NVV rechtfertigt sich

Er wollte nur das Wechselgeld für ein Bus-Ticket: Tagelange Odyssee durch NVV-Verwaltungsstellen

Abdalla Ali Suleman (rechts) steht mit seinem Arbeitskollegen Martin Huhn an der Haltestelle der Linie 540 in Röddenau. Dort wollte er am 8. Oktober in den Bus einsteigen und erhielt statt Wechselgeld eine Restgeldquittung.
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Abdalla Ali Suleman (rechts) steht mit seinem Arbeitskollegen Martin Huhn an der Haltestelle der Linie 540 in Röddenau. Dort wollte er am 8. Oktober in den Bus einsteigen und erhielt statt Wechselgeld eine Restgeldquittung.

Abdalla Ali Suleman wollte im Bus mit einem 50-Euro-Schein bezahlen. Statt Wechselgeld bekam er eine Restgeldquittung, die erst acht Tage später eingelöst werden konnte.

Röddenau – Abdalla Ali Suleman und Martin Huhn sind ein eingespieltes Team. Sie fahren jeden Morgen zusammen mit dem Auto von Röddenau in die Viessmann-Werke in Allendorf, wo sie als Hausmeister bei der Firma Kinkel angestellt sind.

Doch am Morgen des 08.10.2020 muss Huhn zu einem Rotes-Kreuz-Lehrgang und kann Suleman nicht mitnehmen. Daher möchte der gebürtige Eritreer Suleman, der seit 2014 in Deutschland lebt, diesmal den Bus nehmen. Pünktlich um 6.10 Uhr fährt die Linie 540 an der Haltestelle Röddenau vor, und Suleman kramt einen 50-Euro-Schein aus seiner Brieftasche, um das Busticket zu bezahlen. Es soll 3,50 Euro kosten.

Nicht genügend Wechselgeld

Der Busfahrer teilt Suleman jedoch mit, dass er nicht genügend Wechselgeld mitführe, um ihm die 46,50 Euro zurückzuzahlen, und stellt ihn vor die Wahl: Entweder solle er den Bus verlassen oder mit einer Restgeldquittung vorlieb nehmen. Suleman bietet dem Busfahrer an, in zwei Minuten das nötige Kleingeld aus der Wohnung seines Arbeitskollegen Martin Huhn zu besorgen. Doch der Busfahrer möchte nicht warten – Suleman aber auch nicht den späteren Bus nehmen, denn er muss rechtzeitig zur Arbeit kommen. Daher bezahlt er mit dem 50-Euro-Schein das Ticket und bekommt eine Quittung ausgestellt, die er sich laut Aussage des Busfahrers im 40 Kilometer entfernten Marburg auszahlen lassen könne.

Suleman findet später heraus, dass eine Fahrt nach Marburg bereits 11 Euro für die Einzelfahrt bzw. 17,50 Euro für die Tageskarte kosten würde. Damit wäre mehr als ein Drittel der Rückzahlungssumme bereits aufgebraucht.

Daraufhin nimmt sich sein Arbeitskollege Martin Huhn der Sache an und ruft beim Nordhessischen Verkehrsverbund (NVV) an. Dort nimmt man seine Beschwerde auf und verweist ihn an den Schalter im Frankenberger Bahnhof, wo er die Quittung ebenfalls einlösen könne.

Kein Geld am Schalter in Frankenberg

Doch dort wird Huhn abgewiesen: Die Tageskasse sei schon geschlossen, sagte ihm der Schaltermitarbeiter, und er könne auch nicht versprechen, dass er das Geld am folgenden Tag auszahlen könne, weil unter Umständen wieder kein Geld da wäre.

Huhn ruft daraufhin abermals den NVV an und wird weitergeleitet an die Arbeitsgemeinschaft Linienverkehr Oberhessen (ALV), die die Linie 540 im Auftrag des NVV fährt. Dort erklärt man ihm, dass nicht das Busunternehmen, sondern der NVV für sein Anliegen zuständig sei. Zudem könne man sich nicht erklären, wieso der Busfahrer bei Fahrtantritt nicht genügend Wechselgeld dabei gehabt habe. Außerdem gelte eine Personenbeförderungspflicht, sodass der Busfahrer Suleman gar nicht hätte stehen lassen dürfen.

Huhn telefoniert daraufhin erneut mit dem NVV, wo man ihm vorschlägt, dass er ein Formular im Internet ausfüllen könne, um das Geld für seinen Kollegen zurückzuerhalten. Doch Huhn besitzt keinen PC und die Eingabe am Smartphone ist ihm zu umständlich.

Erst acht Tage später Geld zurück

Letztlich, nach dem Hinweis unserer Zeitung, dass eine Auszahlung am Schalter in Frankenberg laut NVV in der Regel möglich sei, kann er am Freitag, 16.10.2020, – acht Tage nach der Busfahrt – das Rückgeld doch noch einlösen. Beim selben Mitarbeiter, der ihn zuvor abwies.

Doch warum dauerte es so lange? NVV-Pressesprecher Armin Noll hat in einer Stellungnahme auf unsere Fragen reagiert. Die Antworten geben wir in verkürzter Form wieder:

Stellungnahme NVV

Armin Noll, NVV-Sprecher
Hat sich der Busfahrer am Morgen des 08.10.2020 korrekt verhalten?
Der Fahrer hat gemäß der NVV-Tarifbestimmungen alles richtig gemacht. Dort heißt es in „§ 7 Zahlungsmittel“: „(1) Das Fahrgeld soll abgezählt bereitgehalten werden. Das Fahrpersonal ist nicht verpflichtet, Geldbeträge über 5 Euro zu wechseln und Ein-Cent-Stücke im Betrag von mehr als 10 Cent sowie erheblich beschädigte Geldscheine und Münzen anzunehmen. (2) Soweit das Fahrpersonal Geldbeträge über 5 Euro nicht wechseln kann, ist dem Fahrgast eine Quittung über den zurückbehaltenen Betrag auszustellen. Es ist Sache des Fahrgastes, das Wechselgeld unter Vorlage der Quittung bei der Verwaltung des Unternehmers abzuholen. Ist der Fahrgast mit dieser Regelung nicht einverstanden, hat er die Fahrt abzubrechen.“
Wie viel Wechselgeld haben die Busfahrer im NVV-Gebiet in der Regel bei sich?
Die Fahrer führen in der Regel zwischen 20 und 40 Euro Wechselgeld mit sich. Der besagte Bus war mit 50 Euro Wechselgeld gestartet.
Auf der Quittung steht: „Diese Restgeldquittung können Sie in allen NVV-Kundenzentren und NVV-InfoPoints einlösen.“ Wieso war das im Frankenberger Bahnhof zunächst nicht möglich?
Die Verkaufsstelle hat zu Corona-Zeiten nicht immer ausreichend Bargeld in der Kasse. Die Restgeldquittung, kann in der Regel jedoch in allen Verkaufsstellen eingelöst werden, sofern deren Kassenlage das ermöglicht.
Kommt es häufiger zu Beschwerden wegen Restgeldquittungen?
Derartige Beschwerden kommen nach Nolls Kenntnisstand nur drei- bis fünfmal im Jahr vor.
Gibt es die vom ALV-Mitarbeiter angeführte Personenbeförderungspflicht?
Nach der „Verordnung über die Allgemeinen Beförderungsbedingungen für den Straßenbahn- und Obusverkehr sowie den Linienverkehr mit Kraftfahrzeugen“ kann man nicht von einer Personenbeförderungspflicht sprechen. Zwar heißt es dort unter „§ 2 Anspruch auf Beförderung“: „Anspruch auf Beförderung besteht, soweit nach den Vorschriften des Personenbeförderungsgesetzes und den aufgrund dieses Gesetzes erlassenen Rechtsvorschriften eine Beförderungspflicht gegeben ist.“ Doch weiter heißt es unter „§ 6 Beförderungsentgelte, Fahrausweise“ sinngemäß, (1) dass die Beförderungsentgelte zu entrichten sind, (2) dass der Fahrgast beim Betreten des Fahrzeugs unverzüglich und unaufgefordert den Fahrausweis zu lösen hat, (3) dass der Fahrgast den zu entwertenden Fahrausweis dem Betriebspersonal unverzüglich und unaufgefordert zur Entwertung auszuhändigen hat bzw. ihn in Fahrzeugen mit Entwertern unverzüglich zu entwerten hat, (4) dass der Fahrgast den Fahrausweis bis zur Beendigung der Fahrt aufzubewahren und ihn dem Betriebspersonal auf Verlangen zur Prüfung vorzuzeigen oder auszuhändigen hat, (5) dass der Fahrgast von der Beförderung ausgeschlossen werden kann, wenn er seinen Pflichten (Absätze 2 bis 4) trotz Aufforderung nicht nachkommt. (Von Paul Bröker)

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