“, betont die Geschäftsführerin auch mit Blick auf Corona. Gerade in den ersten Wochen nach dem „Lockdown“ sei das Anrufvolumen um 30 Prozent angestiegen. Das Virus selbst sei aber oft nur ein „Aufhänger“ des Gesprächs. Neben Menschen in akuten Lebenskrisen riefen zu einem großen Teil Menschen an, die einsam seien. „Da sind wir oft die einzigen Ansprechpartner“, sagt Doris Möser-Schmidt. Wichtiges Thema seien auch Beziehungsfragen, ergänzt Harald Henkel und betont, dass man die Bedeutung der Telefonseelsorge keinesfalls geringschätzen dürfe. Häufig seien es Frauen, die anriefen und diese seien oft „systemrelevant“ in ihrer Familie. Er sei immer wieder begeistert davon, welche Wirkungen es auf einen Menschen habe, wenn man einfach nur zuhöre und dem Gesprächspartner das Gefühl gebe: Hier kann ich sprechen, man nimmt mich ernst, sagt Harald Henkel.

Die Telefonseelsorge sei ursprünglich als Beratung für „Lebensmüde“ gegründet worden. Tatsächlich seien es aber nur ein bis drei Prozent Anrufer mit Suizidgedanken, sagt Geschäftsführerin Doris Möser-Schmidt.

„Anrufer schenken uns großes Vertrauen“

„Es ist eine sehr lohnende Arbeit“, sagt Harald Henkel. Er spüre oft, „dass was zurückkomme“ vom Anrufer und das betrachte er als Privileg, sagt der 63-Jährige, der schon seit acht Jahren in der Telefonseelsorge tätig ist. „Der Anrufer schenkt uns ein großes Vertrauen und lässt tief in sein Leben blicken.“

„Wer bei der Telefonseelsorge arbeiten möchte, sollte schon ein bisschen Lebenserfahrung mitbringen“, sagt Doris Möser-Schmidt. Das Mindestalter betrage 25 Jahre. Der „klassische Telefondienst“ sei eher für „reifere Menschen“ geeignet. „Wir wollen aber auch mehr in die Chat-Seelsorge einsteigen und dafür brauchen wir auch jüngere Menschen“, sagt die Geschäftsführerin.

Oftmals handele es sich bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern um Menschen, die selbst eine Lebenskrise gemeistert hätten, berichtet Möser-Schmidt. „Wichtig ist allerdings dann, dass sie sie auch verarbeitet haben.“ Gerade die Hilfe von „Mensch zu Mensch“ habe noch mal eine ganz andere Qualität als die Inanspruchnahme professioneller Hilfe. Es gehe nicht darum, im Gespräch sofort alle Probleme zu lösen, sondern dem Anrufer guten Rat zu geben und ihn zu motivieren.

Wer sich für eine Mitarbeit in der Telefonseelsorge interessiere, erhalte eine kostenlose, 120 stündige „sehr gute“ Ausbildung, so Möser-Schmidt. „Dafür erwarten wir dann aber auch, dass sich derjenige für eine zweijährige Mitarbeit verpflichtet.“ Zusätzlich würden Supervision und regelmäßige Fortbildungen für die Mitarbeiter angeboten. Gearbeitet werde von einem Büro in Marburg aus in vier Schichten am Tag. „Die Anrufe werden in geschlossenen, schalldichten Zimmern entgegen genommen. Die Telefonnummern sind dabei unterdrückt.“

Wer Interesse hat, ehrenamtlich in der Telefonseelsorge mitzuarbeiten, wendet sich an: Telefonseelsorge Marburg, Vorsitzender Harald Henkel, Tel. 06451/1257, kontakt@telefonseelsorge-marburg.de Von Susanna Battefeld

Die Telefonseelsorge ist ein Seelsorgeangebot der evangelischen und katholischen Kirche. Sie ist über das deutsche Festnetz und per Handy erreichbar unter den bundeseinheitlichen Rufnummern: 0800/1110111 und 0800/1110222 – rund um die Uhr, gebührenfrei, vertraulich und anonym. Wer sich etwas von der Seele reden will, findet bei der Telefonseelsorge Menschen, die zuhören, sich einlassen, die raten und helfen. Wo es nötig und gewünscht ist, werden die Mitarbeiter der Telefonseelsorge auf weitere Hilfsangebote verweisen. 

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