Interview mit dem Vorstand

Sängerkreis Edertal feiert 120. Geburtstag online

Mai 1903: Das Foto zeigt den Männergesangverein Frankenau bei seinem 40-jährigen Stiftungsfest. Unten in der Mitte mit Bart Dirigent Adolf Eymer, der 1901 die Gründung des Sängerkreises Edertal initiiert hatte.
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Mai 1903: Das Foto zeigt den Männergesangverein Frankenau bei seinem 40-jährigen Stiftungsfest. Unten in der Mitte mit Bart Dirigent Adolf Eymer, der 1901 die Gründung des Sängerkreises Edertal initiiert hatte.

Frankenberger Land – Der Sängerkreis Edertal wird am 17. März 120 Jahre alt. Im Interview sprechen Dieter Trollhagen und Martina Fackiner vom Vorstand über die Organisation und die Aufgaben des Verbandes.

Welche Aufgaben hat der Sängerkreis Edertal?

Der Sängerkreis wurde am 17. März 1901 gegründet, um das Chorwesen zu bündeln und weiterzuentwickeln. Der Sängerkreis kümmert sich unter anderem um Öffentlichkeitsarbeit, Chorleiterfortbildungen, Beratungssingen und Chorwettbewerbe sowie Workshops, zum Beispiel zur Stimmbildung. Er organisiert zentrale Veranstaltungen („Der Obermarkt singt“) und bietet Unterstützung bei der Vereinsarbeit durch die Organisation von Vorträgen wie zuletzt von Aerosolforscher Dr. Gerhard Scheuch. Auch die Ehrungen langjähriger Sänger und andere Auszeichnungen gehören zu den Aufgaben des Sängerkreises. Durch den Sängerkreis erfolgt die überregionale Zusammenarbeit mit dem Mitteldeutschen Sängerbund (MSB), was beispielsweise auch die GEMA-Abrechnung mit reduzierten Beiträgen ermöglicht.

Haben die Vereine auch Pflichten gegenüber dem Sängerkreis?

Die Möglichkeiten, die der Sängerkreis bietet, sind sicher so attraktiv, dass die Pflichten eher gering sind: Es sind Mitgliedsbeiträge an den Sängerkreis und die Dachorganisation MSB zu entrichten, außerdem steht ein Mal jährlich die Teilnahme an der Delegiertentagung an. Um die Ausrichtung der Kreissängerfeste kann sich jeder Chor bewerben und generiert dadurch entsprechende Teilnahme und Eintrittsgelder durch die Mitgliedschöre.

Wie hat sich das Chorwesen im Sängerkreis in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Zunächst gab es nur Männerchöre. 1974 kam mit der Harmonie Frankenberg der erste Frauenchor zum Sängerkreis. Heute sind es fünf Frauenchöre und zwei gemischte Chöre sowie elf Männerchöre. Die musikalische Weiterentwicklung erfolgte durch vermehrte Teilnahme an den Chorwettbewerben des MSB und mit dem Erwerb entsprechender Prädikate wie Leistungs-, Konzert- oder Meisterchor. Es gibt inzwischen einige Zusammenschlüsse von Chören zu Chorgemeinschaften und vermehrt Projektchöre. Die Chorliteratur ist moderner und anspruchsvoller geworden, es werden in allen Chören auch Lieder in Fremdsprachen gesungen.

Wie steht es aktuell in der Corona-Krise um die Gesangvereine und Chöre?

Die meisten Chöre haben ihre aktive Sängertätigkeit unterbrochen. Einige proben online per Zoom. Dafür werden Notenmaterial und Tonaufnahmen mit den Stimmen zum Üben verschickt. Einzeln aufgesungene Stimmen wurden zu einer Aufnahme zusammengefügt und in Gottesdiensten oder am Volkstrauertag abgespielt. Je nach Möglichkeiten wurde in großen Räumen und mit Hygienekonzepten geprobt oder im Freien mit Abstand. Manche Vereine haben sich Möglichkeiten des geselligen Beisammenseins im Freien gesucht. Kontakt halten die Sänger über Messengerdienste wie Whatsapp oder per Telefonkonferenzen.

Was kann der Sängerkreis tun, was tut er schon, um den Chören in und nach der Corona-Krise wieder auf die Beine zu helfen?

Wir versuchen den Kontakt zu den Vereinen telefonisch, per Mail, postalisch oder coronakonform persönlich zu halten. Zudem bieten wir beratende Unterstützung zum Beispiel zu Chorproben per Zoom oder vermitteln Angebote aus anderen Vereinen. Gesamtvorstandssitzungen erfolgen mit allen Vereinsvorsitzenden per Zoom und später auch möglichst wieder in Präsenz, um sich auszutauschen und gemeinsam neue Ideen umzusetzen. In Altenlotheim wurde ein Tag der offenen Tür veranstaltet, um eine Chorprobe mit Hygienekonzept und eine Online-Chorprobe zu zeigen. Wir stellen den Chören auch Hygienekonzepte zur Verfügung. Da die Chöre durch den Ausfall der Veranstaltungen keine Einnahmen haben, wurden die Beiträge seitens des Sängerkreises erlassen. Wir informieren über Spendenakquise und vermitteln Online-Seminare mit Themen rund um die Krise.

Viele Chöre in Waldeck-Frankenberg hatten auch schon vor der Corona-Krise Probleme. Es fehlt einigen Chören an jungen Sängern. Was können die Chöre dagegen tun?

Da ist Kreativität vor Ort gefragt. Am erfolgreichsten ist noch immer die Direktansprache. Man sollte es Interessierten leicht machen und sie herzlich willkommen heißen. Es macht Sinn, neuen Chormitgliedern einen „Paten“ möglichst in der eigenen Stimme zuzuordnen, der gerade am Anfang bei Fragen unterstützen kann oder vielleicht auch mal gemeinsam ein bekanntes Lied übt. Es ist wichtig, dass die Chöre attraktiv für neue Sänger und Sängerinnen sind. Dabei spielen nicht nur musikalische Motive, sondern auch zum Beispiel die Geselligkeit im Verein eine Rolle. Im Gegensatz zu früher wird das Einzugsgebiet der Chöre größer. Deshalb sollte jeder Chor eine gute Außendarstellung haben. Viele Vereine besitzen bereits eine eigene Homepage oder Facebook-Seite. Besonders jüngere Menschen informieren sich heute über die sozialen Plattformen. Eine positiv gestaltete Pressearbeit erreicht besonders Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die meistens wieder mehr Zeit für ein schönes Hobby haben.

Wie wird das Jubiläum gefeiert? Wegen Corona ist keine echte Feier möglich.

Das stimmt, auch da müssen wir auf das Internet ausweichen. Geplant ist eine anderthalbstündige Zoomkonferenz am 20. März ab 19 Uhr mit allen Vereinen und Gästen – genauso wie bei einer Präsensveranstaltung. Es gibt einen virtuellen Jubiläums-chor, bei dem viele Sängerinnen und Sänger aus dem Sängerkreis dabei sind. Jeder Verein bekommt die Möglichkeit, sich mit Bildern zu präsentieren und seinen Beitrag zum Gelingen zu leisten.

Soll ein Fest nachgeholt werden, wenn Corona vorbei ist?

In der derzeitigen Lage fällt eine Planung schwer. Deshalb wünschen wir uns eine tolle Präsensveranstaltung in spätestens fünf Jahren, wenn der Sängerkreis 125 Jahre wird.

Das sagt der Kreischorleiter

„Was sind die richtigen Lieder für unseren Chor? – Diese Frage stellen sich Vorstände und Chorleiter immer wieder“, sagt Kreischorleiter Horst-Werner Bremmer. Zum einen sollten die Lieder den Sängerinnen und Sängern Spaß machen, zum anderen natürlich auch dem Zuhörer. „Es gibt hier keine generelle Lösung, die auf alle Chöre zutrifft. Die Lieder müssen immer zum Chor passen. Und was passt, bekommt man nur heraus, wenn man es versucht“, sagt Bremmer.

Die Auswahl sei groß: „Moderne Schlager oder Hits, Volkslieder modern vertont, klassische Lieder, Lieder für die Teilnahme an Wettbewerben oder fremdsprachige Lieder.“ Ein Leitspruch habe aber Gültigkeit für alle Lieder: „Lieber etwas Leichtes und das gut gemacht, als etwas Schweres schlecht gemacht. Wobei die Ergebnisse auch wieder Geschmacksache sind.“

Jede Chorleitung habe ihre Vorlieben und könne die Lieder am besten vermitteln, die ihr am meisten Spaß machten. „Bei allem was wir tun, ist es unser oberstes Ziel, Spaß am Chorgesang zu haben. Nur so können wir neue Menschen zum Mitmachen für dieses tolle Hobby gewinnen“, betont er.

„Eine tolle Erfahrung in diesen Corona-Zeiten ist für mich, wie viele Sängerinnen und Sänger bei Online-Proben oder bei Tonaufnahmen ihre eigene Stimme kennenlernen und mir dann mitteilen, dass sie das Singen in der Gemeinschaft des Chores vermissen. Das Singen in der Gemeinschaft gibt ihren Stimmen Kraft und Energie. Aber dieses Auseinandersetzen mit der eigenen Stimme wird uns für die Zukunft musikalische Vorteile bringen“, ist Bremmer überzeugt.

„Jeder hört an seiner eigenen Stimme die Punkte, die in den Chorproben immer wieder angesprochen werden, etwa die richtige Atemtechnik.“ Er höre immer wieder aus den Reihen der Sänger: „Corona hat mich kurzatmig gemacht. Mir fehlt das Training“, berichtet Bremmer. „Vielleicht wird im Moment dafür aber auch nur das Bewusstsein der Sängerinnen und Sänger geschult.“ 

Historie des Sängerkreises

Die Gründung des Sängerkreises Edertal geht zurück auf den ehemaligen Kantor Adolf Eymer aus Frankenau. Auf seine Einladung hin kamen am 17. März 1901 Vertreter von zwölf Männergesangvereinen aus dem Kreis Frankenberg zusammen und riefen den „Edderthal-Sängerbund“ ins Leben. Bereits am 23. Juni 1901 richtete der neugegründete Sängerbund sein 1. Bundessängerfest in Frankenberg aus. Der erste Sängerwettstreit fand am 7. Mai 1922 in der Festhalle in Frankenberg statt. Ab 1923 gab es unter der Mitwirkung von Preisrichtern des Kurhessischen Sängerbundes in Kassel die ersten Wertungssingen im Sängerbund.

Nach dem 2. Weltkrieg war für 17 Jahre „Funkstille“ im Sängerbund, obwohl einige der Gesangvereine ihre Singtätigkeit über diese Zeit so gut es ging aufrechterhielten. Insbesondere durch Otto Schwieder nahmen sowohl der „Edertal-Sängerbund“ als auch der Mitteldeutsche Sängerbund (MSB) ab April 1950 wieder einen deutlichen Aufschwung. 1980 änderte der Sängerkreis seine offizielle Bezeichnung in „Sängerkreis Edertal“. Seitdem führt der Sängerkreis im jährlichen Wechsel am 1. Maiwochenende ein Wertungssingen bzw. einen Liederabend durch.

Dem Sängerkreis gehören derzeit 17 Vereine an, die elf Männerchöre umfassen (vier davon singen in zwei Chorgemeinschaften, einer ruht), fünf Frauenchöre und zwei gemischte Chöre. Das Amt des 1. Vorsitzenden ist aktuell vakant, stellvertretender Vorsitzender ist Dieter Trollhagen. Kreischorleiter ist seit 2002 Horst-Werner Bremmer, seine Stellvertreterin ist Marion Born. (saengerkreis-edertal.de)

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